Am Beispiel des Haarausfalls: Gibt es zum selben Begriff in verschiedenen Sprachen gleiche Vorstellungen?

Zwei Menschen reden angeregt in einer Fremdsprache miteinander – aber meinen sie mit dem Gesagten wirklich das Gleiche? Pawel Sickinger vollzog anhand von Bildern unterschiedlich ausgeprägter männlicher Glatzen nach, dass es im Deutschen, Amerikanischen und Japanischen erstaunlich ähnliche Vorstellungen gibt.

 

Die Animation auf dem Bildschirm zeigt: Von der ursprünglichen Haarpracht des Mannes geht Stück für Stück verloren. Zuerst lichtet sich seitlich die Stirn, die kahlen Stellen weiten sich aus und greifen auf den Hinterkopf über. Der Haarausfall läuft im Zeitraffer, bis der Herr völlig kahlköpfig ist. Mit diesem Computerprogramm befragte Pawel Sickinger von der Universität Bonn Probanden für seine Doktorarbeit.

Sickinger ist Linguist und Diplom-Übersetzer. „Die Sprache aktiviert Bilder im Gehirn von Menschen.“ Ob diese Bilder in unterschiedlichen Sprachen und Kulturen vergleichbar sind, untersuchte der Linguist am Thema Haarausfall bei Männern, denn dies „ist so gut wie in fast jeder Kultur ein wichtiges Thema“.

Sickinger programmierte die Animation mit dem kontinuierlich sich lichtenden Haupt. Die Probanden sollten zu den unterschiedlichen Stadien des Haarausfalls Begriffe in ihrer jeweiligen Sprache angeben. Insgesamt nahmen 168 Probanden aus den USA, 169 aus Japan und 232 aus Deutschland teil. Ergebnis: Die befragten Personen aus den drei verschiedenen Sprach- und Kulturkreisen ordneten ähnlichen Begriffen in ihrer Muttersprache fast die gleichen Bilder von der schwindenden Haarpracht des männlichen Hauptes zu. Was zum Beispiel auf Deutsch als „Geheimratsecken“ bezeichnet wird, entspricht im Amerikanischen „widow’s peak“ (wörtlich: „Witwenspitze“) und im Japanischen „emu jigata hage – etwa so viel wie „M-FormGlatze“. Der „Kahlkopf “ im Deutschen wird im Englischen „bald“ und im Japanischen „tsurutsuru atama“ genannt – glänzender oder rutschiger Kopf. Sickinger ordnete die in den unterschiedlichen Sprachen verwendeten Begriffe für das jeweilige Stadium des Haarausfalls in Gruppen an. „Dabei zeigte sich, dass es klare Tendenzen gibt“, sagt der Linguist. In allen drei Sprachkulturen kristallisierten sich Begriffsgrenzen zwischen den eigentlich kontinuierlich verlaufenden Glatzenstadien heraus.

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Die Testpersonen waren sich mit großer Mehrheit einig, ab wann der Haarausfall beginnt und wo er in einen Kahlkopf mündet. Einen größeren Spielraum hinsichtlich der Üppigkeit des Resthaares räumten die Probanden dem Begriff „eine Glatze bekommen“ ein: Manchen genügten erste kleine Verlichtungen, andere waren deutlich großzügiger und ließen eine Glatze erst bei einem deutlicheren Haarausfall beginnen.

„Bei vielen Begriffen zum Haarausfall zeigte sich, dass sehr ähnliche Vorstellungen über die Sprach- und Kulturgrenzen hinweg existieren“, sagt Sickinger. „Solche Wörter lassen sich also direkt in Begriffe übersetzen, ohne sprachliche Umschreibung, weil sie offensichtlich die gleichen Vorstellungen im Gehirn abrufen.“

Das ist auch gut so, denn sonst würden die Menschen trotz aller Übersetzungen ständig aneinander vorbeireden. Aber: „Meine Resultate beziehen sich nur auf den männlichen Haarausfall“, resümiert der Linguist. Dagegen gehen bei moralischen Begriffen wie „Tugend“ die Vorstellungen in den verschiedenen Kulturen weit auseinander.

Quelle: Johannes Seiler, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Korrespondenzadresse

Pawel Sickinger
Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie
Universität Bonn
53113 Bonn
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