Welchen Nutzen haben Biofaktoren bei Krebs?

Ein Interview mit Prof. Dr. med. Hans Georg Classen, bis zu seiner Emeritierung Leiter des Fachgebietes Pharmakologie und Toxikologie der Ernährung an der Universität Stuttgart-Hohenheim, Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren (GfB) und Autor zahlreicher Publikationen.

Prof. Classen, Biofaktoren wie Vitamine und Mineralstoffe zeichnen sich durch wichtige physiologische Aufgaben aus und werden heutzutage bei zahlreichen Erkrankungen, beispielsweise im Herz-Kreislaufbereich, bei Osteoporose oder neurologischen und kognitiven Störungen eingesetzt. Auch bei Krebserkrankungen sollen laut Studienlage Biofaktoren positive Effekte zeigen. Wie ist Ihre Einschätzung?

Classen: Sie haben Recht. Zum Thema Biofaktoren und Krebs sind in den letzten Jahren einige wissenschaftliche Untersuchungen publiziert worden. Dabei hat sich insbesondere Vitamin D3 durch vielversprechende Effekte hervorgetan. Beispielsweise konnten bevölkerungsbasierte Daten eine inverse Korrelation zwischen Vitamin-D3-Status und verschiedenen Krebsarten nachweisen. Aber Ergebnisse von Beobachtungsstudien sollten vorsichtig bewertet werden. Menschen mit einer guten Vitamin-D3-Versorgung leben vielleicht generell gesünder und bewegen sich mehr im Freien, so dass der Vitamin-D3-Status dem gesamten Gesundheitszustand entspricht und kein Beweis für einen Krankheitsnutzen ist. Wichtiger sind Interventionsstudien, am besten randomisiert und placebokontrolliert. Von Vitamin D3 gibt es übrigens auch hier positives zu berichten und zwar gleich von drei großen Metaanalysen. Das vielversprechende Ergebnis: Durch Vitamin D3 in Tagesdosen von 400 bis 2.000 IE, abhängig von der jeweiligen Studie, konnte die Mortalität im Vergleich zu Placebo über alle Krebsarten hinweg signifikant reduziert werden.

Was empfehlen Sie aufgrund dieser Ergebnisse? Sollte jeder Mensch Vitamin D3 einnehmen?

Classen: Eine regelhafte Supplementierung halte ich für falsch. Die Studien zeigten, dass Menschen mit einem nachgewiesenem Vitamin-D3-Mangel von den Effekten profitieren. So wird es auch in dem Leitlinienprogramm Onkologie beschrieben. Daher – und aus Gründen der Erstattungsfähigkeit – empfehle ich eine sorgfältige Analytik und eine Supplementierung nur gezielt nach nachgewiesenem Mangel. Vielleicht an dieser Stelle noch zwei Anmerkungen. Zum einen finden Ihre Leser auf der Webseite der GfB praxisgerechte Informationen zur Labordiagnostik von Vitamin D3 und anderen Biofaktoren. Und zum anderen sollten Patienten aufgrund der auch in der Tagespresse viel zitierten positiven Effekte des Biofaktors bei Krebs darauf aufmerksam gemacht werden, dass eine übermäßige Sonnenexposition eindeutig der falsche Weg ist, um seine Vitamin-D3-Versorgung zu verbessern. Das Thema Hautkrebs ist in den letzten Jahren sicherlich ausführlich diskutiert worden

Prof. Classen, gibt es noch weitere Wirkungen einer optimalen Biofaktorenversorgung bei Krebs?

Classen: Bei anderen Biofaktoren ist die Studienlage zur Primärprävention bei Krebs nach wie vor gering und zeigt inkongruente Ergebnisse. Was aber in der Betreuung von Krebspatienten wichtig ist, auf den generellen Ernährungsstatus zu achten. Viele Patienten leiden unter Inappetenz, Malnutrition und Kachexie – sei es durch die Erkrankung selber oder durch Operationen, Chemo- oder Strahlentherapie. Ein schlechter Ernährungsstatus wiederum kann das Risiko für einen Mangel an Biofaktoren deutlich erhöhen. An dieser Stelle sehe ich Handlungsbedarf für den behandelnden Therapeuten.

Prof. Classen, gibt es noch andere Aspekte zum Thema Biofaktoren und Krebs, auf die Sie eingehen möchten?

Classen: Einen Punkt möchte ich noch ansprechen. In der Krebstherapie werden bekanntermaßen Zytostatika wie die Antimetabolite Methotrexat, Capecitabin oder 5-Fluoruracil sowie Platinanaloga oder Rituximab eingesetzt. Diese können zu sogenannten Biofaktorenräubern werden. Beispielsweise kann Methotrexat zu einem Mangel an Magnesium, Zink, Folsäure und Vitamin D3 führen. Rituximab und Cisplatin hingegen können zu einer vermehrten Ausscheidung von Magnesium und Kalium führen. Meines Erachtens sollte in der täglichen Betreuung der Patienten auf diese arzneimittelbedingten Einflüsse geachtet werden. Übrigens finden Ihre Leser auch zu diesem Thema ausführliche Informationen auf der GfB-Webseite.

Herzlichen Dank für das Interview, Prof. Classen.

Dr. Daniela Birkelbach
Gesellschaft für Bio­faktoren e. V.
daniela.birkelbach(at)gf-biofaktoren(dot)de
www.gf-biofaktoren.de

Die Gesellschaft für Biofaktoren e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der das Ziel verfolgt, die wissenschaftlichen Grundlagen der Therapie und Prophylaxe mit Biofaktoren zu fördern.

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