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Teil 2: Der „schwierige“ Patient in der Praxis

Umgang mit Nonadhärenz

Internationalen Studien zufolge befolgt ein Drittel bis die Hälfte der Patienten die Therapieempfehlungen der Ärzte nicht oder nicht ausreichend. Das kann mitunter frustrierend sein. Während es nicht den „richtigen“ oder „falschen“ Umgang mit Menschen gibt, kann man sich die Kommunikation erleichtern, wenn man sich der Wirkungen verschiedener Einflüsse auf verbaler und nonverbaler Ebene bewusst wird.


30.09.2019
B. Hickey
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In internationalen Studien erreicht die Nondadhärenz bzw. Noncompliance in der Arzneimitteltherapie von Patienten mit chronischen Erkrankungen und Dauermedikation Quoten von 30 bis 50 Prozent.1,2 Demnach befolgt ein Drittel bis die Hälfte der Patienten die Therapieempfehlungen der Ärzte nicht oder nicht ausreichend. Es ist frustrierend und zeitraubend, einen uneinsichtigen Patienten vor sich zu haben, bei dem scheinbar alle Therapieversuche trotz eindringlicher Beratungen und Warnungen vor den Folgen nicht fruchten. Bei den Überlegungen, welche Ursachen dafür mitverantwortlich sein könnten, stellt sich das Thema vielschichtiger dar als zunächst angenommen.

HÄUFIGER "PROBLEMTYP"

Patienten mit fehlender Therapietreue
Patienten, die ihre Medikamente nicht wie besprochen einnehmen, uneinsichtig sein können und bei denen diverse Therapieversuche scheinbar erfolglos bleiben.

Auf der Seite des Patienten sind z. B. folgende Einflüsse denkbar: Der Patient ...

  • hat nach Besserung der Symptome/Laborwerte die Medikamente eigenständig abgesetzt in der Annahme, dass er sie nicht mehr (dauerhaft) brauche.
  • hat einiges erfolglos „ausprobiert“ und keine Lust mehr auf einen weiteren Therapieversuch.
  • bekommt diverse andere Medikamente verschrieben und möchte keine weiteren einnehmen.
  • hat einen sekundären Krankheitsgewinn.
  • glaubt nicht an den Therapieerfolg.
  • hat keine Geduld, auf den (verzögerten) Einsatz der Wirkung zu warten (z.B. bei Antidepressiva oder Hormonen).
  • ist nicht über eine eventuelle Erstverschlimmerung informiert worden.
  • zweifelt an der Kompetenz des Arztes bzw. dessen Überzeugung bezüglich der Methode.
  • reagiert unterschiedlich je nach „Typ“: eher selbstbewusst/eigenständig oder ängstlich/abhängig. Als junger Mensch ist er möglicherweise internetaffin; als älterer Patient mag er eher noch „obrigkeitshörig“ und auch vergesslich sein.
  • lässt sich je nach Informationsstand unterschiedlich beraten: Hat er fragmentarische Informationen aus verschiedenen Quellen oder fundiertes Wissen als Basis für ein Gespräch?
  • sieht sich unterschiedlichen Aussagen über die empfohlene Therapie von anderen Ärzten, im Internet, in der Familie oder von Freunden gegenüber.
  • empfindet die gesteckten Ziele bzw. Etappen als nicht erreichbar (z. B. zu viel Gewichtsreduktion/Änderungen in der Ernährungsumstellung in zu kurzer Zeit).
  • merkt (unbewusst), dass noch etwas anderes für sein Problem „ursächlich“ verantwortlich ist (z. B. auf der psychischen Ebene) und ist nicht davon überzeugt, dass die empfohlene Therapie das „Dahinterliegende“ letztendlich lösen kann.
  • spürt eine Distanz bzw. unstimmige Chemie zwischen ihm und dem Arzt.

Hier stellt sich die Frage, ob wir die genannten Themen im Patientengespräch ausreichend beherzigt haben.

Einflüsse auf die Compliance

Seitens des Arztes wirken sich darüber hinaus z.B. folgende Einflüsse auf die Compliance aus:

  • Der Glaube des Arztes an die Therapie im Allgemeinen oder insbesondere in Bezug auf den Patienten: Ist er selbst davon überzeugt und kann damit auf den Patienten überzeugend wirken? Oder muss er anders handeln, als er eigentlich möchte (leitliniengerecht, aus Zeitmangel ein Rezept ausstellen, statt mit ihm ausführlicher zu reden etc.)?
  • Die Sprache des Arztes: Erreicht sie den Patienten (z. B. Übermaß an Fremdwörtern)? Sicherheit vermittelnde Aussagen: z. B. Indikativ statt Konjunktiv? Überzeugende Beispiele, passende Metaphern?
  • Die Motivationsfähigkeit des Arztes: Ist seine Sprache „auf etwas zu“ orientiert (Best Case) oder „von etwas weg“ orientiert (Worst Case)? Wird die innere bzw. äußere Referenz des Patienten berücksichtigt (Orientierung am eigenen Gefühl vs. an dem, was andere über einen denken)? Sind die Etappen der zu erreichenden Ziele auf den Typ des Patienten zugeschnitten: Kann er sich eher auf kleine (Zwischen-)schritte einlassen oder braucht er das Endresultat als Fokus?

Wie kann die Mitarbeit des Patienten gesteigert werden?

Auch bei reduzierten Möglichkeiten im Alltag macht es Sinn, sich etwas Zeit zu nehmen, um herauszufinden, was den Patienten daran hindern könnte, die Therapievorschläge umzusetzen. Möglicherweise tritt ein Einwand zutage, der behoben werden kann. Folgende Fragen lassen sich dafür einsetzen:

  • „Gibt es etwas, was es Ihnen erschwert bzw. was Sie davon abhält, die Medikamente so einzunehmen, wie besprochen?“
    (= auf das Problem fokussiert).
  • Oder: „Was müsste geschehen, damit Sie die Therapie so umsetzen (können), wie vereinbart?“ (= auf die Lösung fokussiert).

Es kann auch sinnvoll sein, den Patienten schon im Vorfeld folgendermaßen anzusprechen:

  • „Manche Patienten nehmen ihre Medikamente nicht sehr zuverlässig ein. Wenn Sie Bedenken haben oder Gründe, warum Sie die Tabletten nicht weiternehmen möchten, lassen Sie uns das bitte wissen! Dann können wir das besprechen und eine Lösung finden.“

Best-Case-Szenario darstellen

Die meisten Menschen sind eher mit einem Best-Case-Szenario zu motivieren. Dabei wird über den günstigsten Fall, der durch die Behandlung mit großer Wahrscheinlichkeit eintritt, informiert. Ausschlaggebend für eine gute Adhärenz ist die Frage, ob wir es schaffen, den Patienten nonverbal und verbal zu erreichen. Bereits eine ähnliche Körperhaltung oder das Aufgreifen seiner Worte im Gespräch gibt dem Patienten das Gefühl, verstanden zu werden. Auch Metaphern, die in das private bzw. berufliche Leben des Patienten passen, entfalten eine anziehende Wirkung. Allgemein erzeugen positiv besetzte Worte wie „es lohnt sich, extra für Sie, Sie gewinnen, maßgeschneidert, langjährige Erfahrung“ etc. ein angenehmes Gefühl.

Überzeugender wirkt der Arzt auch, wenn er den Indikativ verwendet („ich empfehle Ihnen...“), statt mit dem Konjunktiv („ich würde Ihnen folgendes empfehlen...“) unbewusst Unsicherheit zu verbreiten. Oder: „Das hilft Ihnen“ statt „das könnte/müsste Ihnen helfen“. Der Patient möchte wissen, was ihm hilft und nicht, was ihm helfen könnte. Auch Füllwörter wie „eigentlich, möglicherweise, eventuell, vielleicht“ schwächen das Gesagte ab. Der Konjunktiv kann allerdings sinnvoll sein, wenn es um die Abwägung mehrerer Therapieoptionen geht.

Wichtig ist die Darstellung des Nutzens für den Patienten: Was hat er davon, wenn er die Tabletten regelmäßig nimmt, wovor wird er geschützt? Gut ist es, wenn wir in ihm anziehende innere Bilder und gute Gefühle gleichzeitig erzeugen und einen konkreten ersten Schritt vereinbaren können.

Beispiel: Gewichtsreduktion

  • „Stellen Sie sich vor, Sie passen wieder in Kleidergröße 42.“,
  • „Wissen Sie, wieviel besser Sie sich fühlen/was die anderen sagen werden, wenn Sie Ihr Gewicht reduzieren?“
  • „Womit fangen Sie morgen konkret/am besten an?“

Beispiel: Rauchentwöhnung

  • „Angenommen, Sie geben die Packung Zigaretten pro Tag auf, was gönnen Sie sich dann mit den gesparten 250 Euro pro Monat, das sind 3.000 Euro pro Jahr?“
  • „Und wie fühlt sich das an, wieder besser durchatmen und ihren Lieblingssport treiben zu können?“

Worst-Case-Szenario skizzieren

Haben wir es mit einem Patienten zu tun, der z. B. trotz schlechter Blutwerte, erhöhtem Blutdruck und Übergewicht auf positive Motivation und mehrfache Hinweise bezüglich der Konsequenzen nicht reagiert, ist es durchaus angebracht, ihm mithilfe des Worst-Case-Szenarios darzustellen, was passieren könnte: „Wenn Sie keine Tabletten einnehmen, riskieren Sie ... mit den Folgen ... .“ In sich steigernden Stufen wird dargestellt, wie sich die Situation unwiederbringlich verschlimmert – „wie eine Lawine, die ins Rollen gerät“, wenn er etwa sein Gewicht nicht reduziert. Der Leidensdruck zur Veränderung ist bekanntlich nicht hoch, wenn Warnsignale wie erhöhter Blutdruck oder pathologische Blutwerte keine Schmerzen verursachen. Dann kann ein konkretes Beispiel helfen oder mit Fragen eine abschreckende innere Vorstellung erzeugt werden: „Vielleicht kennen Sie einen Pflegefall in Ihrer Bekanntschaft, möchten Sie wirklich riskieren, ebenfalls abhängig von anderen Menschen zu sein?“ Es ist wichtig, dass der Patient versteht, dass es hier nicht um Präventivmaßnahmen geht, sondern um akuten Handlungsbedarf, um die rollende Lawine noch aufzuhalten. Allerdings haben Furchtappelle eher dann eine positive Wirkung, wenn gleichzeitig die Bewältigungsstrategien gestärkt werden und der Patient konkrete Unterstützung für das gewünschte Verhalten erhält!

Fazit

Sicher ist es nicht möglich, jeden Patienten mit fehlender Adhärenz so zu motivieren, dass er seine notwendige Therapie verlässlich umsetzt. Aber es lohnt sich, zu ergründen, was dem entgegensteht und möglichst maßgeschneiderte Anreize für den jeweiligen Menschen zu finden. Schließlich ist ein „gut eingestellter“ und zufriedener Patient die beste Motivation auch für uns selbst.

Autorin

Dr. med. Birgit Hickey
Fachärztin für Allgemeinmedizin
Diplom-Biologin
Niedergelassen in eigener Praxis seit 1992, Tätigkeitsschwerpunkt:
Systemische Medizin und -Familientherapie, Systemische Kommunikation und -Mediation. Durchführung von Kommunikationstrainings für Praxen und Kliniken seit 1993. Praxis in Münster: VitalCenter, Gasselstiege 23, 48159 Münster, Tel.: 0251/ 3220031
www.birgit-hickey.de

Literatur

1 www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2011/daz-28-2011/nicht-adhaerenz-von-patienten-und-adhaerenz-programme
2 www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/special-arzt-patient/article/869852/arzt-patient-bessere-kommunikation-hoehere-therapietreue.html
Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.