Die perinatale Programmierung und Bewegung in der Schwangerschaft

Bewegung in der Schwangerschaft wirkt sich positiv auf die Gesundheit von Frau und Kind aus. Begleiterkrankungen wie Präeklampsie und Schwangerschaftsdiabetes sowie die Gewichtszunahme werden günstig beeinflusst. Das ist bereits bekannt. Zusätzlich sollte die perinatale Programmierung als präventive Maßnahme für Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen beachtet werden. Denn schon vor und während der Schwangerschaft werden gesundheitliche Grundsteine für das Kind gelegt.

Die aktuelle Forschungslage bestätigt die gesundheitlichen Vorteile von körperlicher Aktivität während der Schwangerschaft.1 Diese hat positive kardio-metabolische Effekte, erhält die Fitness und verringert das Auftreten von Stimmungsschwankungen und Rückenschmerzen.2 Ein inaktiver Lebensstil führt hingegen zu negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Mutter und des Kindes. Zum einen nehmen Frauen deutlich mehr Gewicht in der Schwangerschaft zu und zum anderen haben sie ein erhöhtes Risiko, an Gestationsdiabetes oder einer Präeklampsie zu erkranken. Bewegung in der Schwangerschaft verringert das Risiko von schwangerschaftsbedingten Erkrankungen.2,3 

So kann der Grundstein für Übergewichtsprävention im Kindesalter bereits vor der Geburt gelegt werden. Einen großen Einfluss auf die fetale Entwicklung sowie die langfristige Gesundheit des Kindes haben der Lebensstil, die Ernährung und die Bewegung vor und während einer Schwangerschaft. Es wird von einer frühen Programmierung gesprochen. 

Frühe Programmierung

Die zukünftige Funktionsweise von Organsystemen und des Stoffwechsels des ungeborenen Kindes werden im Laufe der Entwicklungsphasen durch Umweltfaktoren festgelegt.4 Es scheint, als würden neben zellulären und metabolischen Faktoren vor allem epigenetische Einflussfaktoren einen großen Teil der frühen Programmierung ausmachen. Innerhalb von epigenetischen Prozessen können Gene ohne Änderung der genetischen Information an- oder ausgeschaltet werden. Durch bestimmte Umweltfaktoren, z. B. den Lebensstil der Frau vor und während der Schwangerschaft, können diese molekularen Mechanismen beeinflusst werden. Demnach beeinflussen ungünstige Umweltbedingungen die frühe Programmierung negativ und die Entwicklung von Erkrankungen kann begünstigt werden.4,5

Perinatale Programmierung
Es besteht ein Zusammenhang zwischen früher Entwicklung und späteren Erkrankungen.Der Organismus kann pränatal als auch in perinatalen Entwicklungsphasen auf veränderte Umweltbedingungen mit Anpassungsprozessen reagieren.
Der Grundstein des Kindes für den späteren Gesundheitszustand kann gelegt werden.4,6

Präkonzeptionelle Phase 

Die präkonzeptionelle Phase bezieht sich auf den Zustand der Frau vor der Befruchtung. Beobachtungsstudien und Metaanalysen zeigen, dass Übergewicht und Adipositas vor der Schwangerschaft eine Vielzahl von negativen Auswirkungen nicht nur auf die Gesundheit der Mutter und den Schwangerschaftsverlauf, sondern auch auf die Gesundheit des Kindes haben können.4 Neben dem BMI scheinen auch die Ernährung und die Bewegung einen Einfluss auf die Schwangerschaft und die Gesundheit des Kindes zu haben. Ein hoher Verzehr von Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen und Fisch bis zu drei Jahre vor der Schwangerschaft geht mit einem geringeren Risiko für Komplikationen während der Schwangerschaft sowie für Gestationsdiabetes einher.7 Regelmäßige, moderate körperliche Aktivität vor der Schwangerschaft ist ebenfalls mit einem erniedrigten Risiko für Schwangerschaftskomplikationen vor allem hinsichtlich eines Schwangerschaftsdiabetes assoziiert.4

Perinatale Phase

Auch in der perinatalen Phase (während der Schwangerschaft) stehen eine übermäßige Gewichtszunahme, Schwangerschaftsdiabetes und fetale Makrosomie in Verbindung mit Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Ein zunehmendes Übergewicht der Mutter lässt das Risiko für eine fetale Makrosomie sowie das Geburtsgewicht steigen.4 Ein hohes Geburtsgewicht geht mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine spätere Entwicklung von Übergewicht und Adipositas sowie den damit begleitenden Erkrankungen wie Diabetes Typ 2 einher.8

In der perinatalen Phase ist Bewegung und Ernährung von besonderer Bedeutung. Frauen sollten sich weiterhin ausgewogen und abwechslungsreich ernähren. Besonders ist auf eine ausreichende Zufuhr von Mikronährstoffen, Vitaminen und Mineralien zu achten.9,10 
 

Empfehlungen für Bewegung in der Schwangerschaft

Bewegung während der Schwangerschaft wird grundsätzlich empfohlen, solange keine Kontraindikationen vorliegen. Ein wichtiges Zeichen, das zum Belastungsabbruch führen sollte, ist durch körperliche Aktivität ausgelöste Uteruskontraktionen oder Bauchspannungen.11 

Das American College of Sports Medicine empfiehlt11,12:  

  • moderates Ausdauertraining (40–59  % der maximalen Herzfrequenz) für mindestens 30 Minuten an mindestens 5 Tagen in der Woche oder 
  • intensives Ausdauertraining für mindestens 20 Minuten pro Tag (60–80 % der maximalen Herzfrequenz).

Weitere Möglichkeiten zur Beurteilung der Bewegungsintensität sind der Talk-Test und die Borg-Skala. Optimal ist die Kombination aus moderatem und intensivem Training. Zusätzlich wird vorgesehen, an zwei bis drei Tagen pro Woche ein Krafttraining und Dehnungsprogramm der großen Muskelgruppen durchzuführen. Vermieden werden sollten dabei Sportarten mit einem hohen Sturzrisiko und Kontaktsportarten. Solange sich die schwangere Frau wohlfühlt und keine Kontraindikationen vorliegen, ist jegliche Art von Bewegung ein positiver Beitrag zur Gesundheit der Frau und des ungeborenen Kindes. 9, 12, 13 

Günstiges Zeitfenster zur Motivation

Paaren und Frauen mit Kinderwunsch fehlt häufig die Sensibilisierung, in welchem Maße ihr derzeitiger Lebensstil den Schwangerschaftsverlauf und insbesondere die Gesundheit des Kindes beeinflussen kann.3,6 Im Vergleich zu anderen Bereichen in der Schwangerschaftsplanung zeigt sich ein geringes Bewusstsein hinsichtlich der präkonzeptionellen Gesundheit unter Frauen und Multiplikatoren im Gesundheitswesen. Gleichzeitig zeigen Frauen und Paare mit Kinderwunsch sowie schwangere Frauen eine hohe Motivation für positive Lebensstilveränderungen und sind offen für Empfehlungen, wodurch diese Lebensphase ein besonders günstiges Zeitfenster darstellt, um Frauen zu gesundheitsfördernden Maßnahmen zu motivieren.4,14 In dem von der Plattform Ernährung und Bewegung e.V. (peb) geförderten Projekt GeMuKi wird die fachübergreifende Gesundheitsberatung für Schwangere und junge Eltern gestärkt. https://www.pebonline.de/projekte/gemuki/


Fazit für die Praxis

  • Die präkonzeptionelle Phase hat einen relevanten Einfluss auf die spätere Gesundheit des Kindes.
  • Die perinatale Programmierung erweist sich als wichtiger Angriffspunkt für präventive und gesundheitsfördernde Handlungsmaßnahmen in Hinblick auf die Übergewichtsprävention.
  • Frauen im gebärfähigen Alter sollten stärker sensibilisiert werden und zu einem gesunden Lebensstil mit einer ausgewogenen Ernährung und regelmäßiger körperlicher Aktivität motiviert werden. 

Literatur beim Verfasser
 

Prof. Dr. med. Ulrike Korsten-Reck 
Geschäftsführerin der Adipositas-Akademie Freiburg c/o BSB Freiburg 
ulrike.korsten-reck@adipositas-akademie-
freiburg.de