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Gefäßchirurgie, Gefäßmedizin, Medizin Gefäßmedizin Gefäßmedizin, vasomed
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Mechanochemische Ablation

Da die Rezidivrate bei der sehr sanften Behandlungsform der ultraschallgesteuerten Schaumsklerotherapie im Vergleich zu thermischen Verfahren deutlich höher ist und häufig wiederholte Behandlungen erforderlich sind, wurde die mechanochemische Ablation entwickelt. Bei ihr erfolgt zusätzlich zur Applikation von flüssigem bzw. aufgeschäumtem Sklerosierungsmittel (Polidocanol oder Sodium-Tetradecyl-Sulfat (STS)) eine Irritation der Gefäßwand mithilfe eines Katheters. Diese mechanische Endothelschädigung verursacht einen Gefäßspasmus und führt zu einer verstärkten Freisetzung endothelialer Botenstoffe.


01.07.2024
T. Hirsch
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ZITIERWEISE: VASOMED 2024; 36(4): 137-138

Indikationen und Kontraindikationen

Aktuell sind in Deutschland zwei Geräte zur mechanochemischen Ablation der Stammvenen zugelassen. Da auch bei der mechanochemischen Ablation auf eine Tumeszenz­lokalanästhesie verzichtet werden kann und keine Hitzeeinwirkung erforderlich ist, ist diese Methode mit einer sehr niedrigen Inzidenz für Nervenläsionen verbunden. Aufgrund dessen ist die Methode besonders gut geeignet für die Behandlung im Bereich der Unterschenkelvenen (distale V. saphena magna und V. saphena parva) sowie in  Regionen, in denen wegen der oben genannten Gründe eine thermische Behandlung nicht uneingeschränkt möglich ist. 

Kontraindikationen stellen die akute Phlebothrombose sowie eine Allergie auf das jeweils verwendete Sklerosierungsmittel dar. Die technischen Erfolge verschlechtern sich bei Venendurchmessern > 8 mm.

Praktische Durchführung

ClariVein® (Merit Medical, USA)

Das ClariVein®-Behandlungssystem ist seit 2010 verfügbar und besteht aus einem sehr zarten Katheter, aus dessen Lumen ein Draht mit einem abgewinkelten Ende herausragt. Der Katheter kann über eine Punktions­kanüle oder eine 18G-Venenverweilka­nüle in die zu behandelnde Vene eingebracht und bis zur Crosse vorgeschoben werden. Über die Betätigung eines Abzuges am Handteil bewirkt ein Elektromotor eine Rotation des Drahtes (3.500 Umdrehungen pro Minute) während des kontinuierlichen Rückzuges des Katheters (Abb. 1). Gleichzeitig wird flüssiges Sklerosierungsmittel (Polidocanol 2 %) über eine mit dem Handteil konnektierte Spritze abgegeben. Rückzugsgeschwindigkeit (5–6 s/cm) und Geschwindigkeit der Medikamentenabgabe sind vom Hersteller vorgegeben. Der rotierende Draht bewirkt einerseits eine Reizung bzw. Zerstörung des Endothels. Zusätzlich wird das über das Katheterlumen eingespritzte Verödungsmedikament verwirbelt, wodurch eine bessere Oberflächenwirkung am Endothel verursacht wird (7, 10). 

Flebogrif® (Balton, Polen)

Das zweite in Deutschland verfügbare Behandlungssystem Flebogrif® wird im Gegensatz dazu mit aufgeschäumtem Sklerosierungsmittel verwendet. Der Endothel­defekt wird ausgelöst durch Mikroklingen, die sich über das Kathetersystem entfalten lassen (Abb. 2). 

Das System wird über eine Seldinger-Schleuse und einen Führungsdraht in die Vene eingeführt und bis zur Crosse vorgeschoben. Nach Entfaltung der Klingen erfolgt ein erster Rückzug zunächst ohne Abgabe des Sklerosierungsmittels über den belassenen Führungsdraht. Die Klingen können danach wieder in den Katheter zurückgezogen werden, um ihn über den Draht wieder zur Crosse zurückzuführen. Als Ergebnis lässt sich bereits ein deutlicher Spasmus der Vene beobachten. Die Prozedur wird anschließend langsam wiederholt, wobei zeitgleich das aufgeschäumte Sklerosierungsmittel (Polidocanol 1–3 %) abgegeben wird (13). 

Das Gerät ist als Medizinprodukt zugelassen und vom Hersteller werden bezüglich der Konzentration des empfohlenen Sklerosierungsmittels Polidocanol keine Angaben gemacht. Eine vergleichende Untersuchung hat keinen signifikanten Unterschied im technischen Erfolg bei der Nutzung von 1,5 % bzw. 3 % Polidocanol belegt (2).

Nebenwirkungen und Komplikationen

Beide Verfahren sollten langsam und kontinuierlich durchgeführt werden, da sie sonst als schmerzhaft empfunden werden können. Der rotierende Draht des ClariVein®-Systems kann bei Unterbrechung des Rückzugs zu einer Erfassung von Venenklappen führen, mit der Folge, dass ein schmerzhaftes Hämatom durch das ruckartige Lösen des Katheters auftreten kann. Der Endothelkontakt der Mikroklingen des Flebogrif®-Katheters kann bei zu raschem Rückzug ebenfalls schmerzhaft sein.

Ernste Komplikationen sind selten. Ein systematischer Review von 2017 listete als Komplikation nach ClariVein® tiefe Venen­thrombosen in 0,2 %, Lungen­embolien in 0,1 % und Parästhesien in weniger als 0,1 % der Behandlungen auf (12). Nach Flebogrif®- Behandlungen traten tiefe Venenthrombosen in 0,3 % auf. Oberflächliche Thrombosen wurden in 13,3–14,5 % der Fälle beobachtet (1).

Ergebnisse

Bei protokollgerechter Durchführung der Intervention und adäquater Selektion (Venendurchmesser!) sind Behandlungsergebnisse zu erwarten, die vergleichbar sind mit denen nach thermischer Behandlung (Abb. 3). 

Studien mit dem ClariVein®-Gerät belegen Verschlussraten nach zwölf Monaten zwischen 87 % und 92 % (3, 11, 12). Kim et al. wiesen im 24-Monats-Follow-up Verschlussraten von 92 % nach (4, 8). 

Die Ein-Jahres-Verschlussrate nach Flebogrif®-Anwendung wird mit Daten zwischen 82,8 % (14) und 93,2 % (1) angegeben.
Die Beeinträchtigung durch Schmerzen kann bei der mechanochemischen Ablation aufgrund des Verzichtes auf eine Tumeszenzlokalanästhesie als deutlich geringer eingestuft werden als bei thermischen Verfahren. 

Eine Limitierung besteht darin, dass für die verwendeten Sklerosierungsmittel Dosisbeschränkungen und für die Verwendung von Mikroschaum eine Limitierung des Schaumvolumens bestehen. Dies schränkt die Behandlung von mehr als einer Stammvene relevant ein. Darüber hinaus erscheint die Wirksamkeit bei größeren Gefäßdurchmessern nicht zufriedenstellend. 

Die mechanochemische Ablation scheint bei vernünftiger Patienten­selektion zumindest mittelfristig einen wirksamen Verschluss insuffizienter Stammvenen bei geringer Invasivität zu ermöglichen. Valide Langzeitergebnisse liegen aktuell aber nicht vor. 

In der aktuellen deutschen Leitlinie zur Behandlung der Varikose wird die mechanochemische Ablation als Therapieoption mit einer „Kann“-Empfehlung gelistet (9). Gemäß nordamerikanischen Leitlinien wird der Stellenwert mit der gleichen Stärke wie die thermischen Verfahren als IB-Empfehlung aufgeführt (6). Die europäischen Leitlinien geben diesbezüglich keine Empfehlung (ESVS) (5). 

1.    Alozai T, Huizing E, Schreve M, et al. A systematic review and meta-analysis of mechanochemical endovenous ablation using Flebogrif for varicose veins. J Vasc Surg Venous Lymphat Disord. 2022;10(1):248-257.e2. doi: 10.1016/j.jvsv.2021.05.010. Epub 2021 Jun 6. PMID: 34091106.
2.    Ammollo RP, Petrone A, Giribono AM, et al. Early Results of Mechanochemical Ablation with Flebogrif® in great Saphenous Vein Insufficiency: does Polidocanol Concentration Affect Outcome? Transl Med UniSa. 2020;21:47-51. PMID: 32123682; PMCID: PMC7039266.
3.    Boersma D, van Eekeren RR, Werson DA et al. Mechanochemical endovenous ablation of small saphenous vein insufficiency using the ClariVein® device: one-year results of a prospective series. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2013;45(3):299-303.
4.    Bootun R, Lane T, Dharmarajah B et al. Intra-procedural pain score in a randomised controlled trial comparing mechanochemical ablation to radiofrequency ablation: The Multicentre Venefit™ versus ClariVein® for varicose veins trial. Phlebology. 2016 ;31(1):61-5.
5.    De Maeseneer MG, Kakkos SK, Aherne T, et al. Editor's Choice - European Society for Vascular Surgery (ESVS) 2022 Clinical Practice Guidelines on the Management of Chronic Venous Disease of the Lower Limbs. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2022;63(2):184-267. doi: 10.1016/j.ejvs.2021.12.024.
6.    Gloviczki P, Lawrence PF, Wasan SM, et al. The 2022 Society for Vascular Surgery, American Venous Forum, and American Vein and Lymphatic Society clinical practice guidelines for the management of varicose veins of the lower extremities. Part I. Duplex Scanning and Treatment of Superficial Truncal Reflux: Endorsed by the Society for Vascular Medicine and the International Union of Phlebology. J Vasc Surg Venous Lymphat Disord. 2023;11(2):231-261.e6. doi: 10.1016/j.jvsv.2022.09.004.
7.    Kendler M, Averbeck M, Simon JC, Ziemer M. Histology of saphenous veins after treatment with the ClariVein® device - an ex-vivo experiment. J Dtsch Dermatol Ges.2013;11(4):348-52. 
8.    Kim PS, Bishawi M, Draughn D, et al. Mechanochemical ablation for symptomatic great saphenous vein reflux: A two-year follow-up. Phlebology. 2017;32(1):43-48.
9.    Pannier F, Noppeney T et al. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Varikose, Stand 2019. AWMF-Reg.-Nr. 037–018. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/037-018
10.    Whiteley MS, Dos Santos SJ, Lee CT, et al. Mechanochemical ablation causes endothelial and medial damage to the vein wall resulting in deeper penetration of sclerosant compared with sclerotherapy alone in extrafa¬scial great saphenous vein using an ex vivo model. J Vasc Surg Venous Lymphat Disord. 2017;5(3):370-377. 
11.    van Eekeren RR, Boersma D, Holewijn s, Mechanochemical endovenous ablation fort he treatment of great saphenous vein insufficiency, J Vasc Surg: Ven and Lym Dis 2014;2:282-8.
12.    Witte ME, Zeebregts CJ, de Borst GJ, et al. Mechanochemical endovenous ablation of saphenous veins using the ClariVein: A systematic review. Phlebology. 2017;32(10):649-657.
13.    Zubilewicz T, Terlecki P, Terlecki K, et al. Application of endovenous mechanochemical ablation (MOCA) with Flebogrif™ to treat varicose veins of the lower extremities: a single center experience over 3 months of observation Acta Angiol 2016(22), 4;137–142, Doi: 10.5603/AA.2016.0001
14.    Zubilewicz T, Urbanek T, Jaworucka-Kaczorowska A, et al. Saphenous Vein Mechanochemical Ablation by Flebogrif: One-Year Results of the Prospective Multicentre Trial (POLFLEB Study). J Vasc Surg Venous Lymphat Disord 2023;11(2):444. doi: 10.1016/j.jvsv.2022.12.014.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Tobias Hirsch
Praxis für Innere Medizin und Gefäßkrankheiten, Venen Kompetenz-Zentrum®
Leipziger Straße 5, 06108 Halle/Saale
info(at)gefaessmedizin-hirsch.de