Schlüsselwörter: Yoga, Lymphödeme, komplementäre Therapie
in vasomed 2023;35(4):118-119 befindet sich eine gekürzte Version des Beitrages.
Bisherige Studien wurden hauptsächlich unter zwei Gesichtspunkten durchgeführt: der komplementären Behandlung sekundärer Lymphödeme infolge von Krebstherapien (1-10) und dem Einsatz von Yoga-Sequenzen im Rahmen einer Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie (KPE) von Ödemen infolge von Lymphatischer Filariose im überwiegend ländlichen Kontext in Indien (11-15).
Doch was wird analysiert und unter welchen Gesichtspunkten? Einige der Studien nehmen eine Evaluation nach rein physiologischen Kriterien des Ödemumfangs und der Gewebedichte vor (10). In anderen Studien wurde zusätzlich das Untersuchungsinstrument des seit 2004 vielfach eingesetzten Quality-of-Life-Questionnaires für Lymphödeme in Armen und Beinen (LYMQOL) (17-20) als Referenz herangezogen (1, 3, 5, 16). Dies erlaubt auch die Erfassung von biopsychologischen Gesichtspunkten, wie der Verbesserung von Körperhaltung, Bewegungsumfang, Atemmuster und Reduktion von Schmerzen, sowie dem subjektiven Eindruck von Selbstwirksamkeit und besserer Lebensqualität.
Wirkung auf die Lymphe aus ayurvedischer Sicht
Die Betrachtungsweise, aus der im Yoga die Lymphe und der Lymphfluss erfasst werden, ist im traditionellen Wissenssystem des Ayurvedas verortet. In der Anwendung und wissenschaftlichen Überprüfung von „Yoga“ handelt es sich um ein Zusammentreffen unterschiedlicher Wissenssysteme, die aus der jeweiligen kulturell und epistemologisch verorteten Perspektive nicht unmittelbar vollständig erfasst werden können.
Deshalb wird die ayurvedische Sichtweise hier ansatzweise aufgezeigt, um die komplexe Wirkungsweise von Yoga bei Lymphödemen nachzuvollziehen. So wird die Lymphe im Ayurveda als feinstes der sieben Körpergewebe (rasa dhatu) beschrieben, als Plasma, das eng mit dem Körpergewebe des Blutes in Verbindung steht (21). Sowohl das traditionelle Heilwissen des Ayurveda wie auch das Yoga kennen zahlreiche Praktiken, um diese feinste Flüssigkeit im Körper in Bewegung zu halten, deren Wirkungsweise unten beschrieben wird. In der ayurvedischen Diagnostik würden Lymphstau und Ödeme als Überschuss dieses Körpergewebes bezeichnet (rasa vruddhi) und als Symptome einer Störung von Kapha gefasst, einem der drei Funktionsprinzipien, die das Gleichgewicht der Elemente im Körper beschreiben (21). Die Diagnostik umfasst jedoch Aspekte von Gesundheit und Krankheit, die über die physischen Manifestationen hinausgeht und die Analyse der seelischen Verfassung sowie der Lebensumstände und des Lebensstils mit einbeziehen. So könnte eine Störung von Kapha mit Übergewicht, Trägheit, Neigung zur Depression und Widerstand zu Veränderung einhergehen.
Yoga ist im historischen indischen Kontext zunächst eine Form von Philosophie und eine Disziplin zur Erkenntnis und Steuerung des eigenen Selbst, um mit sich selbst und der Welt in Einklang zu kommen. Im klassischen Text der Yoga-Sutras von Patanjali wird diese Disziplin als achtgliedriger Pfad beschrieben (22). Während sechs dieser Pfade sich auf ethische Prinzipien und Aspekte der Meditation sowie die Erforschung des Geistes und der eigenen Emotionen beziehen, sind die heilenden Positionen (Asanas) und die Beschäftigung mit dem Atem (Pranayama) die körperlichen Praktiken, die in der westlichen Kultur gemeinhin als Yoga bekannt sind.
Die Wirkungsebenen wurden z.B. von Narahari et al. zusammengefasst (15, 23): In einer Engführung zur Manuellen Lymphdrainage nach Földi weist Narahari auf die Bedeutung hin, Yoga-Positionen in einer Reihenfolge anzuordnen, die eine Stimulierung der Lymphgefäße von proximal nach distal bewirkt (6, 15). Zunächst wirken Bewegungen der Arme und Schultern in Verbindung mit tiefer Atmung als Druckveränderung auf die Lymphbahnen um die Venenwinkel und begünstigen die Entleerung in die Venae cavae inferior und superior. Tiefe Atmung und Vorbeugen führen zu Druckveränderungen im Thorax und Bauch und stimulieren so die zentralen Lymphgefäße. Durch Bewegung der Gelenke werden axiläre und inguinale Lymphknoten stimuliert. Eine weitere Wirkungsebene liegt in der Stimulierung tiefliegender Lymphbahnen durch die alternierende Kontraktion und Extension der Muskulatur. Der so geförderte venöse Rückfluss begünstigt ebenfalls die Entstauung. Oberflächliche Lymphgefäße erfahren durch Dehnung von Haut und Faszien Stimulierung. Umkehrhaltungen bewirken eine Entlastung und Stimulierung der Lymphgefäße und fördern den Rückfluss durch die Wirkung der Schwerkraft.
Evidenzbasierte Studien
Evidenzbasierte Studien der Wirksamkeit von Yoga weisen auf den ersten Blick keine eindeutige Wirkung in Bezug auf die physiologischen Kriterien des Ödemumfangs und der Gewebedichte auf. Eine 2019 von Wanchai und Armer durchgeführte Metastudie zur Wirkung von Yoga bei Lymphödemen infolge von Brustkrebsbehandlungen kam zu diesem Ergebnis (9), räumte jedoch ein, dass in den bisherigen Studien jeweils unterschiedliche Formen und Sequenzen von Yoga angewendet und evaluiert wurden. Dies wurde bereits 2016 von Narahari et al. kritisch bemerkt (6, 24), die auf die Bedeutung hinwiesen, die Anordnung der Yoga-Serien analog zur Progression der manuellen Lymphdrainage von proximal nach distal zu gestalten (6, 15, 24, 25, 26). In Studien zur Wirksamkeit von Yoga, in denen Yoga auf diese Weise und im Rahmen KPE (nach indischem Vorgehen) eingesetzt wurde, konnten in breit angelegten Studien im Bereich der Ödemtherapie nach Brustkrebs und infolge von Lymphatischer Filariose klar positive Ergebnisse nachgewiesen werden (6, 10-13). Unter physiologischen Gesichtspunkten wird Yoga als alleinige Therapie für nicht ausreichend angesehen (14). Für aussagekräftigere Studien werden weitere Studien mit hoher Rigorosität in Bezug auf die angewendete Yoga-Praxis empfohlen (6, 10, 15, 24).
Aus der Perspektive der deutschen Lymphologie wäre die Überprüfung der Wirkung von Yoga im Rahmen einer KPE und einer klaren Anordnung von proximal nach distal wünschenswert. Unter Einsatz des Untersuchungsinstrumentariums des LYMQOL und ähnlicher Fragestellungen werden indes durchweg positive Ergebnisse sichtbar. So wurde Yoga nach Gewichtsabnahme durch Entstauung als Korrektur für Bewegungsmuster eingesetzt werden, hierdurch wurde eine größere Beweglichkeit und eine Reduktion allgemeiner Körperschmerzen erreicht. Qualitative Interviews mit Teilnehmenden der im Allgemeinen in einem Zeitraum von zwölf Wochen durchgeführten Studien berichten von signifikanten Veränderungen in der Bewegungskompetenz und einem höheren Selbstvertrauen, mit der chronischen Ödemerkrankung selbstwirksam umgehen zu können (5).
Seit Herbst 2022 wird Yoga als Entstauungsgymnastik vom Badischen Behinderten- und Rehasportverband als Rehasport-Angebot zertifiziert und wird in Freiburg in Zusammenarbeit mit der Turnerschaft 1844 e.V. regelmäßig angeboten.