Prävention und Therapie von Volkskrankheiten: Welche Rolle spielt ein Biofaktoren-Mangel?

Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und Folgeerkrankungen, Osteoporose – sie alle zählen zu den großen Volkskrankheiten. Ein Mangel an essentiellen Biofaktoren, zu denen Vitamine und Mineralstoffe gehören, kann an Entstehung und Verschlimmerung dieser Erkrankungen beteiligt sein. Der Frage, was Biofaktoren in Prävention und Therapie von Volkskrankheiten leisten können, gingen Experten auf dem Online-Symposium der Gesellschaft für Biofaktoren am 14. November 2020 nach.

Bei kardiovaskulären Erkrankungen kann ein Magnesiummangel beobachtet werden, wobei dieser Mangel sowohl Ursache als auch Folge der Herzerkrankung sein kann.1,2,3 „Positive Effekte einer Magnesium-Supplementation auf eine Hypertonie mit senkendem Effekt sowohl auf den systolischen als auch den diastolischen Blutdruck sind durch zahlreiche Studien nachgewiesen“, betonte Prof. Klaus Kisters, Chefarzt der Medizinischen Klinik I, St. Anna Hospital in Herne und stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren (GfB) auf dem Online-Symposium.4 Ein ausgeglichener Magnesiumhaushalt kann sich auch günstig bei Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen auswirken. Insbesondere Herzrhythmusstörungen vom Torsades de Pointes-Typ, aber auch supraventrikulare Tachykardien und eine gehäufte Extrasystolie sprechen gut auf eine Magnesiumtherapie an.5 „Ein Magnesiummangel bei Herzerkrankungen sollte daher vermieden werden, um die Lebensqualität der Patienten zu verbessern und Folgeschäden zu reduzieren“, so der Mediziner Prof. Kisters.

Volkskrankheit Diabetes – erhöhtes Risiko für Magnesiummangel

„Rund 50 % der Typ-2-Diabetiker entwickeln im Laufe ihrer Erkrankung einen Magnesiummangel, bedingt durch erhöhte renale Verluste“, warnte der Neurologe Prof. Karlheinz Reiners aus Erkelenz auf dem Online-Symposium. Ein Magnesiummangel kann die Insulinresistenz fördern,6 eine Magnesium-Supplementation den Glukose-Stoffwechsel positiv beeinflussen.7 Zudem konnte eine Korrelation zwischen einer höheren Magnesiumzufuhr und dem verminderten Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes nachgewiesen werden.8 Als Ziel der Magnesiumtherapie wird die verbesserte Insulinsensitivität, die verbesserte Qualität der Diabeteseinstellung und eine Prävention diabetischer Folgeerkrankungen angesehen.9,10

Die Rolle der B-Vitamine bei der diabetischen Neuropathie

Im Rahmen der Volkskrankheit Diabetes muss nicht zuletzt das Problem diabetischer Folgeerkrankungen berücksichtigt werden. „Bei jedem dritten Diabetiker kommt es zu einer peripheren diabetischen Neuropathie mit Empfindungsstörungen und mitunter starken neuropathischen Schmerzen – vor allem in den Füßen“, betonte Prof. Reiners. In der Entwicklung der Neuropathie bei Diabetikern können die Vitamine B1 und B12 eine wichtige Rolle spielen, da sie unzureichend vorhanden sein können. Ein Vitamin-B1-Mangel wird häufig durch krankheitsbedingten erhöhten renalen Verlust verursacht.11,12 „Bei der Vitamin-B1-Substitution ist durch die Einnahme von Benfotiamin, einer fettlöslichen Vorstufe von Vitamin B1 mit signifikant höherer Bioverfügbarkeit im Vergleich zum wasserlöslichen Thiamin, eine Optimierung der Behandlung möglich“, so Prof. Reiners. Durch Ausgleich eines Mangels kann Benfotiamin Symptome einer Neuropathie lindern.

Das orale Antidiabetikum Metformin, bei den meisten Diabetespatienten unverzichtbar, steigert bei Langzeiteinnahme das Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel.13,14 Neurologisch macht sich dieser Mangel als funikuläre Myelose bemerkbar, die durch Leitungsstörungen der Nervenbahnen im Hinterstrangsystem und der Pyramidenseitenbahnen des Rückenmarkes, aber auch in den peripheren sensiblen Nervenfasern mit der Folge einer Neuropathie-Entwicklung gekennzeichnet ist. „Die Substitution von Vitamin B12 ist durch die Verfügbarkeit einer hochdosierten oralen Therapie deutlich erleichtert worden. Eine Substitution braucht nur bei schweren Mangelzuständen parenteral zu erfolgen, in der Langzeittherapie ist die hochdosierte orale Gabe von 1.000 µg täglich gleichwertig“, so der Mediziner Prof. Reiners. Die Normwerte für das Gesamt-Vitamin B12 im Serum liegen bei 200 bis 1.000 ng/l, wobei dies ein vergleichsweise unsensitiver und gelegentlich ungenauer Biomarker ist. Daher ist bei Werten zwischen 200 und 400 ng/l eine Messung von Holotranscobalamin (Holo-TC) ratsam, die den Status des aktiven B12 wiedergibt. Im Zweifelsfall kann zusätzlich Methylmalonsäure (MMA) und Homocystein gemessen werden.

Volkskrankheit Osteoporose – nicht nur an Calcium denken

Bei der Osteoporose spielen die Biofaktoren Vitamin D und Magnesium eine wichtige Rolle. Vitamin D fördert den Calcium­einbau in den Knochen und reduziert die renale Calciumausscheidung. „Die Vitamin-D-Versorgung gilt als gesichert, wenn die 25-Hydroxy-Vitamin-D3-Serumkonzentration über 50 nmol/L liegt“, betonte Prof. Stefan Pilz, Facharzt für Endokrinologie am LKH-Universitätsklinikum Graz auf dem Online-Symposium der GfB.

Eine Vitamin-D-Supplementation vermag das Frakturrisiko bei Senioren und die Frakturrate unabhängig von Geschlecht, Alter und Wohnsituation zu reduzieren. Auch ältere Menschen in Pflegeeinrichtungen, die häufig unter Vitamin-D-Mangel leiden,15 profitieren daher von einer Vitamin-D-Substitution.16 „Zur Supplementierung werden 800 bis 1000 IE Vitamin D empfohlen, bei anhaltendem Mangel sind mitunter auch höhere Vitamin-D-Dosen zur Zielwerterreichung nötig“, so Prof. Pilz.

Aufgrund seiner wichtigen Funktion im Knochenstoffwechsel sollte auch der Magnesiumgehalt der Osteoporose-Risiko­patienten überprüft werden. Eine ausreichende Magnesiumzufuhr kann vor osteoporotisch bedingten Frakturen schützen.17

Bei Volkskrankheiten den Bio­faktoren-Status berücksichtigen

Die GfB rät, in Prävention und Therapie der großen Volkskrankheiten auf die Biofaktoren-Versorgung zu achten. Der zielgerichtete Ausgleich von Mangelzuständen durch Supplementierung kann Krankheitsverläufe und die Entwicklung von Folgeerkrankungen positiv beeinflussen.

► Die von der Ärztekammer zertifizierte Aufzeichnung des Online-Symposiums inklusive Lernerfolgskontrolle sowie ausführliche Informationen – auch zu anderen als den hier genannten – Biofaktoren stehen Ihnen auf der Webseite der Gesellschaft für Biofaktoren zur Verfügung: www.gf-biofaktoren.de

Die Gesellschaft für Biofaktoren e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der das Ziel verfolgt, die wissenschaftlichen Grundlagen der Therapie und Prophylaxe mit Biofaktoren zu fördern. Zu den Biofaktoren gehören insbesondere Vitamine und Mineralstoffe – Substanzen, die der Körper für seine physiologischen Funktionen benötigt und die gesundheitsfördernde oder krankheitsvorbeugende biologische Aktivitäten besitzen.

 

1 Zhang X et al.: Effects of magnesium supplementation on blood pressure. A meta-analysis of randomized double-blind placebo-controlled trials. Hypertension 2016
2 Nielsen FH: Dietary Magnesium and Chronic Disease. Adv Chronic Kidney Dis 2018, 25(3):230-235
3 Wannamethee SG et al.: Serum magnesium and risk of incident heart failure in older men: The British Regional Heart Study. Eur J Epidemiol 2018, 33(9): 873-882
4 Online-Fach-Symposium der Gesellschaft für Biofaktoren e.V.: „Biofaktoren – Stellenwert in der Prävention und Therapie ausgewählter Volkskrankheiten“ am 14. November 2020. Weitere Informationen erhalten Sie unter www.gf-biofaktoren.de
5 Stühlinger HG: Die Bedeutung von Magnesium bei kardiovaskulären Erkrankungen. J Kardiol 2002, 9(9): 389-395
6 Gröber U, Schmidt J, Kisters K: Magnesium in prevention and therapy. Nutrients 2015; 7(9): 8199-8226
7 Simental-Mendía LE et al: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials on the effects of magnesium supplementation on insulin sensitivity and glucose control. Pharmacol Res 2016; 111: 272-282.
8 Veronese N et al.: Magnesium and health outcomes: an umbrella review of systematic reviews and meta-analyses of observational and intervention studies. Eur J Nutr 2019. DOI:10.1007/s0039 4-019-01905
9 Kisters K et al.: Magnesium in health and disease. Plant Soil 2013; 368: 155-165
10 Arpaci D et al.: Associations of serum magnesium levels with diabetes mellitus and diabetic complications. Hippokratia 2015; 19(2): 153-157
11 Reiners K et al: Sensomotorische diabetische Neuropathien. Diabetologe 2016, 2: 92-103
12 Thornalley PJ et al.: High prevalence of low plasma thiamine concentration in diabetes linked to a marker of vascular disease. Diabetologia 2007 Oct; 50(10): 2164-2170
13 Damião CP et al.: Prevalence of vitamin B12 deficiency in type 2 diabetic patients using metformin: a cross-sectional study. Sao Paulo Med J 2016 June 03, ISSN 1516-318
14 Chapman et al.: Association between metformin and vitamin B12 deficiency in patients with type 2 diabetes: A systematic review and meta-analysis. Diabetes metab 2016 Apr 26
15 Biesalski HK: Ernährungsmedizin 2018, Stuttgart: Thieme Verlag, S. 177
16 Bischoff-Ferrari HA et al.: A Pooled analysis of Vitamin D dose requirements for fracture prevention. NEJM 2012, 367: 40-49
17 Veronese N et al.: Dietary magnesium intake and fracture risk: data from a large prospective study. British Journal of Nutrition 2017

Dr. Daniela Birkelbach

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