Es ist keine Impfmüdigkeit

Gedanken eines Gynäkologen zum Impfen der Jungen gegen HPV.

 

Und schaut voll Angst und Schrecken drein:
„Nein, keine Spritze, nein, nein, nein!“

Das hören wir Ärzte immer wieder, Kinderärzte hören es wohl täglich. Wir kennen diese Angst vor Spritzen, vor allem bei Kindern. Und es gibt auch eine Aversion gegen das Impfen, rational allerdings nicht nachvollziehbar.

Doch Philio strampelt nur und schrie:
„Nein, keine Impfung, niemals, nie!“

Der Impfstand hierzulande könnte sehr viel besser sein; da spricht man landläufig von einer Impfmüdigkeit. Die gibt es aber nicht! Denken wir nur an die vollen Impfpässe, die wir immer wieder sehen, an die Menschen, die sich regelmäßig und pünktlich und immer wieder impfen lassen, die des Impfens durchaus nicht müde sind. Und denken wir auch an die anderen Menschen, die sich so selten impfen ließen, dass auch sie des Impfens nicht müde sein können.

Nein, es gibt keine Impfmüdigkeit, die Erfolge unseres Impfens sind der Grund für die großen Impflücken: Kaum jemand kennt noch die Krankheiten, gegen die wir impfen. Wer aus den jüngeren Generationen hat hierzulande noch einen Menschen mit den Folgen der Poliomyelitis gesehen, einen Menschen, der sich mit orthopädischen Stiefeln und Krücken mühsam Schritt für Schritt vorwärtskämpft? Wer weiß noch, dass man, wenn nicht der rettende Kehlkopfschnitt gemacht wird, bei Diphtherie qualvoll ersticken kann?

So langsam dämmert es ihm schon,
Das ist der Feigheit bitterer Lohn.

Die Leute haben heute mehr Angst vor der Spritze und vor kurzfristigen Nebenwirkungen als vor den Krankheiten, gegen die wir impfen, die sie nicht kennen.

„Erziehung muss wehtun“, schrieb kürzlich ein Pädagoge. Nein, er sprach sich weder gegen Belobigungen noch für die Wiedereinführung der Züchtigung aus; er meinte, dass wirksame Erziehungsmaßnahmen (bspw. Verbote oder auch ehrliche Schlechtbeurteilungen mangelnder Leistungen) nachhaltig spürbar sein müssen; nur dann hat Erziehung Erfolg.

Auch Krankheiten sind schmerzhaft, auch für andere, die sie miterleben, und regen zum Nachdenken an. Man denke da zum Beispiel an das Zervixkarzinom, den Gebärmutterhalskrebs, eine HPV-Infektion, die, wie wir inzwischen wissen, überwiegend sexuell übertragen wird.
Ich bin Gynäkologe und inzwischen im 49. Berufsjahr. Da habe ich diesen Krebs als Neuerkrankung früher alle drei Monate gesehen. Heute, nachdem wir bereits 12 Jahre gegen HPV impfen, sehe ich ihn als Neuerkrankung nur noch etwa einmal alle drei Jahre. Was für ein Erfolg des Impfens!

Wir Gynäkologen sehen aber immer noch Frauen mittleren Alters mit verschiedenen Stadien des Zervixkarzinoms, für die die HPV-Impfung zu spät kam: Plötzlich sind diese Frauen offen für die Impfung gegen HPV; sie fragen dann nach der Impfung der Töchter und Nichten, der Schwestern und der Söhne.

Ja, Sie lesen richtig, es geht bei der HPV-Impfung inzwischen auch um die Söhne, um die Jungen, es geht bei dieser Impfung auch gegen andere HPV-Karzinome, gegen Penis- und Anal-Karzinome, gegen Lippen-, Zungen-, Kehlkopf- und andere oropharyngeale Karzinome und es geht gegen Genital-Condylome von Frauen und Männern. Da wird in den Gesprächen über sexuell übertragbare Krankheiten plötzlich offenbar, ich will es vorsichtig ausdrücken, wie oft Anus, Zunge und Rachen mit dem Genitale des Partners intensiven Kontakt haben, wie häufig doch orale und anale Sexualpraktiken sind, auch bei Heterosexuellen.

Ja, von einer HPV-Impfung profitieren beide Geschlechter, da ist die jüngste Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO), auch die Jungen zwischen 9 und 14, ggf. bis 17, gegen HPV zu impfen, als ein großer Fortschritt nur zu begrüßen. Der Gemeinsame Bundesausschuss wird nicht umhin kommen, dies als eine Kassenleistung zu akzeptieren.

Bei jedem Fortschritt gibt es Menschen, für die kommt er zu spät. Was ist da mit den über 17-jährigen jungen Männern und Frauen, die nicht gegen HPV geimpft sind? Die noch keinen Sexualpartner hatten oder die als Paar noch keinen anderen Partner hatten, die also (noch) keine HPV-Infektion haben können? Auch bei ihnen ergibt die HPV-Impfung Sinn. Die Fach­information erlaubt eine HPV-Impfung bis zum 26. Lebensjahr. Allerdings ist diese Impfung nach Vollendung des 17. Lebensjahres keine Leistung, die von den Krankenkassen getragen werden muss.

Man sage bitte nicht: „Aber die Kassen sollten das doch auch noch tragen!“ Mit dem Beschluss der STIKO ist das Glas nun nicht mehr halb leer, zwar nicht bis zum Rand, aber doch gut gefüllt.

Sind die Kosten für die HPV-Impfung den über 17-jährigen zumutbar? Für Auslandsfernreisen, Abenteuer-Urlaube und teure Fahrzeuge und für manchen Luxus ist bei unseren Mitbürgern Geld da. Und selbst die Ärmsten unter uns können sich reichlich Nikotin und Alkohol leisten. Und wir Gynäkologen sehen zunehmend große und farbige Tattoos und reichlich Intimschmuck; mancher Unterleib trägt ganze Kunstwerke, gleicht inzwischen großen Collagen. Man vergesse dabei nicht: Jeder Stich und jedes Schmuckstück hat Geld gekostet. Und wir sehen immer wieder, dass vor Fernreisen und bei dem Miterleben von Krankheit für selbst zu zahlende Impfungen das Geld plötzlich doch da ist.

Der Anblick gelähmter oder entstellter Menschen tut weh, das Miterleben von Leid und Tod auch. Zur wirksamen Aufklärung unserer Patienten und auch der Eltern über Impfungen gehört auch, ihnen die Folgen von Tun und Lassen verständlich, möglichst anschaulich, zu schildern. Natürlich kann man die HPV-Karzinome oder großflächige Condylome im Genital- und Analbereich nicht der Öffentlichkeit bildlich vor Augen führen. Aber wir sollten darüber reden. Schließlich ist Impfen die effektivste, die wirtschaftlichste, die nachhaltigste  Maßnahme für die Gesundheit.

 


Buchtipp

Der Cyber-Peter – und andere Geschichten aus der modernen Welt, nicht nur für Kinder

Wer hat nicht als Kind den Struwwelpeter gelesen? Doch heutzutage kennt kein Kind mehr das Tintenfass als Hilfsmittel zum Schreiben. Und man schreckt heute auch kein Kind mehr mit dem Schneider mit der Scher. Auch der Suppenkasper, gemeint sind Hunger und Abmagerung, spielt bei uns kaum eine Rolle. Viele unserer Kinder haben aber ein Problem mit Bewegungsarmut und Übergewicht, sie sitzen heute stundenlang vor dem Fernsehapparat. Das ist der Hanns-Guck-in-die-Luft heute mehr ein Hanns-Guck-auf-den-Bildschirm. Die neuen Unsitten und Gefahren unserer Zeit sind hier im Cyber-Peter anschaulich beschrieben. Da geht es um das Handy in Kinderhand, um Lärm und Gewalt, um das Rauchen und den Alkohol, um Graffiti, um Bewegungsarmut und Fastfood, um Bummelei und um die Gefahren im Straßenverkehr. Geschichten für Kinder und Erwachsene, zum Lesen und Vorlesen, zum Schmunzeln und Nachdenken.

Klaus Günterberg, Der Cyber-Peter – und andere Geschichten aus der modernen Welt, nicht nur für Kinder, 2. Auflage 2015, 14,90 Euro, 41 Seiten, Verlag Kern GmbH, Ilmenau


Erziehung muss wehtun. Das gilt auch für die Erziehung zur Gesundheit. Da bin ich kein Anhänger von Kuschelpädagogik.

In dieser Hinsicht ist mir unser Kollege Heinrich Hoffmann (1809-1894), der in seinem Struwwelpeter die Folgen mancher Unsitten seiner Zeit drastisch schilderte, ein Vorbild. Jeder kennt das Buch, dessen Erfolg bis heute anhält. Auch wenn manche Kritiker Heinrich Hoffmann Grausamkeit vorwerfen, lösen seine Reime und Zeichnungen doch noch immer heftige Emotionen bei unseren Kindern aus. Mit den erwünschten Folgen. Genau das ist es, was wir für die Erziehung zu mehr Gesundheit und zu mehr Impfschutz brauchen: Emotionen.

Die Gefahren für unsere Kinder sind heute andere. Da hat die Kapuze den Regenschirm verdrängt, statt des streichholzdürren Suppenkaspers haben heute schon unsere Kinder Probleme mit Übergewicht und Fettleibigkeit. Und wir sehen zunehmend Kinder mit Schreib- und Leseschwäche, mit Problemen durch Handy, Bildschirm und Lärm, durch Fastfood, Alkohol und Tabak.

Wollen wir ihnen helfen, braucht es Wissen und Erziehung, Information und vor allem Emotionen. Da sind Eltern und Erzieher, Lehrer und auch wir Ärzte in der Pflicht. Da braucht es auch mehr Impfungen.

Nun helfen weder Trotz noch Schimpfen,
Nur eines schützt: Rechtzeitig impfen.

Bei unseren Patienten gibt es, wie gesagt, keine Impfmüdigkeit, bei uns Ärzten sollten wir keine aufkommen lassen. Im Gegenteil, wir sollten nun fleißig auch die Jungen gegen HPV impfen.

*Die kursiv gesetzten und blau gedruckten Zeilen sind der „Geschichte vom Philio und der Polio“ aus „Der Cyber-Peter und andere Geschichten aus der modernen Welt, nicht nur für Kinder“ entnommen (siehe Kasten)

Dr. Klaus Günterberg
niedergelassener Gynäkologe, Berlin
klaus-guenterberg@gmx.de