Wie kann die Mitarbeit des Patienten gesteigert werden?
Auch bei reduzierten Möglichkeiten im Alltag macht es Sinn, sich etwas Zeit zu nehmen, um herauszufinden, was den Patienten daran hindern könnte, die Therapievorschläge umzusetzen. Möglicherweise tritt ein Einwand zutage, der behoben werden kann. Folgende Fragen lassen sich dafür einsetzen:
- „Gibt es etwas, was es Ihnen erschwert bzw. was Sie davon abhält, die Medikamente so einzunehmen, wie besprochen?“
(= auf das Problem fokussiert). - Oder: „Was müsste geschehen, damit Sie die Therapie so umsetzen (können), wie vereinbart?“ (= auf die Lösung fokussiert).
Es kann auch sinnvoll sein, den Patienten schon im Vorfeld folgendermaßen anzusprechen:
- „Manche Patienten nehmen ihre Medikamente nicht sehr zuverlässig ein. Wenn Sie Bedenken haben oder Gründe, warum Sie die Tabletten nicht weiternehmen möchten, lassen Sie uns das bitte wissen! Dann können wir das besprechen und eine Lösung finden.“
Best-Case-Szenario darstellen
Die meisten Menschen sind eher mit einem Best-Case-Szenario zu motivieren. Dabei wird über den günstigsten Fall, der durch die Behandlung mit großer Wahrscheinlichkeit eintritt, informiert. Ausschlaggebend für eine gute Adhärenz ist die Frage, ob wir es schaffen, den Patienten nonverbal und verbal zu erreichen. Bereits eine ähnliche Körperhaltung oder das Aufgreifen seiner Worte im Gespräch gibt dem Patienten das Gefühl, verstanden zu werden. Auch Metaphern, die in das private bzw. berufliche Leben des Patienten passen, entfalten eine anziehende Wirkung. Allgemein erzeugen positiv besetzte Worte wie „es lohnt sich, extra für Sie, Sie gewinnen, maßgeschneidert, langjährige Erfahrung“ etc. ein angenehmes Gefühl.
Überzeugender wirkt der Arzt auch, wenn er den Indikativ verwendet („ich empfehle Ihnen...“), statt mit dem Konjunktiv („ich würde Ihnen folgendes empfehlen...“) unbewusst Unsicherheit zu verbreiten. Oder: „Das hilft Ihnen“ statt „das könnte/müsste Ihnen helfen“. Der Patient möchte wissen, was ihm hilft und nicht, was ihm helfen könnte. Auch Füllwörter wie „eigentlich, möglicherweise, eventuell, vielleicht“ schwächen das Gesagte ab. Der Konjunktiv kann allerdings sinnvoll sein, wenn es um die Abwägung mehrerer Therapieoptionen geht.
Wichtig ist die Darstellung des Nutzens für den Patienten: Was hat er davon, wenn er die Tabletten regelmäßig nimmt, wovor wird er geschützt? Gut ist es, wenn wir in ihm anziehende innere Bilder und gute Gefühle gleichzeitig erzeugen und einen konkreten ersten Schritt vereinbaren können.
Beispiel: Gewichtsreduktion
- „Stellen Sie sich vor, Sie passen wieder in Kleidergröße 42.“,
- „Wissen Sie, wieviel besser Sie sich fühlen/was die anderen sagen werden, wenn Sie Ihr Gewicht reduzieren?“
- „Womit fangen Sie morgen konkret/am besten an?“
Beispiel: Rauchentwöhnung
- „Angenommen, Sie geben die Packung Zigaretten pro Tag auf, was gönnen Sie sich dann mit den gesparten 250 Euro pro Monat, das sind 3.000 Euro pro Jahr?“
- „Und wie fühlt sich das an, wieder besser durchatmen und ihren Lieblingssport treiben zu können?“
Worst-Case-Szenario skizzieren
Haben wir es mit einem Patienten zu tun, der z. B. trotz schlechter Blutwerte, erhöhtem Blutdruck und Übergewicht auf positive Motivation und mehrfache Hinweise bezüglich der Konsequenzen nicht reagiert, ist es durchaus angebracht, ihm mithilfe des Worst-Case-Szenarios darzustellen, was passieren könnte: „Wenn Sie keine Tabletten einnehmen, riskieren Sie ... mit den Folgen ... .“ In sich steigernden Stufen wird dargestellt, wie sich die Situation unwiederbringlich verschlimmert – „wie eine Lawine, die ins Rollen gerät“, wenn er etwa sein Gewicht nicht reduziert. Der Leidensdruck zur Veränderung ist bekanntlich nicht hoch, wenn Warnsignale wie erhöhter Blutdruck oder pathologische Blutwerte keine Schmerzen verursachen. Dann kann ein konkretes Beispiel helfen oder mit Fragen eine abschreckende innere Vorstellung erzeugt werden: „Vielleicht kennen Sie einen Pflegefall in Ihrer Bekanntschaft, möchten Sie wirklich riskieren, ebenfalls abhängig von anderen Menschen zu sein?“ Es ist wichtig, dass der Patient versteht, dass es hier nicht um Präventivmaßnahmen geht, sondern um akuten Handlungsbedarf, um die rollende Lawine noch aufzuhalten. Allerdings haben Furchtappelle eher dann eine positive Wirkung, wenn gleichzeitig die Bewältigungsstrategien gestärkt werden und der Patient konkrete Unterstützung für das gewünschte Verhalten erhält!
Fazit
Sicher ist es nicht möglich, jeden Patienten mit fehlender Adhärenz so zu motivieren, dass er seine notwendige Therapie verlässlich umsetzt. Aber es lohnt sich, zu ergründen, was dem entgegensteht und möglichst maßgeschneiderte Anreize für den jeweiligen Menschen zu finden. Schließlich ist ein „gut eingestellter“ und zufriedener Patient die beste Motivation auch für uns selbst.