Haarersatz bei Alopezie: Sensible Hilfe ist gefragt

Jeder Mensch verliert täglich bis zu 100 Haare. Doch wenn sich kahle Stellen auf der Kopfhaut zeigen, deutet das auf übermäßigen Haarausfall hin. Diese als Alopezie bezeichnete Erkrankung kann dazu führen, dass Patienten eine Glatze bekommen oder ihre gesamte Körperbehaarung verlieren. Das kennt auch Helene* aus dem Landkreis Esslingen. Völlig unerwartet und ohne ersichtlichen Grund kam es bei ihr erst zu sichtbaren Lichtungen, dann zum kompletten Haarverlust. Die 42-Jährige berichtet, wie sie gelernt hat damit umzugehen.

Ausgefallene Haare in der Bürste oder im Abfluss – jeder kennt das und es ist ein natürlicher Vorgang. Was jedoch über das normale Maß hinausgeht, kann auf eine Alopezie hindeuten. Vor zehn Jahren entdeckte Helene erstmals eine kahle Stelle am Oberkopf – so groß wie eine Zwei-Euro-Münze. „Die wuchs wieder zu. Als ich mit meinem Sohn dann schwanger war, ging alles ganz schnell – binnen acht Wochen war ich völlig kahl“, erzählt die Mutter von zwei Kindern. Helene verlor sämtliche Haare, auch die Wimpern und Augenbrauen. Bis heute haben die Ärzte keine Erklärung.

Ob Alopecia totalis oder Alopecia universalis: Vermutet wird, dass der Haarausfall auf Faktoren wie Nährstoffmangel, Infektionen oder Stress zurückzuführen ist, auch Medikamente können die Ursache sein oder der Verlust ist hormonell oder genetisch bedingt. Zufriedenstellende Antworten und Heilmittel gibt es für Betroffenen keine.


Haarausfall birgt auch psychische Probleme

Haarausfall ist keine schwere Krankheit, wirkt sich jedoch stark auf das Selbst- und Fremdbild aus. „Für mich war die diagnostizierte Alopezie zuerst ein großes Drama. Für jeden, der sich auch optisch definiert, ist das ein Thema“, erinnert sich Helene. Dass übermäßiger Haar­ausfall zum Verlust des Selbstwertgefühls und sogar zu Depressionen führen kann, dass er sich im sozialen Umfeld und auf berufliche Umstände auswirkt, erleben viele Alopezie-Patienten. Helene erzählt: „Ich hatte einen echten seelischen Tiefpunkt, das unterschätzen die Ärzte.“

Dass weder einer der Hautärzte noch jemand aus der Klinik dieses Trauma abfangen konnte, machte die junge Frau hilflos. „Kein Mediziner berücksichtigte die Auswirkungen auf meine Seele.“ Der Alopezie-­Betroffenen fiel immer wieder auf, dass Krebspatienten in der heutigen Zeit in Bezug auf den Haarausfall völlig anders betreut und begleitet werden. „Beim Krebs ist es eher anerkannt, dass man Haare verliert. Die Patienten schämen sich nicht so in dem Ausmaß, zumal es auch ein zeitlich befristeter Zustand ist. Alopezie hingegen ist ein totales Tabuthema.“

Die Alopezie bleibt, und zwar ein Leben lang, auch wenn der Zustand wechselt. Bei Helene sind inzwischen wieder Haare nachgewachsen – und wieder ausgefallen.

„Ich habe ein ständiges Handicap.“

Mit einer aggressiven Diphenylcyclopropenon (DCP)-Therapie versuchte sie die Autoimmun-Störung zu stoppen – ohne nachhaltigen Erfolg. Als für sie im Winter 2012 absehbar war, dass sie eine Perücke braucht, recherchierte sie in ihrem Umfeld und wurde auf Gress Friseure in Esslingen aufmerksam. „Für mich war es wichtig jemanden zu finden, der sich auch mit Frisuren auskennt und in der Nähe ist. Sich das erste Mal an ein Perückenstudio zu wenden, braucht echte Überwindung – es ist ein Eingeständnis der realen Situation“, sagt Helene.


Die Zweithaar-Beratung erfordert viel Fingerspitzengefühl

Susanne Gress ist Ansprechpartnerin und Expertin, wenn es um das Thema Zweithaar geht. Sie versorgt Patienten, die eine Chemotherapie erhalten oder an einer Alopezie leiden mit Haarersatz. Doch es geht um weit mehr: „Menschen kommen in einer schwierigen Situation zu mir, in der ich sie unterstützen möchte. Mir ist eine ganzheitliche Beratung wichtig. Die Dienstleistung liegt mir am Herzen“, sagt Susanne Gress.

Seit mehr als 30 Jahren ist sie im Gesundheitswesen tätig und hat täglich Kontakt mit Patienten und diversen Krankheitsbildern. Sie ist nicht nur Zweithaarspezialistin, sondern hat auch eine zertifizierte Ausbildung zur psychologischen Ayurveda-Beraterin absolviert. Daher bringt sie ihr Wissen aus der Medizin, der Psychologie und der Lebenshilfe ebenso ein wie ihre Produktkenntnisse.

Heute trifft sie ihre Kundin ­Helene im Perücken-Kompetenzzentrum im zweiten Stock über dem Salon. Es ist immer wieder eine sensible und zeitintensive Beratung. Die vertrauensvolle Beziehung zwischen den beiden ist sofort spürbar. „Ich schätze den freundlichen und herzlichen Umgang – und ich werde nicht bemitleidet. Bei aller Misere lachen wir auch mal“, sagt Helene.


Eine gute Perücke kann viele Anforderungen erfüllen

Beim Bundesverband der Zweithaar-Spezialisten e. V. finden Sie weitere Informationen sowie eine Suchmaschine, mit der Ihre Patienten eine Zweithaarpraxis oder ein Studio in der Nähe finden:
www.bvz-info.de

Anfangs wurden mehrere Modelle zur Auswahl bestellt und probiert, inzwischen hat sie mehrere Exemplare ihrer Perücke daheim zur Verfügung: eine Kunsthaar-Ausführung in schöner Karamell-Farbe, die praktisch und pflegeleicht ist. Helene erklärt: „Das Haarteil muss so unauffällig wie möglich sein, das war mir wichtig. Ich will nicht darauf angesprochen werden und gleichzeitig flott aussehen. Und die Perücke muss alltagstauglich sein ohne viel Stylingaufwand.“

Gerade probiert sie mit Susanne Gress einige neue Modelle aus und schaut sich auch die neuesten Mützen und Kopfbedeckungen an. „Das Zweithaar ist ein Alltagsgegenstand und muss so aussehen, dass es keiner merkt. Hier bekam ich die Antwort auf die Frage, ob es tatsächlich Perücken gibt, die gut aussehen und komfortabel sind“, erzählt Helene.

Heute hat sie sich mit ihrer Alopezie ausgesöhnt. Die Haarlosigkeit ihres Kopfes ist ein Umstand, dem sie weniger Bedeutung zumisst. Vor den kleinen Kindern hält sie das Thema momentan noch geheim, bis diese im richtigen Alter sind und der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Ihr schütteres Haupthaar pflegt sie vorsichtig mit Kindershampoo – und nimmt, weil sie trotz allem den Humor nicht verloren hat, das Glitzer-Shampoo ihrer Tochter.


*Name auf Wunsch der Patientin geändert.


Mehr als nur eine Dienstleistung: Begleitung und Betreuung rund ums Zweithaar – 5 Fragen an Susanne Gress

Was genau ist Ihr Aufgabenschwerpunkt?

Frau Gress: Ich versorge seit fast 12 Jahren Chemotherapie-­Patienten und Menschen mit Alopezie mit Haarersatz. Das sind Kunsthaar- und Echthaar-Perücken, sowie Perücken aus Misch­fasern (Echt- und Kunsthaar).


Sie sind Zweithaarspezialistin, aber auch gelernte Arzthelferin mit über 30 Jahren Erfahrung im Gesundheitswesen sowie psychologische Ayurveda-Beraterin. Wie helfen Ihnen Ihre psychologischen und medizinischen Kenntnisse bei der Beratung?

Frau Gress: Kunden mit einer Krebsdiagnose sind physisch oft angegriffen oder instabil; Alopezie-Patienten haben mit den psychischen Auswirkungen ihrer Erkrankung zu kämpfen. Beide brauchen eine völlig andere Betreuung als im üblichen Salonalltag. Der Haarersatz ist zwar der Ausgangspunkt und das Endprodukt, tatsächlich aber geht es um einen Menschen in einer schwierigen Situation, den ich unterstützen möchte.


Was ist also Ihr Ansatz?

Frau Gress: Mir ist eine ganzheitliche Beratung sehr wichtig, bei der immer der Mensch im Vordergrund steht. Dafür habe ich viel Zeit und Geduld – das erleben Patienten eher selten. Erst einmal ankommen, Vertrauen zueinander finden, intensive Gespräche führen, eine Beziehung aufbauen – das passiert in den sehr persönlichen Begegnungen. Ich bin für meine Kunden ganz da.


Wie wird Ihre Dienstleistung abgerechnet?

Frau Gress: Meine Kunden bringen ein Rezept vom behandelnden Arzt mit. Ich berechne die Zuschüsse und den Eigen­anteil, kümmere mich um die Abwicklung mit der Krankenkasse und übernehme die ganze Administration rund um die Bestellung.


Was bekommen die Kunden außer der Perücke?

Frau Gress: Bei uns gibt es das „Rundum-Sorglos-Paket“. Das Zweithaar wird ausgesucht, bestellt und dann probiert und anschließend, falls notwendig, von unseren Friseuren angepasst. Passendes Shampoo und Pflege, sowie Trockenständer liefern wir gleich mit. Ich gebe Tipps und Ratschläge – für den Umgang sowohl mit der neuen Haarpracht als auch mit der Krankheit oder Therapie.


 

Quelle: Dr. Simone Richter, Titania Kommunikation