Vaginal Seeding – Mode oder ­rationaler Entscheid? (Teil 2)

Beim Vaginal Seeding wird das Vaginal-Mikrobiom der Mutter nachträglich auf das per Kaiserschnitt geborene Kind übertragen. Die Warnung von Neonatologen vor Übertragungen gefährlicher Erreger durch Vaginal Seeding bei Sectio-Kindern müsste logischerweise auch für vaginale Geburten gelten.

Es mag trivial erscheinen, Küssen mit  Vaginal Seeding  zu assoziieren. Dazu aktuell einige Statements auf biologisch-empirischer Basis aus einer wissenschaftlichen Abhandlung zum intimen Küssen von 2014.4 Hier heißt es, dass pro Kuss bis zu 80 Millionen Keime ausgetauscht werden. Dies habe positive Effekte auf Körper und Geist und trage zur Aktivierung des Immunsystems bei. Beim Austausch so vieler verschiedener Bakterien sei die Übertragung von Krankheiten nur die Ausnahme und erfolge eher via Händeschütteln. Saubere Hände bei Vaginal Seeding verstehen sich von selbst und zwar ohne Anwendung von Desinfektionsmitteln, die an den Händen haften bleiben können.

Gegner des Vaginal Seedings könnten als Risikofaktor eine Kariesübertragung durch Küssen anbringen. Auch das gelte nach obiger Publikation4 nur bei mangelnder Mundhygiene. Stattdessen seien die antimikrobiellen Enzyme im Speichel zum Schutz der Zähne wesentlich relevanter.

Durch intimes Küssen passe sich die Mundflora beider Partner an. Analoges ist bei Wöchnerinnen und Neugeborenen bereits in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt gegeben. Die Forscher4 sehen das Immunsystem durch Küssen gestärkt – mit positiven Auswirkungen auf das Nervensystem. Letzteres manifestiere sich klinisch in einem geringeren Depressions-Risiko. Durch einen Kuss würden über 100 Milliarden Nervenzellen angeregt. Im Körper würde mehr Adrenalin und Dopamin als „Wohlfühlhormon“ ausgeschüttet. Letzteres kann man auch auf Vaginal Seeding übertragen: der aktivierte Saugreflex beim Neugeborenen direkt nach der Geburt am mütterlichen Finger, mit Vaginalsekret kontaminiert, müsste das „normalste der Welt“ sein. Voraussetzung ist das Ablegen von Vorurteilen und das Aktivieren von biologischem Denken.


Vaginal Seeding ergänzt initial das Stillen

In der Muttermilch ist der physiologische bakterielle Gehalt beachtlich und Problemkeime können – in recht seltenen Situationen – durch Stillen übertragen werden. Wenige Beispiele, bei denen eine Stillpause anzuraten ist:

  • bei B Streptokokken, die bei 0,05 bis 0,5 Prozent der Schwangeren zu erwarten sind
  • bei Gonorrhoe; hier sollte eine antibiotische Therapie für ein bis zwei Tage erfolgt sein, bevor mit dem Stillen fortgesetzt wird
  • Analoges gilt für LYME-Borreliose, mit Verwerfen von abgepumpter Milch

Bei Staphylococcus aureus ist zu bedenken, dass fast ein Drittel aller Menschen diesen Erreger im Nasen-Rachen-Raum aufweist. In der Regel werden keine Krankheitssymp­tome ausgelöst. Die Betroffenen wissen oft nichts davon. Da diese Erreger leicht übertragbar sind, gelingt bereits fünf Tage nach der Geburt der Nachweis bei über der Hälfte der Neugeborenen. Diese Erreger sind bei acht bis neun von zehn Mastitis-Problemen beteiligt. Dieser Exkurs soll vor einer Pathologisierung warnen, sowohl beim Stillen als auch beim Vaginal-Seeding.

Fast ein Drittel aller nützlichen Bakterien, die im Neugeborenen-Darm nach relativ kurzer Zeit post partum (p. p.) zu finden sind, stammen von der Mutter – via Stillen. Weitere zehn Prozent stammen von der mütterlichen Haut, die auf das Neugeborene übertragen werden. Für die Entwicklung des Immunsystems und eine physiologische Darmflora hat die Muttermilch diesen Nutzen über Millionen von Jahren entwickelt. Der Vorgang ist bei der Vielzahl der daran beteiligten Bakterien komplex und die Mechanismen haben hohen Forschungsbedarf.

Natürlich erwerben auch Flaschen-Kinder in der Regel eine physiologische Darmflora, ohne zu wissen, ob zeitliche Verzögerungen später somatisch nachteilige Folgen haben können. Langzeitdaten bezüglich Risiken für das Immunsystem im Erwachsenenalter stehen aus.

Anhand von 40 Literaturstellen bestätigte G. M. Aldrovandi von der California University 20175, dass bei Neugeborenen das spätere Risiko für allergische Erkrankungen durch Muttermilch deutlich reduziert wird. Vaginal-Seeding ist dafür zum Start in das extrauterine Leben ein analoger Schutz zuzuschreiben.


Adipositas-Risiko bei ­Kaiserschnitt-Kindern

Stillen wird mit einem Adipositas-Risiko in Verbindung gebracht. So zwangsläufig wie das mütterliche Mikrobiom auf das Neugeborene übertragen wird, so zwangsläufig erlernt das Kind später das Ernährungsverhalten der Mutter. Daher ist das bisherige Postulat, dass Sectio-Kinder später häufiger adipös seien, zu überdenken. Dazu aktuell eine Studie aus den USA6 mit dem Ergebnis: Sectio-Kinder sind nicht dicker als andere.

In dieser Studie erfolgten erstmalig in großer Zahl intra-familiäre Vergleiche zwischen Geschwistern mit Sectio versus vaginaler Geburt. Die Kinder hatten das gleiche soziokulturelle Umfeld zu dem auch das Ernährungsverhalten gehört. Beim Vergleich bezogen auf den Geburtsmodus ergaben sich keine signifikanten Unterschiede beim BMI. Dabei wurden Alter der Mutter, Parität, ethnische Zugehörigkeit, Alter des Kindes und dessen Geschlecht berücksichtigt.

Über das intestinale Mikrobiom wird die Energie-Regulation beeinflusst. Noch schwerwiegender sei kindliches Imitieren des mütterlichen Ernährungsverhaltens. Die Studienautoren betonen abschließend die Bedeutung des Darm-Mikrobioms in den ersten Lebenstagen und -wochen.


Keine Regress-Gefahren ­auslösen

Eine gesunde Schwangere mit Wunsch nach einer primären Sectio braucht heute vor der Hospitalisierung nicht mehr ärztliche Leistungen in Anpruch zu nehmen als jene mit voraussichtlich vaginaler Geburt. Daran soll auch Vaginal Seeding nichts ändern.

Wegen möglicher Infektions-Risiken sind „prophylaktische“ Laborleistungen, insbesondere die Erreger-Suche, wirtschaftlich nicht vertretbar. Denn für die Zweck­mäßigkeit gibt es keine evidenten Daten. Das Maß des Notwendigen wäre überschritten (§ 12, SGB V). Es würde auch ein „sonstiger Schaden“ entstehen, wie die unnötige Verunsicherung von Schwangeren mit Vaginal Seeding-Wunsch.

Die prophylaktische Laktobazillen-­„Substitution“ ist kritisch zu bewerten. Ist in den Vaginalwänden genügend Glycogen vorhanden, dann bilden sich von selbst ausreichend Lactobazillen. Generell besteht bei fehlenden vaginalen Lactobazillen die primäre Behandlung im Ausgleich eines Hormondefizits, um für eine ausreichende Glycogen-Einlagerung in den Vaginal-­Wänden zu Sorgen. Das gilt natürlich nicht für Schwangere. Diese haben ein hohes Vaginose-­Risiko bei extremem Rauchen und mangelnder Genitalhygiene.


Vaginal-Tampon oder mütterlicher Finger?

Zur Methode des Vaginal Seeding in den USA, GB und Australien eine kritische Anmerkung. Dort wird zum Gewinnen von Vaginalsekret ein Tupfer in die Scheide der werdenden Mutter vor Sectio-Durchführung eingelegt. Warum sollte das Beimpfen der kindlichen Mundhöhle mit mütterlichem Vaginalsekret sofort nach der Geburt nicht ausreichen? Wenn zusätzlich Blut aus dem Uterus und auch Fruchtwasser beigemengt sind, so entspricht das den „natürlichen“ Gegebenheiten bei einer vaginalen Geburt. Also auch hier sollten keine anderen Maßstäbe bei Sectio-Kindern angelegt werden als bei vaginal geborenen Kindern. Eine gesunde Vaginalflora der Mütter sollte bei beiden Geburtsarten gleichermaßen als relevant eingestuft und angestrebt werden. Vaginosen werden unabhängig vom zu erwarteten Geburts-Modus behandelt.


Das Ziel von Vaginal Seeding lässt sich einfach zusammenfassen: Sectio-Kinder sollen durch die Kontamination mit mütterlichem Vaginalsekret direkt p. p. zügig die gleiche Darm-Bakterien-Flora entwickeln wie vaginal geborene Kinder. Es wird das Vaginal-Mikrobiom der Mutter nachträglich in die Neugeboren-Mundhöhle übertragen. Die Warnung von Neonatologen vor Übertragung gefährlicher Erreger durch Vaginal Seeding, wie Streptokokken, Herpes Viren oder Chlamydien, bei Sectio-Kindern müsste logischerweise auch für vaginale Geburten gelten.



Vaginal Seeding-Forschung angezeigt, ­aber schon jetzt handeln

Prospektive Langzeitstudien zu Vaginal Seeding mit großen Probandenzahlen sind für Aufklärungszwecke sinnvoll. Deren Ergebnisse abzuwarten ist aber kaum vertretbar, denn wir haben viele Kenntnisse über vaginale Laktobazillen. Das gilt sowohl für deren Infektionsschutz als auch für deren Bedeutung für die Immunentwicklung, die bei Neugeborenen sofort p. p. beginnen soll. Bisherige Hinweise für ein höheres Risiko von späteren Autoimmunerkrankungen bei via Sectio geborenen Kindern reichen aus. In westlichen Ländern sollen etwa fünf Prozent der Bevölkerung in irgendeiner Form von Autoimmun-­Erkrankungen betroffen sein – mit steigender Tendenz. Mit diesem Überbegriff werden heute ursächlich Angriffe auf das Mikrobiom assoziiert.

Kausale Therapien von Autoimmun-­Erkrankungen sind kaum in Sicht und deshalb ist eine Prävention via Vaginal Seeding wichtig. Die Geburtsmedizin kann dazu einen Beitrag leisten – fast zum Null-Tarif.7 Wie aktuell die Thematik Mikrobiom ist, bestätigte der deutsche Onkologen-Kongress von 2017. Ein Hauptthema war das gestörte Mikrobiom mit der Folge chronischer Entzündungen und reaktiver Gewebeneubildungen bis hin zu Krebs.


Eine Schwangere möchte Vaginal Seeding ­– ­Was tun?

ZusammenfassungVaginal-Seeding (VS) als „Beimpfen“ des Sectio-Kindes direkt nach der Geburt mit mütterlichem Vaginal-Sekret ist biologisch plausibel. Es wird nachgeholt, was „zwangsläufig“ bei vaginaler Geburt vonstatten geht. Vor allem die Übertragung mütterlicher vaginaler Laktobazillen ist relevant für die Magendarm-Funktion des Neugeborenen und noch mehr für die zügige Entwicklung des Immunsystems in den Darmwänden. Bereits in den ersten Lebenstagen entscheidet sich das spätere Risiko für Autoimmun-Erkrankungen und optimale Infektabwehr wesentlich. Letzteres ist aktuell durch weltweit  zunehmende Antibiotika-Resistenzen. Vor Ausführung von VS mit dem mütterlichen Finger ist auf eine Antibiotika-Prophylaxe und Scheiden-„Desinfektion“ vor primärer Sectio zu verzichten.

Über Medien erfahren immer mehr Frauen über v. Das lässt sich kaum als „Unsinn“ abtun. Das könnte später gerichtliche Folgen mit hohen Schadensansprüchen nach sich ziehen. Den Frauen kann nahegelegt werden, dass die mit Vaginal Seeding assoziierten Infektions-Risiken nicht höher sind als bei vaginaler Geburt – bei gleicher Betreuung in der Schwangerschaft vorausgesetzt. Hierzu findet sich auch Unterstützung in den Medien und wissenschaftlichen Publikationen.

Beispielsweise fragte eine Ärztin, die über Geburtsstress bei Kindern promovierte, in einem Beitrag8, ob mit dem Passieren eines „Kanals voller Bakterien“ das Kind auf ein gesundes Leben mit vorbereitet werde. Auf die so erfolgte Stärkung des Immunsystems gleich zu Lebensbeginn wird verwiesen. Auf die Mikrobiom-Zusammensetzung von der Mundhöhle bis zum Enddarm der vaginal geborenen Kinder wurde verwiesen. Diese gleiche über Wochen jener der mütterlichen Vaginalflora.

Dass Vaginal Seeding den gleichen Effekt bei Sectio-Kindern habe, belegt auch eine Publikation in Nature 20161 samt Literaturangaben.

Aus ärztlicher Sicht ist bei Frauen mit Vaginal Seeding-Wunsch auf „Scheiden-Desinfektion“ vor Sectio-Beginn zu verzichten. Analoges gilt für eine Antibiotika-Prophylaxe. Bei vaginaler Geburt wird das kaum jemand vornehmen, selbst wenn massive Rissverletzungen bei einem großen Kind zu erwarten sind. Erinnert sei daran, dass der BGH mehrmals den Frauen die wesentliche Entscheidung beim Geburtsmodus zugestanden hat. Damit wird der BGH keine Bedenken haben, dass Frauen Vaginal Seeding nach der Geburt selbst durchführen.

1 SS Witkin SS: „Why do lactobacilli dominate the human vaginal microbiota?“ BJM 2017;124: 606–11
4 Kort R et al. Microbiome 2014 2:41 doi.org/10.1186/2049-2618-2-41

5 Pannaraj P.S. et al. JAMA Pediatr. 2017;171(7):647–654. doi:10.1001/jamapediatrics.2017.0378
6 Rifas-Shiman S L et al. JAMA Pediatr 2018, online 11. Juni doi.org/10.1001/jamapediatrics.2018.0674

7 Wenderlein J. M. Gyne 8/2017,S.13–18
8 „Spiegel online“, 29.02.2016, „Gesundes Immunsystem: Bakteriencocktail für Kaiserschnitt-Kinder“

 

Prof. Dr. med. Dipl. Psych. J. M. Wenderlein

Universität Ulm
wenderlein(at)gmx(dot)de