Resilienz stärken und bewahren mit HRT

Eine Persönlichkeitseigenschaft, die für Lebenskrisen kleinerer und größerer Art nützlich ist, sollte inhaltlich mehr in das gynäkologische Beratungsgespräch eingehen: die Resilienz. Kurz ausgedrückt geht es um das „abprallen lassen“ von Widrigkeiten des Lebens aller Art und das „zurückspringen“ in eine zufriedenere Lebensgestaltung. Im Folgenden interessiert, ob eine HRT wesentlich mit dazu beitragen kann, Körper, Geist und Seele stark zu erhalten für eventuell zu erwartende belastende Lebensveränderungen.

Resilienz bedeutet seelische Widerstandskraft, die befähigt, recht zügig neue Bedingungen zu akzeptieren und ein zufriedenstellendes Leben beizubehalten, statt selbstzerstörerisch und permanent die Frage zu stellen: „Warum ich?“ Eine gute Resilienz spricht dafür, Konflikte möglichst „abprallen“ zu lassen und bei Krisen möglichst bald wieder „zurückzuspringen“ in eine akzeptable Lebensgestaltung. So einfach wie bei einem Flummiball ist das natürlich nicht. Dieser behält seine Intaktheit bei, egal gegen was er geschleudert wird.

Krisen begegnen

Mit Erlöschen der Ovarfunktion um das 50. Lebensjahr werden psychische und physische Abwehrkräfte mehr oder minder beeinträchtigt. Das wird je nach Anspruchshaltung der Frauen unterschiedlich belastend erlebt. Jene, die das Leben auch ab der Menopause weiter aktiv in allen Bereichen gestalten wollen, brauchen dazu den Erhalt der bisherigen Resilienz. Denn ab dem 50. Lebensjahr nimmt das Risiko für Krisen aller Art tendenziell zu: Erkrankungen oder Tote in der Familie bzw. dem Bekanntenkreis, Konflikte im privaten Umfeld, Trennungen, Überforderung am Arbeitsplatz und eigene gesundheitliche Probleme. Resultieren aus solchen belastenden Lebensveränderungen länger anhaltende Depressionsphasen, steigt zudem das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Daher geht es bei Resilienz­erhalt auch um Depressionsprävention in Krisensituationen.

Belastung durch Hormonmangel

Klimakterische Beschwerden wirken wie Stressoren, die je nach Anspruchshaltung der Frau mehr oder minder belastend erlebt werden. So kann die Menopause ein Zustand von „Dauerstress“ über zehn Jahre oder länger sein. Denn Stresshormone, insbesondere Cortisol, sind während der Menopause „chronisch“ erhöht (siehe Studien). Dazu kommen erstmalig ab der Menopause länger anhaltende depressive Phasen. Das gilt für circa zwei Drittel der Frauen ab der Menopause.
 


Während der Menopause sollte die seelische Widerstandskraft, wie in den Jahren vor der Menopause erhalten werden – hierbei helfen kann eine HRT.



In dieser Lebensphase seelische Widerstandskraft zu bewahren, wie in den Jahren vor der Menopause – ohne belastende Hormonmangel- Probleme –, kann durch eine HRT gefördert werden. Eine HRT kann antidepressiv wirken und Schlafstörungen, Hitzewallungen, und Schweißausbrüche bessern – alles Aspekte, die in allen Lebenssituationen zusätzlich belasten können.

Weniger Belastung – unterstüzt durch HRT – macht dann wieder fähig, komplexe Lernprozesse zu verinnerlichen. Voraussetzung ist ein Durchhaltevermögen wie vor der Menopause. Das trifft auf Frauen mit positivem Selbstbild zu und jene, die sich selbst akzeptieren. Fehlt dies, dann ist Psychotherapie gefordert.

Reagieren auf potentielle Krankheitsauslöser

Ab der Menopause steigt auch die Morbidität an, wodurch einige Aktivitäten einschränkt oder gar unmöglich werden können. Dies hinterlässt physische Spuren. Mit diesen neuen Bedingungen muss man sich effizient auseinander setzen. Zum Erhalt der Resilienz gehört daher auch effizient er reagieren auf potentielle Krankheiten, ausgelöst durch Hormonmangel ab der Menopause.

Damit wären zwei präventive HRT-Aspekte anzusprechen: Die Osteoporose-Prävention zum Aufrechterhalten möglichst vieler sozialer Kontakte wie vor der Menopause und das Entgegenwirken von neurodegenerativen Risiken, durch regelmäßige körperliche Aktivitäten (wie mindestens 150 Minuten „strammes“ Gehen wöchentlich) – ohne Osteoporose- und Gelenkbeschwerden infolge Hormonmangels.

Resilienz als Kernkompetenz

Um mit Krisensituationen besser zurechtzukommen, lohnt es, rechtzeitig auf einen Resilienzerhalt zu achten. Darauf ist ärztlicherseits hinzuweisen. Mediationsverfahren bzw. Autogenes Training können unterstützen, sind aber nicht kausal wirksam.

Die psychische Gesundheit währende der Menopause aufrechtzuerhalten ist nicht bei allen Frauen ein bewusst angestrebtes Ziel. Wenn eine Frau wegen klimakterischen Beschwerden zur gynäkologischen Beratung kommt, ist die Thematik daher anzusprechen. Ob ein Bewusstsein dafür entsteht, ist bei Frauen individuell recht unterschiedlich.

Dazu gehört die Frage, ob in der Familie ein Mitglied Osteoporose hatte und eine Fraktur erlitt. Wie viel Eigenständigkeit und Lebensqualität ging verloren und konnte Pflegeaufwand das kompensieren? Frauen mit hoher Resilienz sprechen am ehesten spontan solche Themen an oder nehmen ärztliche Präventions-Vorschläge positiv auf. Voraussetzung sind biologische Basiskenntnisse, ohne Voreingenommenheit gegenüber Hormonen. Liegt Letzteres vor, dann werden andere Wege erwogen, außerhalb der gynäkologischen Praxis.

Wer von resilienter Persönlichkeitsstruktur ist, also mit Abwehrstärke gegen Stressoren aller Art, wird trotz Hormon­subsitution erheblich Adrenalin- und Cortisol-Ausschüttung in Stresssituationen haben. Aber diese Stress­parameter gehen zügiger auf den Normbereich zurück als bei vulnerablen Persönlichkeitseigenschaften, also bei leichter und anhaltender Verletzlichkeit.

Zudem hat substituiertes Östrogen anti-inflammatorische Effekte. So ist verständlich, dass in der fertilen Phase mit ausreichender hormoneller Versorgung bei gesunden Frauen extrem selten ein Herzinfarkt vorkommt. Bei riskantem Lebensstil, wie hohem Nikotinkonsum, trifft das nicht zu. Dann wird die ovarielle Funktion eingeschränkt infolge mangelhafter Durchblutung – assoziiert mit reduzierter Fertilität. Nach Erfahrungen in zwei gynäkologischen Hochschul-Ambulanzen ist diese Frauengruppe oft nur mit mäßiger Resilienz ausgestattet. Hier ist HRT ohnehin meist kontraindiziert. Fast alle Suchtprobleme gehen mit einem Mangel an Resilienz einher. Hier sind andere professionelle Helfer gefragt.


Studienergebnisse

Cortisol steigt in Menopause an

Vor zehn Jahren wurden Ergebnisse aus der Seattle Midlife Women‘s Health Study publiziert, die bei uns zu wenig Beachtung fand.1 Bei Frauen in der Perimenopause ohne HRT zeigte sich ein signifikanter Anstieg des Cortisol-Spiegels. Das war assoziiert mit einem Anstieg des FSH-Spiegels, als Indikator für die erlöschende Ovarfunktion. Damit gingen signifikant erhöhte Adrenalin- und Noradrenalin-Spiegel einher. Darauf hatten psychosoziale und krankheitsbedingte Stressoren weit weniger Einfluss. Die Autoren verwiesen darauf, dass höhere Cortisol-Spiegel mit mehr Depressionsproblemen assoziiert sein können.

Dies bestätigt die Hypothese des Beitrages: die Jahre um die Menopause stellen eine hormonell-bedingte Dauestress-Lebensphase dar. Hier wird die Resilienz besonders herausgefordert.

E2 wirkt positiv auf das Gedächtnis

In einer kleineren Studie (n = 39) wurde für zwei Monate transdermal 0,1 mg Estradiol (E2) oder Placebo substituiert.2 Unter E2 wurden niedrigere Spiegel des Wachstumsfaktors IGF-1 gemessen. Je ausgeprägter dies war, umso mehr kam es zur Verbesserung des verbalen Gedächtnisses. Die Studien­autoren verweisen dazu auf eigene vorausgehende Studienergebnisse: ein chronischer Anstieg von IGF-1 bzw. eine übermäßige Wachstumshormonproduktion bei Erwachsenen gehe klinisch relevant mit mehr Depressionsproblemen einher. Das schade längerfristig den Gehirnfunktionen.

Damit zurück zur Resilienz. Diese kann ungeschadet weiter bestehen in der Perimenopause, wenn rechtzeitig eine E2-Substitution erfolgt.

Cortisol in Perimenopause erhöht

Bereits in einer Studie von 2006 wurden bei perimenopausalen Frauen Cortisol-Konzentrationen im Urin untersucht (n =169).3 Ein Cortisol-Anstieg (über 10 mg) war mit schwerwiegenderen vasomotorischen Beschwerden assoziiert. Das war unabhängig von anderen Faktoren, wie Alter, FSH und Stressfaktoren. Bereits im perimenopausalen Übergang steige Cortisol an, also mit Einsetzen unregelmäßiger Menstruations-Zyklen. Dies könne das KHK-Risiko, vasomotorische und depressive Probleme sowie Knochenverlust begünstigen. Aber auch Kognitionsminderung sei zu beachten. Dieser abschließende Satz im Abstract bestätigt: Resilienz-Erhalt braucht HRT.

Östrogen schützt vor Stress

Eine Publikation von 2017 aus den USA4 bestätigte: Östrogen-Substitution bestimme die Art der Wahrnehmung und schütze vor Stress. Das sei vorteilhaft für neuro­nale Schaltkreise, die kognitive Fähigkeiten aufrechterhalten.

Wieder zurück zur Resilienz: Diese zu erhalten ist kaum willentlich möglich. Zudem gibt es für Resilienz-Training viele dubiose Angebote. Durch eine rechtzeitige HRT lässt sich der Resilienz-Erhalt kausal erreichen.

 

Zusammenfassung
Die Evolution hat es vorprogrammiert: Cortisol steigt mit chronischem Hormonmangel ab der Menopause kontinuierlich an. Das ist assoziiert mit einer höheren Adrenalin und Noradrenalin-Ausschüttung, insbesondere nachts. Das ist als hormoneller Indikator für Dauerstress ab der Menopause zu werten und schadet physisch und psychisch. Hierdurch kommt die wichtige Persönlichkeits­eigenschaft „Resilienz“ zu schaden. 

Es können weniger Stresssituationen im Alltag „abprallen“ und es ist schwerer in eine vorher zufriedenstellendere Lebensgestaltung „zurückzuschwingen“. Hier kann eine HRT förderlich sein, da sich das Cortisol in Richtung Norm­bereich absenkt. Deshalb sollte der Erhalt der Resilienz Inhalt gynäkologischer Beratung werden.


Fazit für die Beratungspraxis

Wenn eine Frau ab der Menopause ihre zuvor von der Umwelt registrierte Gelassenheit verliert bzw. verloren hat, dann ist an einen krankmachenden Cortisol-Anstieg – assoziiert mit höheren Noradrenalin- und Adrenalin-Spiegeln – zu denken. Das kommt einem dauerhaften Sympathikotonus gleich, der physisch beeinträchtigt, sogar die Lebenserwartung verkürzen kann. Hier lohnt eine HRT-Aufklärung – wenn keine Voreingenommenheit gegenüber Hormonen besteht. Die Gabe einer HRT lohnt dann versuchsweise für drei bis sechs Monate. Das ist in der Regel so erfolgreich, dass Frauen, die zuvor an vorzeitige Berentung dachten, wieder mit Freude arbeiten.


 

Prof. Dr. med. Dipl. Psych. J. M. Wenderlein
Universität Ulm
wenderlein@gmx.de