Prof. Kisters, können Sie uns noch weitere Beispiele nennen, um die Aussagekraft der Labordiagnostik zu bewerten?
Kisters: Gerne, am besten nehme ich mal einen Biofaktor, bei dem die Labordiagnostik weniger eindeutige Ergebnisse liefert, das Magnesium.
Dafür muss ich kurz auf die Physiologie eingehen. Bekanntermaßen befinden sich etwa 95 % des Magnesiumbestandes intrazellulär, nur 5 % extrazellulär und weniger als 1 % im Serum und der interstitiellen Flüssigkeit. Die gesamte Magnesiumkonzentration im Serum beträgt ca. 0,8 bis 1,1 mmol/l, die freie Magnesiumionenkonzentration liegt bei etwa 0,5 mmol/l und deren Referenzbereich wird je nach Labor mit 0,46 bis 0,6 mmol/l angegeben.
Unter physiologischen Bedingungen wird die freie extrazelluläre Magnesiumkonzentration durch Anpassung von Resorption und Ausscheidung mit den Speichern im Skelett in engem Bereich konstant gehalten. Oder vereinfacht: Im Magnesiummangel wird der Biofaktor aus Knochen oder Muskelzellen freigesetzt, um den Magnesiumserumspiegel konstant zu halten.
Durch diese physiologischen Zusammenhänge ist die Labordiagnostik eines Magnesiummangels erschwert, da ja trotz Serumwerten im Normbereich intrazellulär ein Magnesiummangel vorliegen kann. Erst wenn dort der Magnesiumspeicher erschöpft ist, sinkt die Serummagnesiumkonzentration. Das bedeutet, dass eine Hypomagnesiämie auf einen massiven Magnesiummangel deutet, aber auch durch zuvor erfolgte Freisetzung von Magnesium aus dem Intrazellulärraum maskiert werden kann.
Das heißt, eine Blutuntersuchung bei Verdacht auf Magnesiummangel macht überhaupt keinen Sinn?
Kisters: „Kein Sinn“ halte ich für übertrieben ausgedrückt, die Einschränkungen in der Magnesiumdiagnostik sollten dem Arzt jedoch geläufig sein. Nach wie vor wird standardmäßig als Mindest-Zielgröße für Magnesium 0,8 mmol/ im Serum, besser 0,85 mmol/l angestrebt. Für aussagekräftiger halte ich allerdings die Messung von ionisiertem Magnesium, dem eigentlich aktiven Magnesium. Das ionisierte Magnesium ist bereits erniedrigt, wenn die Serumspiegel noch im Normbereich sind. Die Messung des ionisierten Magnesiums im Serum misst die physiologisch aktive Fraktion von Magnesium, nämlich jene Fraktion, auf die Gewebe reagiert. Ionisiertes Magnesium gilt daher als empfindlicherer Indikator für das auf zellulärer Ebene tatsächlich verfügbare Magnesium.
Allerdings ist die Probennahme komplex, weshalb die Messung des ionisierten Serummagnesiums standardmäßig noch nicht zur Verfügung steht. Daher empfiehlt die GfB, gerade bei dem Biofaktor Magnesium – vergleichbares gilt übrigens für Zink – explizit auf Anamnese und Mangelsymptomatik zu achten.
Erlauben Sie eine letzte Frage, Prof. Kisters. Wie sieht es mit der Erstattungsfähigkeit der Labordiagnostik bei Biofaktoren aus?
Kisters: Kosten für eine Biofaktoren-Blutanalyse werden in der Regel nicht von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet – es sei denn, es liegt eine Indikation oder ein Verdacht auf einen Mangel vor, was jeweils im Ermessen des Arztes liegt.
Und: Wie an den Beispielen von Magnesium und Zink erklärt, lässt sich ein Mangel essentieller Biofaktoren nicht immer zuverlässig durch eine Blutuntersuchung nachweisen. Weniger wissenschaftlich, aber für den Patienten entscheidend, ist es daher auch aus Sicht der GfB, ob sich nach Supplementation verdächtiger Biofaktoren die klinische Symptomatik bessert. So kann rückwirkend auf einen zuvor bestandenen Mangel geschlossen werden.
Sich Basiswissen im Bereich Biofaktorenmangel anzueignen – ich denke hier besonders an Mangelsymptome, Risikogruppen, Arzneimittelwechselwirkungen oder Erkrankungen als mögliche Auslöser – kann ich daher uns Therapeuten für die tägliche Praxis nur empfehlen.
Herzlichen Dank für das Interview, Prof. Kisters.
► Die Gesellschaft für Biofaktoren e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der das Ziel verfolgt, die wissenschaftlichen Grundlagen der Therapie und Prophylaxe mit Biofaktoren zu fördern. Weitere Informationen finden Sie unter: www.gf-biofaktoren.de.