Die 14 häufigsten Fragen zur Arthrose

Orthopäde Dr. Peter Krapf aus Trier sieht sich vielfältigen Fragen seiner Arthrose-Patienten ausgesetzt. Seine Antworten auf die 14 häufigsten Fragen hat er hier einmal zusammengestellt. Dabei geht es unter anderem um Ursachen der Arthrose, Möglichkeiten bei der Schmerzbehandlung, konservative und alternative Therapieoptionen, Sport und Bewegung sowie Gelenkersatz.

1. Wann und wie entsteht Arthrose und woher kommen meine Schmerzen?

Arthrose ist nicht nur eine Frage des Alters. Jeder vierte Erwachsene leidet darunter, jeder Zwanzigste unter30 Jahren ist bereits betroffen.

Wir machen täglich tausende Bewegungen, ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst sind. Bewegungen sind nur durch unsere Gelenke möglich: Ohne Hüft- und Kniegelenke könnten wir uns nicht von der Stelle rühren. Ohne Schultergelenke könnten wir keine Wäsche aufhängen, uns nicht die Haare kämmen. Ohne Fingergelenke könnten wir kein Messer und keine Gabel nutzen. Gelenke sind die beweglichen Verbindungsstellen an den Knochenenden. Sie sind von einem wenige Millimeter dicken Knorpel „überzogen“. Über die Gelenkfunktion hinaus dämpft der Knorpel aber auch harte, plötzlich einwirkende Kräfte – er besitzt eine Art Stoßdämpferwirkung. Bei anhaltender Überbelastung wird diese Knorpelschicht immer dünner, bis schließlich der Knochen freiliegt. Eine Arthrose ist deshalb stets ein Knorpelschaden mit Knochenveränderungen oder – anders ausgedrückt – ein Gelenkverschleiß mit Knochenbeteiligung, der durch einen geschädigten Gelenkknorpel verursacht wird.

Wenn der Knorpel so weit geschädigt ist, dass die Knochenoberfläche freiliegt, treten Schmerzen auf. Denn im Knorpel selbst finden sich keine Schmerzrezeptoren, allerdings am angrenzenden Knochen und an der Knochenhaut.

2. Was kann ich bei akuten bzw. chronischen Gelenkschmerzen selbst tun?

Bei akuten, entzündlichen Reizzuständen und Schwellungen des Gelenkes hilft Kühlung. Diese sollte direkt am Gelenk erfolgen. Sie dient der Abschwellung und Schmerzlinderung. Die Kälte sollte jedoch nicht direkt aus dem Eisschrank kommen und nicht direkt auf der Haut, sondern mit einem Handtuch dazwischen erfolgen. Denn bei unsachgemäßer Handhabung drohen Erfrierungen oder auch unerwünschte Überreaktionen. Hierbei kommt es dann zunächst zu der gewünschten Gefäßverengung, allerdings mit dann nachfolgender Gefäßerweiterung und nachhaltender vermehrter Durchblutung.

Empfehlenswert ist eine Kältetherapie mit „Hot-Ice“, bei der kaltem Leitungswasser Eiswürfel zugegeben werden. Mit einem in diesem Eiswasser getränkten Schwamm kann dann längerfristig gekühlt werden, ohne die Gefahr einer Hyperämie. Sinnvoll ist auch ein Quarkverband, der auch in der Nacht belassen werden kann. Dieser hat nicht nur einen kühlenden Effekt, sondern auch eine schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung, nicht zuletzt bedingt durch das Casein im Quark.

Bei chronischen Beschwerden hingegen hilft eher Wärme. Diese sollte nicht direkt am Gelenk, sondernober- und unterhalb des Gelenkes erfolgen. Wärme erweitert im Gegensatz zur Kälte die Blutgefäße und entspannt die Muskulatur. Geeignet sind Wärmesalben (zum Beispiel mit Cayennepfeffer/Chili), Wärmepflaster, Wärmepackungen, Wärmewickel oder auch ein Heizkissen.

3. Hilft es mir, wenn ich abnehme?

Fettleibigkeit ist zweifelsohne ein Risikofaktor für Arthrose, insbesondere für Kniegelenksarthrose. Ursache ist das Übermaß an Belastung. Wir werden nicht nur immer älter, sondern auch immer schwerer. Die zunehmende Last muss von unserem Knorpel bzw. unseren Knochen abgefangen werden. Je höher das Gewicht, desto größer ist der Druck auf Knorpel und Knochen. Bei Bewegung ist die abzufedernde Last dann noch um ein Vielfaches größer – die Gelenke verschleißen früher. Das muss aber nicht sein!

In meinen Vorträgen erzähle ich oft: „Übergewicht ist mit Arthrose assoziiert, das sehen Sie auch in unserer Gemeinschaftspraxis. Meinem Knie geht es gut. Das geht regelmäßig mit unseren Hunden noch 5 bis 10 km täglich spazieren, fährt Fahrrad und geht Golfen. Dafür hat mein Kollege – halb so schwer wie ich – eine Knieprothese. Ich finde das so gerecht verteilt.“

Die gute Nachricht: Durch eine Gewichtsreduktion lassen sich – auch bei bestehendem Gelenkverschleiß – Schmerzen lindern und die Gelenkfunktion verbessern. Aber aufgepasst: Eine zu schnelle Gewichtsabnahme erhöht die Gefahr eines Gichtanfalls mit Gelenkreizung! Dennoch ist natürlich langfristig eine Gewichtsreduktion anzustreben.

4. Soll ich mich bewegen, auch wenn ich Schmerzen habe?

Ja! Der Knorpel besitzt weder Nervenzellen noch Blutgefäße. Er ist nicht an die Blutbahn angeschlossen, die die Organe versorgt. Deshalb kann der Knorpel sich nicht direkt ernähren und ist auf die Diffusion von Nährstoffen angewiesen. Dies geschieht durch ein Wechselspiel von Belastung und Entlastung. Genauso werden die anfallenden Abbauprodukte entsorgt. Dieses Wechselspiel wird erst durch Bewegung ermöglicht. Somit ist Bewegung für den Stoffwechsel des Knorpels unentbehrlich. Allerdings ist unsere heutige Lebensweise geprägt durch Fehlbelastung, Fehlernährung, Stress – und Bewegungsmangel.

Gelenkprobleme durch Bewegungsmangel

Wir fahren mit dem Auto, das in der Garage oder vor der Haustür steht, zur Arbeit. Wir hocken den ganzen Tag im Büro am Schreibtisch, höchstens zum Kaffeekochen stehen wir auf. Nach der Arbeit fahren wir nach Hause, um dann vor dem Fernseher zu sitzen. Es verwundert nicht, dass die meisten Menschen in unseren Breiten weniger als tausend Meter am Tag zu Fuß zurücklegen. Bei diesem Alltag wird dazu noch unser Rücken ständig fehlbelastet, was die Wirbelgelenke zunehmend schädigt. Das Wechselspiel zwischen Belastung und Entlastung ist gestört, die Nährstoffversorgung reduziert und der Abtransport der Schadstoffe blockiert.

5. Kann ich noch Sport treiben?

Ja! Aber auf Stop-and-go-Sportarten sollte weitgehend verzichtet werden. Gemeint ist hiermit zum Beispiel Volleyball, Handball, Squash, alpines Skifahren oder Fußball. Empfehlenswert ist Radfahren, Skilanglauf, Walking oder Nordic Walking. Ambitionierten Fußballern empfehle ich: Wenn das Herz so daran hängt, reduzieren Sie wenigstens den Trainingsumfang und spielen Sie dann nicht mehr so hochklassig.

6. Sind Muskeln für das Gelenk wichtig?

Gesunde Muskeln – stabile Knochen – gefestigte Gelenke:Aktiv gesichert werden unsere Gelenke durch die Muskulatur. Passiv erfolgt dies durch die Gelenkkapsel. Umso besser Muskeln und Bänder entwickelt sind, umso mehr wird das Gelenk entlastet. Wir benötigen zeitlebens eine möglichst kräftige Muskelmasse zur Stabilisierung unserer Gelenke. Unsere Muskulatur hält unsere Knochen und ermöglicht uns die Fortbewegung. Leider verlieren wir mit zunehmendem Alter immer mehr an Muskelmasse. Weniger Bewegung, geringere Eiweißzufuhr, die Verlangsamung unserer Stoffwechselvorgänge und die zunehmende Übersäuerung, nicht zuletzt durch die nachlassende Nierentätigkeit bedingt, führen zwangsläufig zur Abnahme der aktiven Muskelmasse. Ausgeprägte Arthrosen der Beine, insbesondere von Hüft-, Knie- und Sprunggelenken, führen auf Dauer zu einem weiter zunehmenden Abbau der Muskulatur.

7. Hilft auch eine Ernährungsumstellung?

Unser Knochengerüst ist eine „Dauerbaustelle“, die ständigen Umbauprozessen unterliegt. Eine „knochenfreundliche“ Ernährung trägt effektiv zur Vorbeugung von Arthrose bei, indem sie das Skelett mit wichtigen Nährstoffen versorgt. Diese können degenerativen Prozessen an Knochen und Gelenken vorbeugen oder ihr Fortschreiten zumindest hinauszögern.

Bei einer Arthrose sollte eine kalziumreiche Kost ganz oben auf der Speisekarte stehen. Empfohlen wird die Zufuhr von mindestens 1000 mg, aber nicht mehr als 1500 mg Kalzium täglich. Über die Nahrung nimmt unser Körper tatsächlich jedoch oft nur 600 bis 800 mg am Tag auf. Unabdingbar für eine optimale Nutzung des mit der Nahrung aufgenommenen Kalziums ist die gleichzeitige adäquate Versorgung mit Vitamin D. Bei Patienten mit Arthrose sollte ein Mangel ausgeschlossen werden.

Mit zunehmendem Alter verlieren wir an Muskelmasse, die wir für die Gelenkstabilisierungdringend benötigen.Wer eine kräftige, stabile Muskulatur haben möchte, der braucht aber genügend Eiweiß. Insbesondere Käseabstinenzler, Rheumatiker, Vegetarier, Veganer sollten hier nachrechnen! Aber Eiweiß alleine genügt nicht. Ähnlich wie beim Hausbau reicht es nicht aus, nur die Backsteine zu haben, die allerdings unabdingbar sind. Nach der Nahrungs-/Eiweiß-Aufnahme werden die Eiweiße in ihre Bestandteile, die Aminosäuren, zerlegt und über die Blutbahn in die Muskelzellen gebracht. Je höher die zugeführte Eiweißmenge, desto mehr Aminosäuren stehen zur Verfügung und werden zu körpereigenem Muskeleiweiß umgebaut. Wäre da nicht noch eine „Kleinigkeit“ zu beachten: Die Bewegung – ohne die geht es nicht! Einfach nur Eiweiß essen, um kräftige Muskeln zu bekommen, funktioniert leider nicht. Der Muskel will gefordert und beansprucht werden, sonst wächst er nicht und wird auch nicht gestärkt.

8. Was halten Sie von Nahrungsergänzungsmitteln wie Glucosamin und Chondroitin?

Heutzutage besteht eine große Nachfrage nachetablierten alternativen Therapieverfahren. Hierzu gehören auch Vitalstoffe für das von Arthrose betroffene Gelenk. Bei der Therapie einer Arthrose des Kniegelenkes wurden von der Europäischen Rheumaliga EULAR (European League Against Rheumatism) Chondroitin und Glucosamin als Nahrungsergänzung mit dem höchsten Empfehlungsgrad 1A eingestuft.

Der Gelenkknorpel besteht aus „lebenden“ Zellen und der von ihnen gebildeten, außerhalb dieser Zellen gelegenen Matrix mit den wichtigen Bestandteilen Chondroitin und Glucosamin. Viele Studien zeigen, dass durch Glucosamin (ca. 1.500 mg) und Chondroitin (ca. 1.200mg) eine Schmerzlinderung, eine Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit und eine Verlangsamung der Arthroseentwicklung erreicht werden kann.

Eine Schmerzlinderung ist dadurch allerdings nicht sofort zu erwarten, sondern erst nach 3–6 Wochen. Ist es nach 3–4 Monaten noch zu keiner Besserung gekommen, sollte die Therapie abgebrochen werden. Es ist wichtig, den Arthrosepatienten darüber aufzuklären. Ebenso sollte man darauf hinweisen, dass der Wirkungsnachweis nur für Glucosamin(hemi-)sulfat und Chondroitin(hemi-)sulfat gilt, nicht für -hydrochlorid.

Auch Kollagen-Hydrolysat (reines Eiweiß) ist für die Stabilität und den Aufbau des Knorpels von Bedeutung. Hierbei ist es wichtig, dass die für den Knorpel wichtigen Aminosäuren ausreichend vorhanden sind, nämlich Arginin, Methionin, Prolin und Cystein. Im Gegensatz zur Gelatine ist Kollagen-Hydrolysat wasserlöslich. In Studien reduzierte es bei Arthrose Schmerzen und somit den Schmerzmittelbedarf. Ferner kann spezielle Trinkgelatine, die in ihrer Zusammensetzung den Aminosäuren des Gelenkknorpels, des Bindegewebes und der Knochen ähnelt, zur Schmerzreduktion und Besserung der Gelenkbeweglichkeit führen.

9. Was kann ich aus naturheilkundlicher Sicht tun?

Hierauf antworte ich immer mit der Gegenfrage: Essen Sie gerne Ingwer? Ingwer wird seit Jahrhunderten in der asiatischen Medizin bei Erkrankungen des Bewegungsapparates eingesetzt.  Man sagt ihm nach, dass er Schmerzen – insbesondere Muskelschmerzen – lindere und helfe die Beweglichkeit bei Arthrose zu verbessern. Da Ingwer gut verträglich ist, stellt er eine Alternative zu den üblichen Schmerzmitteln dar – ein Behandlungsversuch lohnt sich auf jeden Fall. Aber man muss ihn auch mögen. Jemandem, der Ingwer nicht mag, kann ich nicht empfehlen diesen täglich über Wochen oder Monate zu sich zu nehmen. Denn mit einem direkten Wirkungseintritt ist nicht zu rechnen. Ingwer kann roh (gerieben oder geschnitten) oder als Tee eingenommen werden. Vorsicht bei gleichzeitiger Einnahme gerinnungshemmender Medikamente: Ingwer hat ebenfalls eine gerinnungshemmende Wirkung!

Ein anderer Tipp ist Hagebuttenpulver. Dieses kann man beispielsweise in den Joghurt einrühren. Es zu trinken hilft hier nicht, da die Wirkstoffe – im Gegensatz zum Ingwer – nicht wasserlöslich sind. Zur äußerlichen Anwendung eignen sich auch Cayennepfeffer (Chili), Beinwell- bzw. Arnikasalbe oder auch Pfefferminzöl.

Als Mykotherapeut empfehle ich außerdem Vitalpilz-Präparate. Ihre wertvollen Inhaltsstoffe machen sie interessant. Zur Arthrosebehandlung eignen sich insbesondere die Vitalpilze Maitake, Shiitake und Reishi. Sie enthalten für die Gelenkstruktur wichtige Vitamine, Mineralstoffe und lebensnotwendige Spurenelemente, helfen Schmerzen fast ohne Nebenwirkungen zu lindern, Schwellungen zu mindern und schmerzhafte Muskelverspannungen zu lösen.

10. Welche Medikamente helfen bei Gelenkschmerzen?

Zu den wichtigsten Medikamenten in der Arthrose-Behandlung gehören die nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR). Die am häufigsten verordneten Wirkstoffe sind Diclofenac und Ibuprofen. Diese erhöhen aber unter anderem das Risiko für Magen-Darm-Blutungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sollten daher vor allem von älteren Betroffenen nur für kurze Zeit eingenommen werden. Laut einer zertifizierten Fortbildung für Ärzte liegt die Sterblichkeit bei einer Einnahme über mehr als zwei Monate bei 1/1220 An­wendern. Studien zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit eines Herzstillstandes bei Patienten, die Diclofenac einnehmen, 50 Prozent höher als bei Patienten, die keine Schmerzmittel zu sich nehmen. Bei Einnahme von Ibuprofen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines Herzstillstands um 31 Prozent.

Paracetamol ist meist sehr gut verträglich. Es hat keine gastrointestinalen und kardiovaskulären Nebenwirkungen. Dafür ist es die häufigs­te Ursache eines medikamenteninduzier­ten Leberversagens in den USA. Es wird gemäß den aktuellen Leitlinien nicht empfohlen!

Ich sehe in Ingwer oder auch Enzympräparaten eine hervorragende Begleittherapie, auch wenn diese die Schmerzmittel nicht gänzlich ersetzen können. Aber es ist sicherlich vielen schon geholfen, wenn der Bedarf an NSAR gesenkt und damit die Sicherheit und Verträglichkeit erhöht werden können.

11. Hyaluronsäure-Spritzen – was bringen sie?

Im November 2015 teilten die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und der Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) in einer Stellungnahme mit, dass die Therapie mit Hyaluronsäure als intraartikuläre Injektion ein wichtiger Bestandteil der konservativen Arthrosetherapie ist. Hyaluronsäure ist eine natürliche Substanz, die in unseren Gelenken selbst gebildet wird. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der Gelenkflüssigkeit, wird als Schmiermittel benötigt und hemmt zudem die Aktivität der knorpelabbauenden Enzyme. In einem verschlissenen, arthrotischen Gelenk sind Qualität und produzierte Menge der Hyaluronsäure herabgesetzt, was logischerweise die Schmier- und Stoßdämpferfunktion der Gelenkflüssigkeit beeinträchtigt. Dadurch nehmen Belastung und Verschleiß stetig zu, dabei gilt es gerade das zu verhindern.

Durch die intraartikuläre Injektion wird die Hyaluronsäure unmittelbar in den „Ort des Geschehens“ gespritzt und kann dort, wo sie benötigt wird, ihre Wirkung als Schmier- und Gleitmittel entfalten und die stoßdämpfende Eigenschaft des Gelenkknorpels fördern. Die Gelenkbeweglichkeit wird verbessert und der Knorpel und die Knochen werden bei Belastung geschützt. Auch der Bedarf an Schmerzmitteln, inklusive all ihrer schädigenden Nebenwirkungen für Magen, Darm oder Herz, wird reduziert. Aktuelle Studien zeigen, dass der Einsatz von Hyaluronsäure eine Operation hinauszögern oder sogar verhindern kann.

12. Wann ist ein Gelenkersatz empfehlenswert?

„Bis zu 20% der Patienten, die mit einem künstlichen Kniegelenk leben, sind mit ihrer Prothese nicht zufrieden. Lockerungen, Infektionen, aber auch Bewegungseinschränkungen und Schmerzen gehören zu den häufigsten Gründen. […] In jedem Fall müssen vor einer Prothesenimplantation alle anderen Therapieoptionen ausgeschöpft sein.“ So nachzulesen in einer Stellungnahme der AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik. Wenn ich mein Patientenklientel zugrunde lege, ist der Prozentsatz der Unzufriedenen leider noch deutlich höher. Nicht selten bekomme ich zu hören: „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich nie operieren lassen“. Andererseits höre ich auch: „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich schon viel früher operieren lassen“. Es ist daher eine besondere Herausforderung, gerade junge, von Arthrose geplagte Menschen zu behandeln. Ziel muss es sein, das körpereigene Gelenk möglichst lange zu erhalten. Eine Prothese sollte die „letzte Wahl“ sein – auch da ihre Haltbarkeit begrenzt ist. Man kann sie auch nicht nach Belieben immer wieder austauschen. Wer heute Mitte zwanzig ist und eine Prothese trägt, kann nicht erwarten, dass sie bis zum Lebensende hält.

Wegen ihrer Nebenwirkungen können Schmerzmittel keine Dauerlösung sein, und wer greift bei Schmerzen nicht auf Schmerzmittel zurück? Es ist also ungleich schwieriger, einen unter-30-Jährigen mit Arthrose dauerhaft zu behandeln als einen über 70-Jährigen. Sanftere, den Körper über Jahre weniger belastende Behandlungen sollten hier vermehrt Anwendung finden. Hier möchte ich auf mein Buch „In Bewegung bleiben trotz Arthrose – Wieder ohne Schmerzen leben“ verweisen. Dieses Buch zeigt unter anderem auf, welche Möglichkeiten es aus meiner Sicht gibt.

Wenn das Gelenk irreparabel geschädigt ist (Röntgen!), die Schmerzen stetig zunehmen, seit 3–6 Monaten dauerhaft oder mehrmals in der Woche unter Belastung auftreten, die Gelenkbeweglichkeit immer mehr eingeschränkt ist, Medikamente und Physiotherapie nicht mehr helfen, die Muskulatur immer schwächer wird und die Lebensqualität abnimmt – spätestens dann ist der Zeitpunkt gekommen, über eine prothetische Versorgung nachzudenken. Denn ansonsten ist auch der postoperative Heilungs- und Genesungsprozess erschwert.

13. Welche wirksamen medizinischen Maßnahmen gibt es als Alternative? – Warum nicht mal neue Wege gehen?

Ich schätze Kernspin – nicht nur zur Diagnose, sondern auch als Therapie. Eine Reihe von kernspintomografisch untersuchten Patienten berichteten über eine deutliche Schmerzlinderung „danach“. Diese Erfahrungen waren die Grundlage für die Entwicklung einer therapeutisch genutzten Kernspinresonanz-Technologie, die auch mir zur Schmerzfreiheit verhalf.

Der Rollstuhlbasketballer Dirk Passiwan, 2011 der beste Punktesammler der Bundesliga, stand im April 2012 vor dem Aus seiner glanzvollen Karriere. Ursache: Verschleiß in den Ellenbogengelenken. Schon während der auf neun Sitzungen festgelegten Kernspinresonanz-Therapie im Mai und Juni kam es zu einer Schmerzlinderung und deutlichen Funktionsverbesserung der betroffenen Ellenbogengelenke. Passiwan wurde schmerzfrei und konnte doch noch an den Paralympics 2012 in London teilnehmen, wo er zu den absoluten Leistungsträgern seines Teams gehörte.

Auch Diana Dadzite, Rollstuhlbasketballerin und Leichtathletin habe ich mit der Kernspinresonanz-Therapie wieder fit für ihre Sportkarriere gemacht. Sie konnte schmerzfrei an den World Para Athletics Championships im Juli 2017 in London teilnehmen. Dort gewann Sie im Speerwerfen die Goldmedaille mit Weltrekord. Anhaltende Wirkung: Ihrer Wurfhand geht es nach wie vor gut. Bei den Para-Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin im August 2018 holte sie erneut Goldmedaillen in ihren Paradedisziplinen.

14. Wie haben Sie sich selbst behandelt?

2009 hat es mein Knie erwischt. Ich musste mit einer Gehstütze meine Arbeit verrichten. Ein Aushängeschild für meine orthopädische Praxis war ich nicht gerade: übergewichtig, das Knie „nachschleifend“ und – nicht zu vergessen – das „Familienerbstück“ Gicht, das mir immer wieder die eine oder andere Gelenkschwellung bescherte. Doch dann begann ich auch in eigener Sache aktiv zu werden. Was meinen Patienten hilft, kann für mich nur gut sein, war mein Gedanke. Ich setzte auf Hyaluronsäure – und wirklich: Spritze für Spritze ging es mir besser. Zudem machte ich äußerst erfolgreich eine Kernspinresonanz-Therapie, die ich nicht nur seitdem sehr zu schätzen weiß (siehe „13. Welche wirksamen medizinischen Maßnahmen gibt es sonst noch?“). Bei mitunter auftretenden Reizzuständen verabreichte ich mir Omega-3-Fettsäuren und Enzyme. Mit großem Erfolg: Ich wurde beschwerdefrei.

Mittlerweile baue ich auch stark auf vorbeugende und unterstützende Maßnahmen: Zur Stabilisierung meiner Knochen trinke ich täglich zeitversetzt ein kalziumreiches sowie ein magnesiumreiches Mineralwasser mit einem hohen Bicarbonatgehalt. Als Fischallergiker nehme ich regelmäßig Vitamin-D-Präparate ein. Meine Rückenprobleme habe ich trotz des Übergewichtes durch gezieltes regelmäßiges Krafttraining im Griff. Während der Praxistätigkeit und in meiner Freizeit trage ich wirbelsäulenfreundliches Schuhwerk, ab und zu gönne ich mir auch eine Massage.

Ich tue eine ganz Menge und merke immer mehr, dass es meist ein Bündel an Maßnahmen ist, das zum Ziel führt.

Buchtipp

„In Bewegung bleiben trotz Arthrose –Wieder ohne Schmerzen leben“

Peter Krapf, Frank Giarra
In Bewegung bleiben trotz Arthrose: Wieder ohne Schmerzen leben
128 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 978-3-7088-0723-2
Kneipp Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG

Dr. med. Peter Krapf

Facharzt für Orthopädie, Trier
www.krapf-kaltenkirchen.de