HRT und Brustkrebsrisiko – Anmerkung  zur „Lancet-Metaanalyse 2019“

Wenn es um Hormonrisiken geht, dann wird bei renommierten Zeitschriften und Gesundheitsinstitutionen ein Aspekt vernachlässigt: die individuelle ­Risiko-Nutzen-Abwägung. 


Fazit für die gynäkologische Beratungspraxis

Frauen ab der Menopause zwischen 50 und 54 Jahren sowie 55 bis 59 Jahren haben bei HRT-Verzicht 7 Brustkrebsdiagnosen weniger je 10.000 Frauen in den nächsten 5 Jahren zu erwarten. Dem ist der vielfältige HRT-Nutzen gegenüberzustellen, wie beispielsweise das halbierte Osteoporose­risiko. 


 

Bei jugend­lichen Frauen beispielsweise wurde unter Nutzung hormonaler Kontrazeption ein erhöhtes Suizid-Risiko von 1 mehr je 10.000 Frauen/Jahr errechnet. Nach Pillen-Absetzen bleibt das Risiko erhöht.1 Das veranlasste zu einem „Rote-Hand-Brief“. Die daraus resultierende Verunsicherung bei Pillenverordnung bzw. -nutzung mit dem Risiko vermehrter ungewollter Schwangerschaften und deren Abbrüchen wurde in Kauf genommen. Dass es sich bei Jugendlichen um ein Risikokollektiv handelt, mit 12 Prozent Depressions-Prävalenz, wurde ignoriert.

Gleiches passiert nun in einer Lancet-­Publikation2. Laut Analyseergebnis gibt es mehr Brustkrebs durch HRT. Es fehlen aber die Angaben zur Mortalität. Diese wird bei HRT-Anamnese  zwischen 50 und 60 Jahren um die Hälfte und mehr reduziert.3 Zudem  hat die Hälfte der Frauen ab der Menopause eine Osteoporosenetwicklung zu erwarten.


Absolutzahlen aus der Publikation

Es lohnt sich auf die absoluten Zahlen aus der Publikation zu sehen. 58 Studien wurden auf den Zusammenhang zwischen HRT und Brustkrebsrisiko hin ausgewertet. Während der HRT-­Anwendung (Jahre 1 – 4) war das Risiko für Brustkrebs um 60 Prozent erhöht, bei längerer Anwendung (5 – 14 Jahre) um 108 Prozent.  

Laut der Analyse ist bei Frauen (Normalgewicht, 50 Jahre, 5 Jahre HRT) in den nächsten 20 Jahren unter kontinuierlich-kombinierter HRT bei 1 von 50 und bei sequentiell-kombinierter HRT bei 1 von 70 eine zusätzliche Brustkrebserkrankung zu erwarten, bei alleiniger Östrogen-Substitution bei 1 von 200 Frauen. Allerdings ist altersabhängig auch das Risiko für Frauen ohne HRT-Nutzung anzuführen. Zwischen 50 und 69 Jahren liegt in den nächsten 20 Jahren das Basis-Risiko bei 63 von 1.000 Brustkrebsdiagnosen. Für Frauen mit einem BMI über 25 gilt per se ein erhöhtes Brustkrebsrisiko.


Bias-Problematik (Fehler!)

Nach der aktuellen Lancet-Metaanalyse kommt es bei 7 von 1.000 Frauen mit HRT in den ersten vier Jahren zusätzlich zu einer Brustkrebsdiagnose. Dabei sind Bias-Probleme zu bedenken. Deshalb wurde auch vom Basis-Risiko im 5-Jahreszeitraum für alle Frauen zwischen 50 und 60 Jahren ausgegangen, das mit HRT 1,40 Prozent, ohne HRT 1,33 Prozent beträgt. Insgesamt also 7 Brustkrebs-Diagnosen weniger je 10.000 Frauen. Das ist den Frauen mitzuteilen, die auf HRT verzichten wollen, trotz erheblicher klimakterischer Beschwerden und realem Osteoporose­risiko, z. B. durch Untergewichtigkeit.

Bei der neuerlichen Metaanalyse ist auch die heutige Art der HRT zu bedenken. Es wurde kein Unterschied gefunden zwischen oraler versus transdermaler Östrogen-Substitution. Letztere ist jedoch nach neuen Studien ohne Brustkrebs-­Risiko (bezogen auf klinische Relevanz). Auch bei den Gestagenen ist die Realität hierzulande eine andere. In die Lancet-Metaanalyse wurden mehrheitlich Studien mit MPA (Medroxyprogesteronacetat) aufgenommen. Von dessen Metaboliten sind proliferationsfördernde Eigenschaften bekannt. In den USA erfolgte die Umstellung auf andere Gestagene zögerlich bzw. ist noch nicht abgeschlossen.

Eine dritte Fehlerquelle: Bei Frauen mit HRT wird häufiger eine Brustdiagnostik vorgenommen als bei jenen ohne HRT. Die daraus resultierenden Unterschiede in der Brustkrebshäufigkeit ließen sich durch Studien eliminieren, in denen alle Frauen regelmäßig an einem Mammographie-Screening  teilnehmen würden. Bei den histologisch bestätigten Brustkrebserkrankungen wäre HRT nein/ja (Dauer, Art) zu klären. Unter obigen Aspekten ist die Mortalitäts-Studie3 klarer – bei eindeutigem Endpunkt.

Literatur beim Verfasser

Prof. Dr. J. M. Wenderlein                 
wenderlein@gmx.de