Kommentar: KI – eine Parodie auf Intelligenz

Künstliche Intelligenz (KI), als Teilgebiet der Informatik, ist zur Automatisierung von Prozessen geeignet. Auch maschinelles Lernen gehört dazu. Aber wie sinnvoll ist KI in der Medizin für individuelle Diagnostik und Therapie-Entscheidungen?

Menschliche Wahrnehmungen und menschliches Handeln durch Maschinen nachzubilden wird bald an seine Grenzen stoßen. Denn dabei kommen individuelle Vorstellungen zu kurz. Dazu sei als Beispiel die Prostatakrebs-Früherkennung via PSA-Test angeführt. Folgende Daten werden in der S3-Leitlinie der DGU* angegeben: Pro 10.000 Männer, die sich regelmäßig einem PSA-Test unterziehen, sterben 12 weniger an dieser Krebs­erkrankung. 49 Männer sterben trotz regelmäßiger Teilnahme am Screening und für 340 Männer besteht das Risiko einer Überbehandlung. Was sollen hier KI-Studien bringen? 3 % der Männer sterben an dieser Krebserkrankung. Für diese Männer werden obige Absolutzahlen so individuell wahrgenommen und eingestuft, dass eine KI hier für eine Risikobewertung überfordert ist. KI kann keine komplexe psychosozial geprägte Entscheidung treffen. Dazu bedarf es einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung.

Ebenso verhält es sich beim Mammographie-Screening. Inzwischen ist hier eine KI-Auswertung möglich. Immer kleinere Tumoren werden entdeckt, ohne dass diese die Lebenserwartung verkürzen müssen. KI schafft mehr Krebsdiagnosen, die von den Frauen belastend erlebt werden. Ein KI-Nutzen wäre dann gegeben, wenn die so zusätzlich gestellten Diagnosen zu weniger Krebssterblichkeit führen würden.

Nach einer Google-­Health-Studie kann eine KI-Auswertung von Mammographien 3,5 % weniger falsch positive Befunde und 8,1 % weniger falsch negative Befunde erreichen. Es gab aber auch Befunde, die nur Radiologen entdeckten. Das ist u. a. erklärbar durch Einbeziehung früherer Befunde und auch der Patienten-Vorgeschichte. Beides schafften die KI-Algorithmen nicht.


Was soll KI bei Diagnosen bringen?

KI-„Euphoriker“ müssen den KI-Nutzen in Absolutzahlen liefern. Sie „glauben“ menschliches Denken besser erforschen zu können – ohne nachvollziehbare Hypothese.

 


„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“  Immanuel Kant



„Intelligenz“ in der Medizin

Mit dem Begriff „Intelligenz“ sollten wir in der Medizin sparsam umgehen. Keine andere universitäre Disziplin braucht Leitlinien, die von der Hälfte der Ärzte missachtet werden – ohne Nachteile für die Patienten, vorausgesetzt eine Fortbildung erfolgt regelmäßig.

Leitlinienwatch.de bewertete 185 Leit­linien nach internationalen Kriterien. 12 % erreichten die höchste Punktzahl (12 – 18) und weniger als die Hälfte die niedrigste (0 – 4). Leitlinien in Kombination mit KI wären noch schlechter, da Programme nicht zeitnah an neue komplexe Erkenntnisse „nachjustierbar“ wären.

Hierzu ein Beispiel zur Sectio-Rate von 30 – 50 %. Es gibt KI-Programme, die vorhersagen wollen, ob eine Spontangeburt oder Sectio der bessere Geburtsmodus sei. Dazu werden Algorithmen eingesetzt, die die soziale-emotionale Entscheidungsebene der Frauen aber nicht erfassen bzw. missachten. An der Sectio-Rate kann daher auch eine KI nichts ändern – außer zu bevormunden. Der Geburtsmodus wird wesentlich durch die Frauen bestimmt.

 


„Denken ist die härteste Arbeit, die es gibt. Das ist möglicher­weise der Grund, warum sich so wenige darum bemühen.“ Henry Ford



Exkurs

Wie komme ich zu KI und Intelligenz? Nicht durch überdurchschnittliche Intelligenz. Einstein zu sich selbst: „Ich bin nicht besonders intelligent, aber sehr neugierig.“ Neugier löste das Medizinstudium kaum bei mir aus. Vieles wurde „starr“ dargestellt, ohne Fragen zuzulassen. Daher der Entscheid eines parallelen Psychologie- und Soziologie-Studiums. Dort sprachen Dozenten zweifelhafte Erkenntnisse an und es kam zu spannenden Diskussionen. Ich fragte nach einem Thema für eine Diplomarbeit beim Institutsleiter an, der mich als Medizinstudent kannte. Seine Frage: „Was halten Sie als Außenstehender von Intelligenz?“ Prompte Antwort: „Gar nichts“. Er erwiderte: „Die einzig richtige Antwort.“ und vergab ein Thema zu Intelligenz. Nach erfolgreicher Diplomprüfung kam die Erklärung des Institutsleiters zu obigem „Kompliment“. Er machte für Medizinstudenten einige Vorlesungen und konnte offensichtlichen Unsinn erzählen: Alles wurde mitgeschrieben, ohne Zwischenfragen. War das die Basis für heutige Leitlinien, oft als Richtlinien verkannt?

Warum dieser Exkurs? Wenn wir nicht nur nach Leitlinien, sondern auch mit KI bevormunden, dann wollen junge Ärzte noch weniger in der Klinik arbeiten. Nach einer aktuellen Umfrage denken 20 % über einen Berufswechsel nach, trotz „Traumstudium“ Medizin.

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Fazit

Menschliche Verstandesleistungen können von KI-gesteuerten Maschinen übernommen werden – mit großem Aufwand. Aber nur 20 % unserer Intelligenz arbeitet auf rationaler Basis. 80 % sind soziale Intelligenz, die über unsere Lebensgestaltung wesentlich entscheidet. Das ärztlich zu erkennen, unter gezielt kompetentem Einsatz unserer fünf Sinne, sollten wir uns weiter zutrauen. Das braucht fundierte Kenntnisse in Biologie, Psychologie und Soziologie.

Patienten erwarten von einem Arzt ein individuelles ganzheitliches Erfassen seiner Probleme aller Art. Dabei sind ethische, moralische und normative Aspekte zu bedenken. Eine KI ist damit überfordert. Schließlich lautet die allgemein gültige Intelligenz-­Definition nach W. Stern: die Fähigkeit, sich effizient mit neuen Bedingungen auseinanderzusetzen. Jeder Patient in Klinik und Praxis ist solch eine „neue Bedingung“.

In der Technik wird bereits kritisch diskutiert, ob KI zu einer Entwicklung führt, die einen Kontrollverlust für den Menschen bedeutet. Deshalb brauchen wird in der Medizin klare Regeln für den Einsatz von KI.

Literatur:

Krüger-Brand HE: Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen in der Risikoabschätzung. Deutsches Ärzteblatt Heft 3 vom 13.1.2020

Köhler J: Maschinen statt Menschen ? Chancen und Grenzen künstlicher Intelligenz  in Forschung +Lehre 2/2020

Woopen C: Grundlegende Rechte und Freiheit schützen. Ethische Implikationen der KI in Forschung +Lehre 2/2020

Wendehorst C: Ist der Roboter haftbar?  KI und gültige Rechtsnormen in Forschung +Lehre 2/2020

Lenzen-Schulte M: Prüffall PSA-Test. IQWiG zur PSA-Nutzenbewertung- im Deutschen Ärzteblatt 1-2/2020

Carl G: EBM-Anpassung fördert sprechende Medizin 2/2020 in Neuro Transmitter 1-2/2020

Urbanek M: KI versus Ärzte. Wer Brustkrebs besser diagnostiziert. Radiologen oder KI von Google in Ärzte Zeitung 3.1.2020

Golder W: Radiomics Den Wandel zu Ende denken im Deutschen Ärzteblatt Heft 7 vom 14.2.2020

Prof. Dr. med. Dipl. Psych. J. M. Wenderlein
wenderlein(at)gmx(dot)de