Und von welchen Biofaktoren im Einzelnen profitieren Frauen in den Wechseljahren?
Prof. Kisters: Da wäre zunächst das erhöhte Osteoporose-Risiko zu erwähnen. Hier spielen die Biofaktoren Calcium, Magnesium und Vitamin D3 eine Rolle, die sich gegenseitig beeinflussen und hinsichtlich der Knochengesundheit unterstützen. Pauschal allen Frauen Calcium-Supplemente zu verabreichen, ist allerdings aufgrund der Risiken einer Hypercalcämie nicht mehr Stand der Wissenschaft. Postmenopausale Frauen sollten 1.000 mg Calcium täglich aufnehmen, allerdings möglichst über calciumreiche Lebensmittel. So lautet die Empfehlung des Dachverbandes Osteologie, der übrigens auch den Nutzen von Vitamin D3 in Prävention und Therapie der Osteoporose betont. Der Biofaktor wirkt positiv auf Gehgeschwindigkeit, Körperkraft und Muskelfunktion und mindert Sturzrisiko und Frakturrate. Allerdings sollte an den Synergismus mit Magnesium erinnert werden. Magnesium ist Cofaktor für die Umwandlung zur aktiven Vitamin-D3-Form, und Vitamin D3 fördert die intestinale Magnesiumresorption. Gemeinsam können die beiden Biofaktoren die Aktivität der Osteoklasten hemmen und die der Osteoblasten erhöhen und so Frakturen entgegenwirken.
Vitamin D3 zeichnet sich übrigens auch durch positive Wirkungen auf die psychische und mentale Gesundheit aus, was den Einsatz bei Depressionen im Klimakterium rechtfertigt. In diesem Bereich empfiehlt sich auch eine gute Vitamin-B12-Versorgung, da ein Mangel zu Schlafstörungen, Erschöpfung und Stimmungstiefs bis hin zu Depressionen führen kann.
Anfangs sprachen Sie noch das Thema Infertilität an. Hier spielen Biofaktoren ebenfalls eine Rolle?
Prof. Kisters: Richtig. Nehmen wir zunächst das Zink. Ein positiver Nutzen des Biofaktors auf die Fruchtbarkeit von Frau und Mann konnte durch wissenschaftliche Untersuchungen gut dokumentiert werden. Ein Zinkmangel kann die Eizellenreifung stören und die Eizellenqualität verschlechtern. Zink ist an der Synthese der Sexualhormone beteiligt und kommt in Spermatozoen und in der Samenflüssigkeit vor, wo seine Konzentration höher ist als in allen anderen Körperflüssigkeiten.
Auch ein Magnesiummangel kann zu Fertilitätsstörungen führen. Bereits vor mehr als 40 Jahren zeigte sich, dass sowohl weibliche Empfängnisstörungen als auch die Zeugungsunfähigkeit bei Männern mit einem Magnesiumdefizit korrelieren können.
Und denken wir an das polyzystische Ovarsyndrom als eine häufige Ursache für Unfruchtbarkeit. Das Risiko für die Entwicklung eines polyzystischen Ovarsyndroms kann durch ein Magnesiumdefizit erhöht werden, aber auch durch einen Vitamin-D3-Mangel. Hinsichtlich des Einflusses von Vitamin D3 auf die Fertilität sind zudem noch andere Effekte bekannt. In reproduktiven Geweben wie Eierstöcken, Uterus und Plazenta konnten Vitamin-D-Rezeptoren nachgewiesen werden. Der Biofaktor spielt eine Rolle im Hormonstoffwechsel und steht ebenfalls in Zusammenhang mit der Samenqualität.
Was können Sie zum Abschluss als Empfehlung mitgeben?
Prof. Kisters: Die hier genannten Zusammenhänge zwischen einem Mangel ausgewählter Biofaktoren und verschiedenen Komplikationen und Erkrankungen im gynäkologischen Bereich sollten meiner Ansicht nach verstärkt Beachtung finden. Weitere Informationen, vor allem zur Labordiagnostik eines Biofaktorenmangels finden Ärztinnen und Ärzte deshalb gut aufbereitet auf der Webseite der GfB. Statt einer Selbstmedikation durch betroffene Frauen bzw. dem pauschalen Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln empfiehlt sich eine gezielte Supplementierung ausgewählter Biofaktoren mit dafür zugelassenen Arzneimitteln. Der Einsatz von Biofaktoren sollte sich dabei grundsätzlich auf eine sorgfältige Diagnostik stützen und der individuellen Symptomatik der Patientin sowie der aktuellen Studienlage entsprechen.
Herzlichen Dank für das Interview,
Herr Prof. Kisters!