Wirksamkeit der Kompressionstherapie mit Kompressionsklasse 1

Entsprechend der aktuellen Studienlage und den Expertenempfehlungen sollte sich die Auswahl des Kompressionsmaterials nicht fix an einem Krankheitsbild orientieren, wie es bis vor einigen Jahren propagiert wurde, sondern vielmehr symptom- und patientenorientiert erfolgen.[1,2] Ziel der Anwendung ist vor allem die Besserung der Symptomatik.

Um dabei die geeignete Therapie für den jeweiligen Patienten zu finden, ist das Wissen über die verschiedenen Spielarten der Kompression essenziell. Die wichtigsten Parameter für die korrekte Auswahl sind Kompressionsklasse (KKL)1–4, Materialfertigung (rund- vs. flachgestrickt), Materialstärke (kurz- vs. langzügig) und Kompressionsform (Tab. 1).3 Im klinischen Alltag wird vielfach standardisiert die KKL 2 eingesetzt4,5, wenngleich sie nicht immer die ideale Versorgung darstellt. Insbesondere die KKL 1 (in Deutschland 18–21 mmHg) kann in vielen Fällen entscheidende Vorteile hinsichtlich der Adhärenz und Handhabung bei gleichsam guter klinischer Wirksamkeit bieten.6

Wichtige Fragen für die Auswahl des KompressionsmaterialsWie stark sind die Symptome des Patienten?

► Je stärker die Symptomatik, desto höher die KKL und desto fester das Material

Wie kräftig sind die Beine des Patienten?

► Je kräftiger das Bein, desto höher die KKL und desto fester das Material

Welche Begleiterkrankungen bestehen?

► Bei Problemen bzgl. arterieller Perfusion, Sensibilität oder Verletzlichkeit der Haut Reduktion der KKL

Gibt es ggf. Probleme beim Anziehen der Kompressionstherapie?

► Ggf. Reduktion der KKL, ggf. Anziehhilfe, ggf. Hilfsperson

Wo liegt die Indikation zur Kompressionstherapie?

► Unterbauch/Leiste/Oberschenkel: lange Kompression (Strumpfhose oder Oberschenkelstrumpf), sonst fast immer Wadenstrumpf ausreichend

Gibt es Indikationen für eine Flachstrick­kompression?

► Komplizierte Beinform/starke Umfangsänderungen im Beinverlauf, tiefe Hautfalten, Zehenödem, schwere Adipositas oder schwere chronische venöse Insuffizienz; sonst fast immer Rundstrickkompression ausreichend

 


    Wirksamkeit der Kompressionsklasse 1

    Klinische Studien haben gezeigt, dass bereits ein Ruheanpressdruck von 10–20 mmHg ausreicht, um Ödeme zu verhindern und zu reduzieren, die venöse Flussgeschwindigkeit zu erhöhen und den Venendurchmesser zu reduzieren.6 Entsprechend dem Konsensus der International Union of Phlebology von 2008 haben sich aus Studien die in Tabelle 2 genannten Wirknachweise für die verschiedenen Ruhe­druckwerte gezeigt.7

    Diese zertifizierten medizinischen Kompressionsstrümpfe (MKS) der KKL 1 sollten dabei aber nicht mit nicht zertifizierten Stützstrümpfen aus dem freien Handel verwechselt werden. Die EFESTO-Studie konnte deutlich zeigen, dass es hier erhebliche Unterschiede in der klinischen Wirksamkeit gibt.8 Mit einem Stützstrumpf mit <10 mmHg konnten weder Beschwerde- noch Volumenreduktionen erreicht werden, während ein MKS mit 15 mmHg und 25 mmHg dasselbe positive Ergebnis hinsichtlich Müdigkeit und Schwere der Beine hervorbrachten bei Personen mit stehender Tätigkeit. Gleichzeitig war aber das Anziehen des MKS mit 15 mmHg wesentlich einfacher und die Bereitschaft, diesen MKS zu nutzen deutlich höher als bei dem MKS mit 25 mmHg.8

    Insbesondere in den geringen Stadien der chronischen venösen Insuffizienz (CVI) (C1s–C3) sind Kompressionsstrümpfe mit einem niedrigen Anpressdruck ausreichend für eine Verbesserung von venösen Ödemen, Lebensqualität und Beschwerden.8–10 Auch eine Metaanalyse zum Vergleich von Kompression mit 10–20 mmHg Ruhe­druck versus keine Kompressionstherapie bei Patienten in den Stadien C0s bis C3 bestätigte einen deutlichen Benefit in allen eingeschlossenen Studien. Im Vergleich Ruhedruck 10–20 mmHg versus 20–40 mmHg ergab sich kein weiterer Vorteil für die stärkere Kompression.11

    Menschen mit einem stehenden Beruf und venöser Symptomatik mit Schmerzen, Schwellungs- und Schweregefühl profitieren ebenfalls vom Tragen von MKS mit einem Anpressdruck zwischen 15–20 mmHg.12

    Auf Langstreckenflügen sind MKS in der KKL 1 in der Lage, sowohl die Häufigkeit von tiefen Beinvenenthrombosen des Unterschenkels als auch flugindizierte Ödeme und Missempfindungen zu mindern.13–15

    In der postoperativen Versorgung zeigten sich zwar initial Vorteile einer Kompressionstherapie mit 23–32 mmHg gegenüber einer Kompressionstherapie mit 18–21 mmHg, doch war im Langzeitverlauf von sechs Wochen kein Unterschied bezüglich Schmerzen, Ödem und Häma­tom zu beobachten.16

    Sogar Patienten mit einem Ulcus cruris venosum profitieren signifikant von einer Kompressionstherapie mit geringem Anpressdruck, sowohl hinsichtlich der Rezidivprophylaxe (18–21 mmHg)17 als auch bezüglich der Abheilung (15–20 mmHg zzgl. Aufpolsterung im Bereich des Ulcus cruris).18

       

      Ödemprotektion

      Ödemreduktion

      Erhöhung venöser Fluss

      Verringerung Venendurchmesser

      Verringerung venöser Reflux

      Verbesserung venöse Pumpfunktion

      Verringerung ambulatorische venöse Hypertonie

       Tab 2: Wirknachweise aus Studien für die verschiedenen Ruhedruckwerte.[7]


      Compliance oder Adhärenz bezüglich der Kompression

      Entsprechend Expertenmeinung gehen wir davon aus, dass eine Kompressionstherapie nur dann wesentliche Wirkung entfalten kann, wenn sie (über einen gewissen Zeitraum) konsequent und regelmäßig getragen wird. Daher ist die Adhärenz oder Compliance des Patienten essenziell. Eigene klinische Erfahrungen und Studien haben gezeigt, dass die Bereitschaft der Patienten zum Tragen der Kompressionstherapie steigt, wenn folgende Punkte erfüllt sind: Kompressionstherapie im Rahmen von Studien mit Befolgen eines festen Protokolls sowie vorübergehende medizinische Indikation zur Kompressionstherapie.19 Problematisch wird die Anwendung vor allem für ältere oder adipöse Patienten. Aus Sicht der Patienten sind Tragekomfort und ein einfaches Handling die wichtigsten Aspekte der Kompressionstherapie und sollten daher nicht unberücksichtigt bleiben.19 Die Reduktion der KKL kann dabei ein wesentlicher Aspekt zur Vereinfachung des Handlings sein. Außerdem sollte der Patient ausführlich über Sinn und Zweck der Kompressionstherapie, Wirkung, mögliche Nebenwirkung informiert und in der Handhabung der Kompression sowie notwendiger Begleitmaßnahmen zum Beispiel Hautpflege und Bewegung angeleitet sein.


      Fazit für die Praxis

      • Medizinische Kompressionsstrümpfe mit einem Ruheanpressdruck von 10–20 mmHg – und damit auch MKS der KKL 1 – haben einen deutlichen Effekt auf die klinischen Beschwerden und sind im Vergleich zu MKS mit höherem Anpressdruck wesentlich einfacher im Handling und akzeptierter seitens der Patienten.
      • Es sollte immer die niedrigste wirksame KKL bevorzugt werden, die das Ziel einer Befundbesserung ermöglicht.
      • Medizinische Kompressionstrümpfe der KKL 1 sind verordnungsfähig.
      • Nach den aktuellen Änderungen der Richtlinie für häusliche Krankenpflege aus 2018 ist nun auch das An- und Ausziehen von MKS der KKL 1 durch einen Pflegedienst eine verordnungsfähige Leistung.20

      Literatur beim Verlag

      Autoren
      Dr. Dr. med. Dominic Mühlberger,
      Dr. med. Thomas Hummel,
      Prof. Dr. med. Markus Stücker,
      Prof. Dr. med. Stefanie Reich-Schupke
      Ruhr-Universität Bochum, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Venenzentrum der Dermatologischen und Gefäßchirurgischen Kliniken, Bochum


      Fragen an die Autorin

      ► Haben Sie Fragen an die Autorin dieses Beitrages Prof. Dr. med. Stefanie Reich-Schupke? Gerne können Sie diese per E-Mail (info(at)wpv-verlag(dot)de) unter dem Stichwort „Kompressionstherapie“ an uns schicken.

      Prof. Dr. med. Stefanie Reich-Schupke
      Stiftungsprofessur Phlebologie
      Leitung Phlebologisches Studienzentrum am Venenzentrum der Dermatologischen und Gefäß­chirurgischen Kliniken
      Kliniken der Ruhr-Universität Bochum
      Hiltroper Landwehr 11-13
      44805 Bochum
      stefanie.reich-schupke(at)rub(dot)de