Wann kommen rundgestrickte und wann flachgestrickte Kompressionsstrümpfe zum Einsatz?

Sowohl in der Phlebologie als auch in der Lymphologie gilt die Kompression als elementare Säule der Therapie. Bei Patienten hält sich die Begeisterung für Kompressionsstrümpfe oftmals in Grenzen. Für einen erfolgreichen Therapieverlauf ist die Compliance der Patienten jedoch entscheidend und steht in direktem Zusammenhang mit der Passform und dem Material der Strümpfe.


Fakten

Medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS) werden in verschiedene Kompressionsklassen eingeteilt, die den Andruck des Strumpfes am maximalen Druckpunkt (Fesselbereich) definieren (Tab. 1). Der Druckverlauf ist von distal nach proximal abnehmend.

Tab. 1: Kompressionsklassen (Quelle: Gütesicherung RAL-GZ 387/1)

Kompressionsklasse

Kompressions­intensität

Kompression in kPa
(1 kPa = 7,5 mmHg)

Kompression in mmHg
(1 mmHg = 0,133 kPa)

1

leicht

2,4 bis 2,8

18 bis 21

2

mittel

3,1 bis 4,3

23 bis 32

3

kräftig

4,5 bis 6,1

34 bis 46

4

sehr kräftig

6,5 und größer

49 und größer

Alle MKS, die in das Hilfsmittelverzeichnis (Produktgruppe 17) aufgenommen werden, unterliegen festgelegten Qualitätskriterien im Bereich Druckverhalten, Material sowie Haltbarkeit und müssen die Anforderungen der RAL-Gütesicherung erfüllen.


Gütezeichen RAL

Das Gütezeichen RAL legt verbindliche Richtlinien zur Herstellung von medizinischen Kompressionsstrümpfen fest
wie z. B.:

  • Materialbeschaffenheit (human-ökologisch unbedenklich)
  • regelmäßige Kontrollen, z. B. beim Forschungsinstitut Hohenstein,
  • elastische Eigenschaften in Längs- und Querrichtung,
  • Kompressionsklasse (KKL) 1–4,
  • Herstellung von Maß- und Serien­produkten.

Kompressionstrümpfe/-hosen können als Hilfsmittel verordnet werden und belasten nicht das Arznei- und Heilmittelbudget des Arztes.


Kompression ist nicht gleich Kompression

Aufgrund unterschiedlicher Stricktechnik (Tab. 2) unterscheidet man

  • rundgestrickte MKS
  • flachgestrickte MKS

Rundgestrickte MKS werden mit einer definierten Anzahl an Maschen, die sich nach dem Fesselumfang richtet, auf einem Nadelzylinder gestrickt. Die Umfangszunahme erfolgt durch lockere Maschen bzw. Anpassung der Maschengröße und Fadenvordehnung/-spannung. Die Maschenzahl bleibt dabei immer gleich. Rundgestrickte MKS sind nahtlos und werden aus dünnen hochelastischen Materialien (Polyamid und Elasthan) gefertigt.

Bei den meisten venösen Erkrankungen und homogener Beinform ist die Versorgung mit rundgestrickten MKS ausreichend. Bei dieser Stricktechnik lassen sich außergewöhnliche Beinformen und große Kalibersprünge in den Umfangmaßen nicht umsetzen.

Indikationen für rundgestrickte MKS

  • Varikose
  • tiefe Beinvenenthrombose
  • Thrombophlebitis
  • chronische Veneninsuffizienz (CVI)
  • postthrombotisches Syndrom
  • Schwangerschaftsödem

Flachgestrickte MKS werden auf einem Nadelbett gefertigt, und somit können bei jeder Strickreihe Maschen zu- oder abgenommen werden. Das gefertigte Strickteil wird mit einer hinten verlaufenden Naht zu einem Strumpf geschlossen. Die festeren Materialien und die gröbere Stricktechnik verhindert das Zusammenrutschen in den Gelenkbereichen sowie Einschnüren in Hautfalten und weichen Gewebeanteilen. Diese Technik ermöglicht eine individuelle Umsetzung von Umfangs- und Längenmaßen sowie schräg verlaufende Abschlüsse, wie sie bei Bestrumpfungen zur Therapie von Lymphödemen notwendig sind.

Indikationen für flachgestrickte MKS

  • Lymphödem
  • Lipödem und seine Kombinations­formen
  • phlebostatische Ödeme
  • CVI mit Kalibersprüngen der Extremität
  • adipositasassoziierte Lymphödeme
Tab. 2: Technische Unterscheidungsmerkmale von medizinischen Kompressionsstrümpfen (Quelle: Dr. K. Schrader)

 

Flachstrick

Rundstrick

Formgebung

Maschenzahl

Vordehnung

Ruhedruck

gering

hoch

Arbeitsdruck

hoch

gering

Passform

exakt

weniger genau

Druckgradient

gleichmäßig

unsicher

Dehnbarkeit

ca. 70 % kurzzügig

ca. 140 % langzügig


Stiffness

Durch die unterschiedliche Stricktechnik und Materialzusammensetzung unterscheiden sich rund- und flachgestrickte MKS in ihrem Dehnungsverhalten.

Rundgestrickte MKS sind in ihrer Wirkung mit Langzugbinden vergleichbar, flachgestrickte MKS haben einen hohen Arbeitsdruck und dabei einen geringen Ruhedruck und wirken wie Kurzzugbinden.

Die Materialsteifigkeit (Stiffness) beschreibt die Fähigkeit der Kompression, bei sich kontrahierender Muskulatur (Bewegung) als festes Widerlager zu wirken. Die Stiffness ergibt sich aus dem Druck der Kompression auf das Gewebe im Liegen und der Differenz zu dem Druck auf die Haut/das Bein im Stehen. Dieser Wert ist bei sehr elastischen Materialien gering. Je weniger das Material unter Muskelanspannung nachgibt, umso höher ist die Stiffness der Kompression (Abb. 1).

Therapeutische Ziele

Die therapeutischen Ziele der Kompressionsbehandlung in der Phlebologie sind die Kompensation der in ihrer Funktion gestörten Venenabschnitte und die Verhinderung der Entstehung oder des Fortschreitens einer chronischen venösen Insuffizienz.

In der Lymphologie ist die Kompressionstherapie eine wesentliche Säule bei der Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie (KPE). Das Zielgebiet der Kompression ist bei Phlebologie und Lymphologie unterschiedlich.

Laut der 2017 aktualisierten S2k-Leitlinie „Diagnose und Therapie der Lymph­ödeme“ (AWMF Reg.-Nr. 058-001) „[…]sollen die Patienten in der Phase II der KPE (Erhaltungsphase) nach Maß angefertigte, flachgestrickte medizinische Kompressionsstrümpfe tragen [...]“. Da bei Lymphödemen das Zielgebiet der Kompressionstherapie epifaszial ist, kommen Kompressionsmaterialien mit hohem Arbeitsdruck und niedrigem Ruhedruck zum Einsatz, deren Wirkweise in Kombination mit Bewegung besonders effektiv ist.


Entscheidung im Praxisalltag

Durch den demographischen Wandel spielen Komorbiditäten eine immer wichtigere Rolle; oft lassen sich Krankheitsbilder nicht eindeutig abgrenzen, und manchmal müssen Kompromisse gefunden werden. Die Auswahl des geeigneten Materials, der Kompressionsklasse sowie der Strumpfkonzeption gestalten sich bei kardiovaskulären Erkrankungen, Diabetes mellitus, eingeschränkter Mobilität oder Arthrose oft schwierig.

Zunehmende Adipositas, adipositas­assoziierte Lymphödeme und Lip- Lymph­ödeme erfordern in der Kompressionstherapie Lösungen, die für Patienten praktikabel und alltagstauglich sind.

Mehrteilige Kompressionsversorgungen, bestehend aus Radlerhose und Schenkelstrümpfen oder Leggings und Kniestrümpfen, sind für viele Betroffene eine gute Lösung, bei der die Druckklassen und Materialien variiert werden können. Flachgestrickte Kompressionsversorgungen garantieren bei weichen, sackartigen Gewebedeformitäten und tiefen Hautfalten einen stabilen Wandeffekt und bieten Möglichkeiten zur Individualisierung bei besonderer Problemstellung (z. B. Pelotten, Druckpolster).

Ein interprofessioneller Austausch zwischen Arzt, Therapeut und Sanitätshaus optimiert die Prozesse und gewährleistet die optimale Kompressionsversorgung und damit eine erfolgreiche Therapie. Für jede Versorgung wird der Patient individuell vermessen, hierfür ist eine besondere Qualifikation notwendig. Außerdem erfordert das Ausmessen von flachgestrickten Kompressionsstrümpfen viel Erfahrung und exzellente Materialkenntnisse. Bei der Anprobe bzw. Abholung wird der Patient in die Anziehtechnik und das Handling eingewiesen. In vielen Fällen sind Anziehhilfen hilfreich, wie zum Beispiel bei eingeschränkter Mobilität. Anziehhilfen sind verordnungsfähige Hilfsmittel.

Fazit

Nach diesen Kriterien entscheidet sich, ob eine Kompressionsversorgung in rundgestrickt oder flachgestrickt sinnvoll, notwendig und möglich ist:

  • Welches Krankheitsbild (evtl. Komorbiditäten) liegt vor?
  • Wie sind Gewebekonsistenz/Ödem/Weichteilüberlappungen?
  • Gibt es anatomische Besonderheiten?
  • Welche Kompressionsklasse ist erforderlich?
  • Welche Ausführung ist notwendig?
  • Bei Flachstrick: Sind evtl. Zusätze erforderlich (Pelotten, schräge Abschlüsse)?

Nur wenn die richtige Qualität gewählt wurde und die Kompressionsversorgung optimal sitzt, können Patienten eine hohe Compliance entwickeln. Nur dann wird die Kompressionsversorgung getragen und als Therapie effektiv.

► Fragen an die Autorin: Haben Sie Fragen an die Autorin dieses Beitrages Christine Hemmann-Moll? Gerne können Sie diese per E-Mail (info@wpv-verlag.de) unter dem Stichwort „Kompressionstherapie“ an uns schicken.

Christine Hemmann-Moll
Bandagisten-Meisterin, Betriebswirt (HWK), Coach (IHK, EASC)
Buchenstraße 34, 74906 Bad Rappenau
E-Mail: training(at)hemmann-moll(dot)de