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899 schwerwiegende unerwünschte Ereignisse durch Cyanoacrylat-Klebeverschluss bei Varikose

Der Cyanoacrylat-Klebeverschluss (CAK) wird als vielversprechendes Verfahren für die Behandlung von Saphenavenen im Kontext chronischer Venenerkrankungen (CVD) betrachtet und wird als „sicher und effektiv“ beworben. Das Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Kurosh Parsi aus Australien hat sich zum Ziel gesetzt, eine detaillierte Analyse der schwerwiegenden Nebenwirkungen, die im Zusammenhang mit der Verwendung von CAK auftreten können, durchzuführen (1). Obwohl bisherige Studien solche Ereignisse als selten dargestellt haben und diese meist nur in Einzelfallberichten erwähnt wurden, erscheint es wichtig, diese potenziellen Risiken genauer zu untersuchen.


03.05.2024
E. Mendoza
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ZITIERWEISE: VASOMED 2024; 36(3): 106-107

­Die Anwendung von CAK beinhaltet die Punktion der distalen V. saphena und die Einführung eines Katheters bis zum proximalen Ende, gefolgt von der Injektion einer speziellen Form von n-Butyl-2-Cyanoacrylat (n-BCA) in die Zielvene. Durch eine chemische Reaktion polymerisiert das n-BCA zu einem festen Klebstoff und führt zu einer Entzündungsreaktion, die letztendlich zum Verschluss des Gefäßes führt. Eine der Hauptkontraindikationen ist eine Überempfindlichkeit gegen n-BCA.

Als erstes CAK-Produkt kam VenaSeal™ auf den Markt und wurde 2011 in der Europäischen Union zugelassen, gefolgt von Australien und den USA in den Jahren 2012 bzw. 2015. Seitdem sind ähnliche Produkte wie VenaBlock™,  VeinOff™, VariClose™ und Venex™ auf den internationalen Märkten erschienen. Die konkurrierenden Produkte verwenden eigene Formen des flüssigen Klebstoffs und beanspruchen einzigartige physikalisch-chemische Eigenschaften, die die klinische Anwendung beeinflussen können. Die Zusammensetzung des jeweiligen „Klebers“ ist jedoch geschützt und wird nicht offengelegt, da diese Produkte als „Gerät“ und nicht als intravenöses Medikament oder Arzneimittel registriert sind.
 

Referat zu

Parsi K, Zhang L, Whiteley MS et al. 899 serious adverse events including 13 deaths, 7 strokes, 211 thromboembolic events, and 482 immune reactions: The untold story of cyano­acrylate adhesive closure.
Phlebology 2024;39(2):80-95. doi: 10.1177/02683555231211086. Epub 2023 Oct 30. PMID: 37902099.

Methoden

In der Studie von Parsi et al. (1) wurden die Total Product Life Cycle (TPLC)-Datenbank der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA)a ausgewertet sowie die Database of Adverse Event Notifications (DAEN)b der australischen Therapeutic Goods Administration (TGA) und die Yellow Card-Datenbank der britischen Medicines and Healthcare Products Regulatory Agency (MHRA)c

Gesucht wurden Meldungen zu VenaSeal™ (Medtronic Inc; Minnesota, USA), VenaBlock™ (Invamed; Ankara, Türkei), VeinOff™ (Invamed; Ankara, Türkei), VariClose™ (Biolas Health Inc; Ankara, Türkei) und Venex™ (Vesta Medical Devices; Ankara, Türkei). Zusätzlich wurde eine umfassende Literaturrecherche (nicht nur auf Englisch) zu den Namen der CAK-Produkte, Varikose, Therapiekomplikationen durchgeführt. 

Ergebnisse

Die Analyse der FDA-Datenbank ergab insgesamt 899 Berichte über schwerwiegende Ereignisse im Zusammenhang mit der Verwendung von CAK, darunter 13 Todesfälle, sieben Schlaganfälle, 211 thromboembolische Ereignisse und 482 Immunreaktionen. Interessant ist, dass andere Behörden wie die TGA und die MHRA weniger Ereignisse registrierten, was auf unterschiedliche Meldestandards zurückzuführen ist. 
Die Diskrepanz zwischen den offiziell (und teils nicht öffentlich zugänglichen) gemeldeten Ereignissen und den in der medizinischen Literatur veröffentlichten Fallberichten ist alarmierend und deutet auf eine mögliche Unterberichterstattung hin.

Diskussion

Die ersten Studien und Berichte (gesponsert von den Herstellern) lassen darauf schließen, dass CAK ein sicheres Verfahren sei, jedoch haben zunehmend Fallberichte von schwerwiegenden Reaktionen Zweifel aufkommen lassen. Die in der vorliegenden Studie aufgedeckte Diskrepanz zwischen den gemeldeten und veröffentlichten Ereignissen verdeutlicht die Notwendigkeit einer gründlichen Erforschung der potenziellen Risiken und einer verbesserten Meldestruktur.

Zusammenfassung

Die Analyse zeigt, dass es eine potenzielle Unterberichterstattung schwerwiegender Ereignisse im Zusammenhang mit der Verwendung von CAK gibt. Es ist von entscheidender Bedeutung, solche Ereignisse genau zu erfassen und zu veröffentlichen, um ein umfassendes Verständnis der Risiken zu erlangen. Außerdem sollten Mechanismen zur Erfassung von Nebenwirkungen neuer Verfahren verbessert werden.

Kommentar

Die Diskrepanz zwischen gemeldeten und publizierten Ereignissen wird sicherlich nicht nur bei den Cyanoakrylaten vorliegen, sondern bei jedem der von uns verwendeten Produkte und Medikamente. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer verbesserten Meldestruktur und einer offenen Diskussion über potenzielle Risiken. Das ist besonders dann der Fall, wenn Alternativen mit bekannten Wirkmechanismen (z. B. Hitze oder Denaturierung des Endothels durch Chemikalien) bereits existieren, die keine potentiellen neuen Bedrohungen mit sich bringen. Die neuen Alternativen müssen dann ihre Unbedenklichkeit besonders nachweisen – speziell beim Einsatz von Substanzen mit möglichen unbekannten Nebenwirkungen bei intravasaler Anwendung. Daher verdient diese Arbeit besondere Aufmerksamkeit und zeigt, dass unabhängige weitere Untersuchungen nötig sind.


  • a    Die MAUDE-Datenbank (Manufacturer and User Facility Device Experience) der FDA bietet eine Plattform für die Übermittlung von Berichten über Medizinprodukte (Medical Device Reports, MDR) und über mutmaßliche Todesfälle, Verletzungen und Fehlfunktionen im Zusammenhang mit Medizinprodukten. Die Meldung schwerwiegender unerwünschter Ereignisse ist für alle an der Lieferkette von therapeutischen Produkten beteiligten Personen und Institutionen obligatorisch und umfasst Hersteller, Importeure und Anwendereinrichtungen von Medizinprodukten (Krankenhäuser). Interessant ist, dass (private) Praxen, private Kliniken und Ärzte nicht dazu verpflichtet sind. Bei der FDA-Datenbank Total Product Life Cycle (TPLC) handelt es sich um eine FDA-Datenbank, die ihre Daten aus mehreren anderen FDA-Datenbanken wie MAUDE bezieht und daher sowohl Daten aus der Zeit vor dem Inverkehrbringen als auch aus der Zeit nach dem Inverkehrbringen von registrierten Medizinprodukten enthält. 
  • b    Die australische Therapeutic Goods Administration (TGA) ist für die Regulierung von therapeutischen Produkten zuständig, die in Australien zugelassen wurden. Die TGA Data­base of Adverse Event Notifications (DAEN) bietet eine Plattform für die Meldung von unerwünschten Ereignissen und die Abfrage der eingereichten Daten, die der Öffentlichkeit zugänglich ist.
  • c    Die Yellow-Card-Datenbank der britischen Medicines and Healthcare products Regulatory Agency (MHRA) bietet eine Plattform für die Meldung von unerwünschten Ereignissen, aber die Datenbank ist nur für im Vereinigten Königreich registriertes Gesundheitspersonal zugänglich. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten ist die Meldung von unerwünschten Ereignissen in Australien, Großbritannien und der Europäischen Union nur für Produkthersteller, Sponsoren und deren gesetzliche Vertreter verpflichtend, nicht aber für Einrichtungen, die Produkte verwenden, wie z. B. Krankenhäuser oder Ärzte. 

Literatur
1.    Parsi K, Zhang L, Whiteley MS et al. 899 serious adverse events including 13 deaths, 7 strokes, 211 thromboembolic events, and 482 immune reactions: The untold story of cyanoacrylate adhesive closure. Phlebology 2024;39(2):80-95. doi: 10.1177/02683555231211086. Epub 2023 Oct 30. PMID: 37902099.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Erika Mendoza
Venenpraxis Wunstorf
Speckenstraße 10
31515 Wunstorf
erika.mendoza(at)t-online.de

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