Wie steht es um die Frauengesundheit

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Frauen und Männern in Deutschland und weltweit. 2017 waren 40 % aller Todesfälle bei Frauen auf eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zurückzuführen. Das bedeutet, dass Frauen in Deutschland häufiger an Herzinfarkt, Schlaganfall usw. sterben als an Brustkrebs. Trotzdem gelten sie weiterhin als typisch männliche Erkrankungen, und Frauen unterschätzen häufig ihr Erkrankungsrisiko

 

Der erste Frauengesundheitsbericht des RKI informiert umfassend zum Gesundheitszustand, zum Gesundheitsverhalten und zur Gesundheitsversorgung von Frauen in Deutschland. Gegenwärtig sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen bzgl. der Geschlechterunterschiede der am besten untersuchte Bereich der Medizin.6 Individualisierte Medizin und Gendermedizin trugen dazu bei, dass die Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zunehmend verbessert und an die individuellen Risiken und Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten angepasst wurde.7  Im Folgenden finden Sie ausgewählte Ergebnisse des Frauengesundheitsberichts zu den häufigsten Herzkreislauf-Erkrankungen Herzinfarkt und Schlaganfall zusammengefasst. 

Akuter Herzinfarkt 

In Zahlen - Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nach wie vor die häufigste Todesursache bei Frauen und Männern; 2017 waren bei Frauen 40 % aller Todesfälle auf eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zurückzuführen. 

- Die wichtigsten Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen sind die ischämische Herzkrankheit und der akute Schlaganfall. 

- Bei rund 7 % der Frauen wurde schon einmal eine koronare Herzkrankheit ärztlich diagnostiziert, rund 2 % hatten im Laufe ihres Lebens einen Schlaganfall.

Laut Todesursachenstatistik starben im Jahr 2017 19.836 Frauen an einem Herzinfarkt (4,2 % aller Todesfälle, Männer: 5,9 %).1 Insgesamt gehen die altersstandardisierten Sterberaten an ischämischen Herzkrankheiten bei Frauen wie bei Männern kontinuierlich zurück. In den Jahren 2000 bis 2017 zeigte sich bei Frauen der deutlichste Rückgang im Alter zwischen 65 und 79 Jahren.  Frauen sind seltener von Herzinfarkten betroffen als Männer; besonders deutlich zeigt sich dies im Alter unter 55 Jahren.8

Letalität

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Herzinfarkt tödlich verläuft, steigt mit dem Alter an und ist nach den Daten des Augsburger Herzinfarktregisters für Frauen höher als für Männer. Hier lag in den Jahren 2015 bis 2017 die Letalität innerhalb von 28 Tagen nach dem Infarkt bei den 55- bis 59-jährigen Frauen bei 38,2 % (Männer: 31,1 %) und bei den 65- bis 69-jährigen Frauen bei 45,9 % (Männer: 40,0 %).8

Für die Geschlechterunterschiede scheint vor allem die koronare Sterblichkeit vor der Klinikaufnahme (Prähospital-Sterblichkeit) eine Rolle zu spielen: 2015 bis 2017 starben 27,1 % der 25- bis 74-jährigen Frauen und 23,5 % der gleichaltrigen Männer an einem Herzinfarkt, bevor sie die Klinik erreichten. Nach Analysen von Krankenkassendaten kann die höhere Letalität bei Frauen vor allem mit dem durchschnittlich höheren Alter und den damit verbunden Begleiterkrankungen in Verbindung gebracht werden. Es zeigen sich keine Geschlechterunterschiede nach der Aufnahme ins Krankenhaus.9,10

Biologische Mechnaismen

Die Geschlechterunterschiede bei Neuerkrankungen und Sterblichkeit sind zum Teil auch in biologischen Mechanismen, der unterschiedlichen Wirkung von Risikofaktoren sowie Unterschieden in Symptomatik, Diagnostik und Therapie begründet. 

Vor der Menopause stellen u. a. Östrogene (weibliche Geschlechtshormone) einen Schutzfaktor gegen den Herzinfarkt dar.11 Dies erklärt das durchschnittlich spätere Erkrankungsalter bei Frauen. Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Rauchen und erhöhte Triglyzeridwerte im Blut erhöhen für Frauen das Herzinfarktrisiko stärker als für Männer. Die Kombination von Rauchen und der Einnahme von hormonellen Verhütungsmitteln (Pille) führt zu einer deutlichen Erhöhung des Risikos.12 Umgekehrt gibt es Hinweise, dass HDL-Cholesterin und körperliche Aktivität bei Frauen stärker schützend wirken als bei Männern.13,14

Symptome und Therapiebeginn

Während bei Männern eher die als „klassisch“ bekannten Herzinfarktsymptome wie starkes Engegefühl im Brustkorb und Vernichtungsschmerz auftreten, berichten Frauen häufig von unspezifischen Beschwerden wie Luftnot, Übelkeit, Oberbauchschmerzen, Rückenschmerzen, Schmerzen im Arm, Kieferschmerzen und Schwäche.7, 15

Aufgrund der unspezifischen Symptomatik werden Herzinfarkte bei Frauen oft später erkannt. Dies kann zu einem verzögerten Therapiebeginn und zu einer höheren Sterblichkeit führen.16 Ein weiterer Grund für einen verzögerten Therapiebeginn könnte sein, dass ältere Frauen häufiger alleine leben und seltener Unterstützung haben, die medizinische Hilfe rufen könnte.17,18 

Auch die Herzinfarktdiagnostik bei Frauen ist schwieriger, u. a., weil die Grenz- werte für die entsprechenden Blutuntersuchungen an männlichen Standards orientiert19 und die EKG-Befunde weniger eindeutig sind20. Insgesamt ist das Risiko für Fehldiagnosen bei jüngeren Frauen größer als bei jüngeren Männern und älteren Frauen.20

 

Gendermedizin – geschlechtsspezifische Medizin

 
  • Die Gendermedizin ist ein Teilgebiet der Humanmedizin. Sie beschäftigt sich mit dem Einfluss von Geschlecht auf die Prävention, Entstehung, Diagnose, Therapie und Erforschung von Erkrankungen.
  • Dabei werden sowohl Fragen thematisiert, die das biologische Geschlecht („sex“) betreffen, beispielsweise die Genetik und den Hormonstoffwechsel, als auch das soziokulturelle Geschlecht („gender“), etwa im Hinblick auf Geschlechterrollen und Lebensstile.
  • Ziel ist eine Verbesserung der Qualität der medizinischen Versorgung durch mehr Gendersensibilität. Die Gründung der ersten Gendermedizin-Institute erfolgte im Jahr 2001 in New York, 2002 am Karolinska-Institut in Stockholm und 2003 an der Charité in Berlin.
 

 

Schlaganfall 

Die Ergebnisse bevölkerungsbezogener Schlaganfallregister in Erlangen21,22 und Ludwigshafen23 zeigen, dass Frauen insgesamt häufiger von einem Schlaganfall betroffen sind als Männer. Die jährliche Inzidenz erstmaliger Schlaganfälle betrug für Frauen im Zeitraum von 1994 bis 1996 in Erlangen 201 je 100.000 Einwohnerinnen (Männer: 147 je 100.000 Einwohner).24 Die Daten des Schlaganfallregisters in Ludwigshafen zeigen für 2006 bis 2007 eine Schlaganfallinzidenz von 221 je 100.000 Einwohnerinnen bei Frauen und von 211 je 100.000 Einwohner bei Männern. Die altersspezifischen Inzidenzraten steigen für Frauen und Männer in beiden Registern mit zunehmendem Alter steil an.22,23

Dass Frauen häufiger betroffen sind als Männer, lässt sich mit der größeren Anzahl älterer Frauen in der Bevölkerung erklären. Bei den Männern zeigen sich jedoch auch höhere Inzidenzraten innerhalb der einzelnen Altersgruppen. 

Stroke Units 

Auch beim Schlaganfall zeigt sich, dass die Sterberaten bei Frauen und Männern kontinuierlich gesunken sind, besonders in den höheren Altersgruppen.26 Mögliche Gründe hierfür sind eine abnehmende Fallschwere sowie eine bessere Versorgung27-29, insbesondere durch spezialisierte Organisationseinheiten in Krankenhäusern, die sogenannten Stroke Units.30,31 Nach der Akuttherapie auf Station folgt meistens eine stationäre oder ambulante neurologische Rehabilitation. Etwa ein Drittel der Frauen (31,4 %) und ein Viertel der Männer (22,5 %) versterben allerdings innerhalb des ersten Jahres nach einem Schlaganfall. 

Risikofaktoren 

Risikofaktoren für einen Schlaganfall sind für Frauen und Männer gleichermaßen Blut­hochdruck, Adipositas, Bewegungsmangel und Fettstoffwechselstörungen. Frauen mit Diabetes haben jedoch ein höheres Erkrankungsrisiko als Männer32, gleiches gilt für Frauen, die rauchen33. Darüber hinaus besteht bei Frauen nach den Wechseljahren infolge der Veränderungen im Hormonhaushalt ein höheres Risiko für das Auftreten von Blutgerinnseln (Thrombosen) und somit für einen ischämischen Schlaganfall.32

Der Bericht wurde im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung des Bundes vom Robert Koch-Institut erarbeitet. Das Bundesministerium für Gesundheit hat hierzu den Auftrag erteilt und die Arbeit finanziell gefördert. 

Literatur 

  1. Statistisches Bundesamt (2019) Todesursachenstatistik ab 1998. Sterbefälle, Sterbeziffern (je 100.000 Einwohner, alters-standardisiert). www.gbe-bund.de (Stand: 01.04.2020)

  2. Global Burden of Disease 2015 Mortality and Causes of Death Collaborators (2016) Global, regional, and national life expec¬tancy, all-cause mortality, and cause-specific mortality for 249 causes of death, 1980–2015: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2015. Lancet 388(10053):1459–1544

  3. Higginson R (2008) Women’s help-seeking behaviour at the onset of myocardial infarction. Br J Nurs 17(1):10–14

  4. Prigione S, Seeland U, Kendel F et al. (2015) Cardiovas¬cular risk factor distribution and subjective risk estimation in urban women – the BEFRI study: a randomized cross-sectional study. BMC Med 13:52

  5. Deutsche Herzstiftung e. V. (Hrsg) (2018) Was ist bei Frauen anders? Koronare Herzkrankheit. Wissen kompakt erklärt, Son¬derdruck 28. Deutsche Herzstiftung e. V., Frankfurt am Main

  6. Lohff B, Rieder A (2008) Einleitung: Gender Medizin – eine neue Disziplin? In: Rieder A, Lohff B (Hrsg) Gender Medizin: Geschlechtsspezifische Aspekte für die klinische Praxis. Springer, Wien, S. 1–12

  7. Regitz-Zagrosek V (2012) Sex and Gender Differences in Cardiovascular Disease. In: Oertelt-Prigione S, Regitz-Zagrosek V (Hrsg) Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine. Springer, London, S. 17–44

  8. KORA Herzinfarktregister Augsburg (2019) Daten zu Herz¬infarkten in der Region Augsburg. www.gbe-bund.de (Stand: 01.04.2020)

  9. Bestehorn K, Bestehorn M, Fleck E (2018) Different in-hos¬pitality mortality and treatment for men and women? A risk adjusted analysis of German quality assurance data. Clin Res Cardiol 107(Suppl 1)

  10. Heller G, Babitsch B, Günster C et al. (2008) Mortality Follow¬ing Myocardial Infarction in Women and Men. An Analysis of Insurance Claims Data from Inpatient Hospitalizations. Dtsch Arztebl Int 105(15):279–285

  11. Regitz-Zagrosek V (2012) Sex and Gender Differences in Car¬diovascular Disease. In: Oertelt-Prigione S, Regitz-Zagrosek V (Hrsg) Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine. Springer, London, S. 17–44

  12. Croft P, Hannaford PC (1989) Risk factors for acute myo¬cardial infarction in women: evidence from the Royal Col¬lege of General Practitioners‘ oral contraception study. BMJ 298(6667):165–168

  13. Vaccarino V, Badimon L, Corti R et al. (2011) Ischaemic heart disease in women: are there sex differences in pathophysiology and risk factors? Position paper from the working group on coronary pathophysiology and microcirculation of the European Society of Cardiology. Cardiovasc Res 90(1):9–17

  14. Anand SS, Islam S, Rosengren A et al. (2008) Risk factors for myocardial infarction in women and men: insights from the INTERHEART study. Eur Heart J 29(7):932–940

  15. Chen W, Woods SL, Puntillo KA (2005) Gender differences in symptoms associated with acute myocardial infarction: a review of the research. Heart Lung 34(4):240–247

  16. Canto JG, Rogers WJ, Goldberg RJ et al. (2012) Association of age and sex with myocardial infarction symptom presentation and in-hospital mortality. JAMA 307(8):813–822

  17. Bouma J, Broer J, Bleeker J et al. (1999) Longer pre-hospital delay in acute myocardial infarction in women because of longer doctor decision time. J Epidemiol Community Health 53(8):459–464

  18. Lammintausta A, Airaksinen JK, Immonen-Räihä P et al. (2014) Prognosis of acute coronary events is worse in patients living alone: the FINAMI myocardial

  19. Shah ASV, Ferry AV, Mills NL (2017) Cardiac Biomarkers and the Diagnosis of Myocardial Infarction in Women. Curr Car¬diol Rep 19(5):40

  20. Shaw LJ, Bairey Merz CN, Pepine CJ et al. (2006) Insights from the NHLBI-Sponsored Women’s Ischemia Syndrome Evaluation (WISE) Study: Part I: gender differences in tradi¬tional and novel risk factors, symptom evaluation, and gen¬der-optimized

  21. Kolominsky-Rabas PL, Sarti C, Heuschmann PU et al. (1998) A prospective community-based study of stroke in Germany – the Erlangen Stroke Project (ESPro): incidence and case fatality at 1, 3, and 12 months. Stroke 29(12):2501–2506

  22. Kolominsky-Rabas PL, Wiedmann S, Weingärtner M et al. (2015) Time trends in incidence of pathological and etiological stroke subtypes during 16 years: the Erlangen Stroke Project. Neuroepidemiology 44(1):24–29

  23. Palm F, Urbanek C, Rose S et al. (2010) Stroke Incidence and Survival in Ludwigshafen am Rhein, Germany: the Lud¬wigshafen Stroke Study (LuSSt). Stroke 41(9):1865–1870

  24. Erlanger Schlaganfall-Register, Neurologische Klinik der Uni¬versität Erlangen-Nürnberg (2011) Daten zu Schlaganfällen in Erlangen 1994 bis 1996.

  25. Icks A, Claessen H, Kvitkina T et al. (2017) Incidence and relative risk of stroke in the diabetic and non-diabetic population between 1998 and 2014: A community-based stroke register.m LoS ONE 12(11):e0188306. doi.org/10.1371/journal.pone.0188306 (Stand: 01.04.2020)

  26. Robert Koch-Institut (2015) Schlaganfall. In: Robert Koch- Institut (Hrsg) Gesundheit in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Gemei

  27. Feigin VL, Forouzanfar MH, Krishnamurthi R et al. (2014) Global and regional burden of stroke during 1990–2010: fin¬dings from the Global Burden of Disease Study 2010. Lancet 383(9913):245–255

  28. Feigin VL, Lawes CMM, Bennett DA et al. (2009) World¬wide stroke incidence and early case fatality reported in 56 population-based studies: a systematic review. Lancet Neurol 8(4):355–369

  29. Lewsey JD, Jhund PS, Gillies M et al. (2009) Age- and sex-spe¬cific trends in fatal incidence and hospitalized incidence of stroke in Scotland, 1986 to 2005. Circ Cardiovasc Qual Out¬comes 2(5):475–483

  30. Stroke Unit Trialists‘ Collaboration (2013) Organised inpatient (stroke unit) care for stroke. Cochrane Database Syst Rev (9):CD000197. (Stand: 01.04.2020)

  31. Kessler C, Khaw AV, Nabavi DG et al. (2011) Standardized Prehospital Treatment of Stroke. Dtsch Arztebl Int 108(36):585–591. Stramba-Badiale M, Goulene K (2006) Gender and Stroke. In: Regitz-Zagrosek V, Fuchs J (Hrsg) Geschlechterforschung in der Medizin. Peter Lang, Frankfurt am Main, S. 83–86

  32. Nolte CH, Heuschmann PU, Endres M (2012) Sex and Gender Differences in Neurology. In: Oertelt-Prigione S, Regitz-Za¬grosek V (Hrsg) Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine. Springer, London, S. 169–182

  33. Schröder C, Wenzel C, Weissenborn K (2008) Neurologie. In: Rieder A, Lohff B (Hrsg) Gender Medizin. Springer, Wien, S. 209–233
     

Quelle: Gesundheitliche Lage der Frauen in Deutschland,  Robert Koch-Institut 2020; http://www.rki.de/frauengesundheitsbericht

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