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Dermatologie, Medizin Dermatologie Dermatologie, HAUT
HAUT 4/23

Psoriasis: Mit der Leitlinie im Hinterkopf auf Patientenwünsche eingehen

Betroffene einbinden, individuell behandeln, flexibel bleiben und das alles auf dem Boden medizinischer Leitlinien: Eine Psoriasis ist zwar nicht heilbar. Orientieren sich Dermatologen* jedoch an diesen vier Punkten, dann kann die Psoriasis sehr gut behandelt werden. Dass es dabei niemals nach Schema F zugehen kann, zeigt der Blick auf das Spannungsfeld zwischen individueller und leitliniengerechter Therapie.


08.08.2023
M. Gehoff
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Zitierweise: HAUT 2023;34(4):151-155.

* Zur besseren Lesbarkeit kann in Texten das ­generische Maskulinum verwendet werden. Nichts­destoweniger beziehen sich die Angaben auf ­Angehörige aller Geschlechter.

Die heutige Psoriasisversorgung ist ein Erfolg: In den letzten zwei Jahrzehnten verbesserte sich der DLQI um 35 %, der PASI sogar um 37 %! Auch der 2021 erschienene Hautreport Psoriasis der Techniker-Krankenkasse (TK) hält fest: Wurden 2005 circa 80 % der Patienten mit Psoriasis nicht adäquat behandelt, waren es 2007 noch etwa 60 % und 2018 immerhin noch knapp unter 50 %. Natürlich immer noch zu viele, aber eine starke Verbesserung ist es allemal. Die Lage in Deutschland ist also gut, sie ist aber nicht überall gleich gut, ergo nicht überall für jeden gut.

Ein Blick in den Köcher der Therapeutika verrät: Zu wenige Medikamente für die Behandlung einer Psoriasis gibt es in Deutschland nicht. Allein 18 Arzneimittel sind für die systemische Therapie zugelassen, ergänzt um mehr als zehn Biosimilars. Und mittelfristig wird es auch noch den einen oder anderen Zuwachs geben, denn rund 25 zusätzliche systemische Medikamente befinden sich derzeit noch in Zulassungsstudien. Doch je mehr Arzneimittel es gibt, desto wichtiger ist es, dass Dermatologen diese Präparate nicht nur kennen, sondern sie auch einzusetzen wissen. Denn verschiedene Wirkstoffe greifen in verschiedene biochemische Mechanismen ein und erzielen damit bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Wirkungen. Eine Herausforderung auch für den behandelnden Arzt. Dieser muss stets über die aktuellen Entwicklungen in der Psoriasisversorgung Bescheid wissen und sein Wissen in die Behandlungssituation dieser mitunter komplexen Erkrankung einbringen.

Auch die Patienten sind natürlich unterschiedlich und bringen ihre individuellen Faktoren mit ins Arztgespräch, zum Beispiel unterschiedliche Begleit- und Vorerkrankungen oder ein Therapie-Vorleben mit bereits versuchten, letztlich aber gescheiterten Therapien, die möglicherweise sogar unerwünschte Nebenwirkungen hervorriefen. Dazu hat jeder Patient eigene Wünsche und Ideen, ein eigenes Profil, das der Arzt erkennen und auf das er dann eine Therapie maßschneidern muss. Somit erfordern diese vielen verschiedenen Behandlungssituati­onen wiederum möglichst viele Therapeutika und Therapieansätze. Das eine bedingt das andere.

Maßgeschneiderte Therapie

Sind sichtbare Hautstellen betroffen? Zeigen auch Kopfhaut oder Genitalbereich Hautveränderungen? Wie schwer ist die Erkrankung? Welche Erfahrungen hat der Patient mit Tabletten oder Spritzen gemacht? Und was möchte der Patient überhaupt? Um eine Behandlung möglichst gut auf die Bedürfnisse des Patienten abzustimmen, ist es notwendig, erstmal Maß zu nehmen. Das heißt, sich am Anfang die Zeit zu nehmen und besonders gut zuzuhören und hinzusehen. Etwa 14 % aller Psoriasis-Erkrankungen treten vor dem zehnten Lebensjahr auf, etwa 28 % vor dem 15. Lebensjahr. Zwischen 20 % und 30 % aller Patienten mit Psoriasis, die erstmals aufgrund der Schuppenflechte einen Arzt konsultieren, leben mit dieser Erkrankung bereits seit mehr als 20 Jahren. Das ist ein beachtlicher Koffer, den diese kranken Menschen mit sich herumtragen. Doch wohin soll ihre Reise gehen?

Gerade am Anfang einer Behandlung ist es deshalb für die Dermatologen besonders wichtig, die Bedürfnisse ihrer Patienten zu kennen, also zu wissen: Was möchte mein Patient eigentlich erreichen? Was ist ihm wichtig? Diese Therapieziele können beispielsweise mit den 25 Items des Patient Benefit Index (PBI) erfragt werden. Und je offener und ehrlicher der Patient dabei selbst ist, desto genauer können Arzt und Patient auf das umrissene Behandlungsziel hinarbeiten.

Was sich die meisten Menschen mit Psori­asis in Deutschland wünschen? Vor allem eine schnellere Verbesserung ihrer Haut (94 %) und dabei von allen Hautveränderungen geheilt zu werden (93 %). Auch wichtig: beispielsweise Vertrauen in die Therapie zu haben (90 %), seltener zum Arzt zu müssen (78 %) oder keinen Juckreiz mehr zu haben (76 %). Letztlich ist die Anzahl möglicher Therapieziele groß und immer von den individuellen Vorlieben, Wünschen und Erfahrungen der Patienten geprägt. Für Ärzte ist wichtig, ihre Patienten nicht nur mit durchschnittlichen Annahmen zu umreißen, sondern möglichst detailliert auch die Breite der Patientenschaft zu betrachten. Denn es gibt Patienten, die ganz spezifische Probleme haben und sich zum Beispiel lieber schmerzfreie Gelenke wünschen, als dass alle Plaques verschwinden. 

Neben den Patientenwünschen sieht der Arzt noch eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die es abzuklären gilt. Klinische Merkmale, zum Beispiel die Stelle und die Art der Hautveränderungen oder der Schweregrad der Erkrankung. Aber auch Merkmale der Arzneimittel: Welche Medikamente passen? Sind sie effektiv bei einer derartigen Erkrankung? Wirken sie sich vielleicht aber negativ auf Begleiterkrankungen aus? Wie ist es mit der Sicherheit, der Verträglichkeit und der Anwenderfreundlichkeit? Dazu kommen persönliche Merkmale der Patienten, gibt es beispielsweise vom Alter her Einschränkungen? Und wie ist es mit der Therapietreue? Und dabei auch immer im Hinterkopf: Alles, was Ärzte verordnen, müssen sie auch mit der Zulassung des Medikaments abgleichen. Sieht die Zulassung überhaupt den Einsatz bei dieser Erkrankung vor? Gerade der Off-Label-Einsatz ist insofern kritisch, dass sich verschreibende Ärzte dann potenziell einer Regressforderung durch die Krankenkasse gegenübersehen. Letztlich sind es viele Abwägungen, die ein erfahrener Dermatologe in wenigen Minuten macht. Und die dann zur möglichst optimalen Therapie führen.

Hierfür greifen Ärzte besonders gern zu den modernen Arzneimitteln, von denen sie sich die größte Chance versprechen, zum einen die gesamte systemische Entzündung zu bekämpfen, beispielsweise auch in den Gelenken oder an den Gefäßen, zum anderen aber auch, um die Haut möglichst erscheinungsfrei zu bekommen. Gerade die Erscheinungsfreiheit, das zeigen viele Studien, können viele Menschen mit Psoriasis mit der richtigen Versorgung heutzutage erreichen. Vorbei sind die Zeiten, da ein PASI 50 schon als utopisch galt. Nicht zuletzt garantiert gerade eine erscheinungsfreie Haut eine höhere Lebensqualität. Und wie wichtig diese für Betroffene ist, zeigen ja gerade die Patientenbedürfnisse. Weitgehende Erscheinungsfreiheit bei gleichzeitig hoher Lebensqualität ist heute keine Zukunftsmusik mehr für Menschen mit Psoriasis.

Bestenfalls wird bei der Therapieplanung also geschaut, was die wichtigsten Punkte sind, und anschließend formulieren Arzt und Patient ein gemeinsames Therapieziel.

Leitliniengerechte Therapie

Was ist bei den Kriterien der Behandlung noch ausschlaggebend? Natürlich die Leitlinie zur Psoriasis, zuletzt 2021 aktualisiert. Im deutschen Gesundheitswesen sind Leitlinien ein offizieller Standard, an dem die Therapien auszurichten sind. Dafür sind Leitlinien extra breit aufgestellt. Sie kümmern sich also nicht um Einzelfälle, sondern schaffen einen möglichst großen Rahmen für eine bestmögliche Behandlung, in dem sich das Gros der Behandlungssituationen wiederfinden lässt. Immer auf dem Boden des größtmöglichen wissenschaftlichen Konsenses, aber eben immer auch mit dem Patienten im Blick. 

Die erste Stufe im Schema der leitlinien­gerechten Behandlung ist die Frage nach dem Schweregrad der Psoriasis: Wer eine leichte Psoriasis hat, für den reicht meist schon eine topische Therapie aus. Spricht diese jedoch nicht an oder ist der Leidensdruck für den Betroffenen zu hoch, sollte auf eine innerliche Therapie gewechselt werden. Standardbeispiel für so eine übermäßig starke Belastung sind befallene Nägel. Selbst wenn alle Fuß- und Zehen­nägel betroffen wären: Das Kriterium „mehr als 10 % der Körperoberfläche (BSA) betroffen“, wichtig für die Einteilung als mittelschwere oder schwere Psoriasis, könnte nie erfüllt werden. Auch einen entsprechend hohen PASI (>10) wird man bei besonders stark betroffenen Nägeln niemals erreichen können, denn der PASI ist gar nicht dafür gemacht, die Beteiligung der Nägel zu messen. Welche Probleme es den Betroffenen aber macht, eine starke Nagelpsoriasis zu haben, muss hier nicht weiter erwähnt werden.

Leitfadengerecht topisch behandeln

Stattdessen bleiben wir noch kurz bei der topischen Behandlung. Zwei Wirkstoffe stehen hier im Vordergrund: Glukokortikosteroide und Vitamin-D3-Analoga. Beide gibt es einzeln, aber am wirksamsten sind sie in Kombination. Deswegen steht auch an vorderster Stelle der klar umrissenen topischen Behandlungsreihenfolge ein Sprühschaum, eine Fixkombination aus Calcipotriol und Bethamethason. Studien attestieren schon seit einigen Jahren, dass gerade die Kombination aus Vitamin-D3-Analoga (Cal) und Steroid (Bet) häufig als Sprühschaum besser wirkt als in den Zubereitungsformen Gel oder Salbe. So führt der Schaum, einmal täglich auf die betroffenen Hautstellen aufgetragen, bereits nach zwei Wochen bei 30 % der Patienten zum Behandlungserfolg, nach vier Wochen sogar bei 55 %. Dieselbe Fixkombination in Salbenform kommt nur auf 21 % beziehungsweise 43 %. Erst wenn die Fixkombination nicht anschlägt, sollen laut Leitfaden Steroide oder Vitamin-D3-Analoga als Monotherapie verordnet werden. Jeweils nach zwei bis acht Wochen erfolgt eine Erfolgskontrolle und bestenfalls kann dann auf eine Erhaltungstherapie mit größeren Applikationsabständen umgestellt werden.

Daten des Instituts für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP) belegen, dass die Hautarzt-Gemeinschaft unterschiedlich verordnet: 2017 verschrieb fast jeder zweite Dermatologe initial Kortikosteroide (48 %). Nur knapp weniger Vitamin-D-Analoga (41 %). Und: 37 % der Hautärzte setzten auf Monopräparate, 51 % auf Fixkombinationen und 12 % auf nichtfixe Kombinationen.

Leitliniengerecht systemisch behandeln

Soll hingegen systemisch behandelt werden, so öffnen sich zwei Behandlungsarme: Einerseits die oral einzunehmenden Nicht-Biologika und andererseits die Biologika, die injiziert werden müssen. Wann sollte das eine, wann das andere eingesetzt werden? Nicht-Biologika, allen voran Methotrexat und Fumarsäureester, sollten vor allem immer dann eingesetzt werden, wenn der Arzt davon ausgeht, dass diese Arzneien hinreichend wirksam sind, um das Therapieziel auch zu erreichen. Das ist vor allem bei der mittelschweren Psoriasis der Regelfall. Für schwere Formen sind Nicht-Biologika aber zu schwach und es sollte deshalb gleich ein Biologikum genommen werden. Ein Blick in das Deutsche Psoriasis-Register PsoBest verrät: Bekommen Patienten eine neue Therapie, dann erhalten zwei von drei Patienten Metho­trexat oder Fumarate (51 % vs. 47 %) und das verbleibende Drittel wird gleich auf Biologika eingestellt. Häufigste First-Line-Biologika sind Secukinumab (29 %), Guselkumab (20 %) und Ixekizumab (15 %). Nebenbei zeigen die PsoBest-Daten, dass gerade das große Arsenal an Biologika es möglich macht, für jeden Einzelnen das passende Präparat zu finden.

Leitliniengerechte Therapie bei Heranwachsenden

Einige für Erwachsene zugelassene Medikamente sind auch für Heranwachsende zugelassen: Fünf Biologika sowie das Nichtbiologikum Acitretin, dieses allerdings nur für die Psoriasis pustulosa. Es gibt also auch für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen, vor allem solcher mit einer mittelschweren Schuppenflechte, bereits eine gewisse Anzahl an Medikamenten. Diese Arzneien und ihre Bewertung finden sich auch wieder in der im Frühjahr 2022 erschienenen S2k-Leitlinie zur Therapie einer Psoriasis bei Kindern und Jugendlichen. Auch bei dieser gilt in Kurzform: Vor allem bei der leichten Psoriasis sollte immer erst eine topische Therapie geprüft werden. Einsetzbare Arzneimittel sind dann wiederum vor allem Kortison und Vitamin-D3-Analoga. Bei mittelschwerer bis schwerer Psoriasis kommen für die Erstlinien­behandlung die drei Biologika Adalimumab, Ixekizumab und Secukinumab infrage, nachgeordnet als Second-Line-­Präparate Etanercept und Ustekinumab. Die Nichtbiologika Methotrexat, Ciclosporin und Fumarsäure­ester haben hingegen alle keine Zulassung im Kindes- und Jugendalter und können damit allenfalls mit den bekannten potenziellen Konsequenzen off-Label gegeben werden. Was klar auffällt: Im Gegensatz zur Behandlung von Erwachsenen präferiert die Leitlinie bei Kindern und Jugendlichen ganz klar den Einsatz von Biologika bei einer mittelschweren oder schweren Psoriasis. Nicht verschwiegen werden soll, dass in Ausnahmefällen und nur bei Jugendlichen auch auf eine UV-Fototherapie zurückgegriffen werden kann.

Die Zukunft: personalisierte Medizin

Der nächste Schritt wäre: Weg von der „One fits all“-Medizin, hin zu einer Medizin, die für jeden Patienten eine auf ihn zugeschnittene Therapie mit den optimalen Medikamenten bereithält. Dann untersucht der Arzt seinen Patienten, analysiert dessen Biomarker und sucht anschließend aus dem Arsenal an Therapeutika das für diesen Patienten auch biochemisch exakt abgestimmte Arzneimittel aus. 

Fazit

Jeder Patient ist anders und jede Behandlungssituation ist anders. Ein Blick in die Leitlinien schadet deswegen niemals.

Literatur

1. S3-Leitlinie „Therapie der Psoriasis vulgaris“, https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/013-001.html 
2. S2k-Leitlinie „Therapie der Psoriasis bei Kindern und Jugendlichen“, https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/013-094.html

Mario Gehoff, Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Mit freundlicher Genehmigung  des PsoNet-Magazins.

Regionale Psoriasisnetze in Deutschland (PsoNet)

Mehr Versorgungsqualität durch Vernetzung: Immer mehr regionale Psoriasis-Netzwerke schließen sich bundesweit mit Unterstützung von der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) und dem Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) unter dem Namen PsoNet zusammen. 

In den regionalen Netzen arbeiten dermatologische Praxen und Kliniken bei der Behandlung der mittelschweren bis schweren Psoriasis zusammen. Das Netz steht allen Dermatologen und ihren Kooperationspartnern offen. Der kontinuierliche fachliche Austausch, die einheitliche Implementierung der S3-Leitlinie und ein kontinuierliches Qualitätsmanagement sichern eine Patientenversorgung auf höchstem medizinischem Niveau. 

Fachärzte für Dermatologie gründen regionale Psoriasisnetze eigenständig; sie verwalten und koordinieren Maßnahmen wie regionale Fortbildungs- und Informationsveranstaltungen. Für Gründung und Gestaltung der Praxisnetzwerke hat die Deutsche Dermatologische Akademie (DDA) in Zusammenarbeit mit dem Competenzzentrum Versorgungsforschung in der Dermatologie (CVderm) einen Katalog von Qualitätskriterien erarbeitet. Das CVderm unterstützt die beteiligten Praxen und Kliniken durch koordinierende, moderierende und evaluierende Maßnahmen auf regionaler und bundesweiter Ebene. 

Sind auch Sie interessiert? 
Informationen finden Sie hier: www.psonet.de