Nullzinsen – Wie lege ich mein Geld jetzt an?

In der andauernden Niedrigzinsphase erweisen sich die klassischen Kapitalanlagen wie Sparbuch, Festgeld und sichere Anleihen als problematisch, da die Verzinsungen dieser Anlageformen unter dem aktuellen Inflationssatz liegen und damit zu einem realen Wertverlust führen. Zusätzlich kann der Zinseszinseffekt nur noch marginal zum Aufbau von Vermögen beitragen. Der Anreiz zum Sparen sinkt. Gleichzeitig wird das Sparen für die eigene Altersvorsorge wichtiger, weil die persönliche Rentendauer immer länger wird.

Der Vermögensaufbau für die Altersvorsorge muss aufgrund der längeren Rentendauer mehr als bisher durchdacht, geplant und aktiv durchgeführt werden. Der richtige Weg ist deshalb, sich mit den folgenden strategischen Kriterien des Vermögensaufbaus zu beschäftigen, weil diese 90 Prozent des „Erfolgs“ ausmachen. Erfolg im Sinne dieser Überlegungen sind langfristige Erträge oberhalb der Inflations­rate.

1. Die eigene Finanzdisziplin

Schätzen Sie zunächst Ihre eigene Finanzdisziplin ein, um Ihre Gewichtung zwischen verschiedenen Wegen des Vermögensaufbaus festzulegen.

Grundsatz:

Zum Renteneintritt kann nur das Vermögen zur Verfügung stehen, dass bis dahin nicht für Konsumzwecke genutzt wurde.

Ihr Selbsttest könnte so aussehen:

Könnten Sie der Versuchung widerstehen, zehn Prozent aus einem Altersvorsorge-­Aktiendepot mit einem Bestand von zum Beispiel Euro 500.000 zu entnehmen, um sich damit einen langgehegten Traum zu verwirklichen (z.B.: Porsche fahren oder eine Weltreise machen)?

Nur Anlegern mit „sehr hoher Finanzdisziplin“ kann empfohlen werden, einen großen Teil des Vermögensaufbaus über liquide Anlagen wie zum Beispiel Aktien oder Festgelder zu planen.
Bei „normal disziplinierten“ Anlegern sollte ein guter Teil des Vermögensaufbaus in nicht zugreifbare Anlagen erfolgen, wie zum Beispiel Einzahlungen ins Versorgungswerk oder Rürup-Verträge.
Anleger mit „schlechter Finanzdiszi­plin“ sollten den überwiegenden Teil ihres Vermögens in solche nicht zugreifbaren Anlagen investieren. Damit muss aber immer darauf geachtet werden, dass eine ausreichende Liquidität sichergestellt ist.

 

2. Risikostreuung

Ein erfolgreicher Aufbau des Vermögens gelingt nur, wenn keine starken zwischenzeitlichen Verluste im Gesamtvermögen hingenommen werden müssen. Deshalb muss immer auf eine ausreichende Risiko­streuung geachtet werden.

Portfoliotheorie nach Markowitz

Durch eine Verteilung des Vermögens in verschiedene Anlageformen, lassen sich mögliche Verluste in der einen Anlage­klasse durch mögliche Gewinne in anderen Bereichen ausgleichen. Der Experte kennt dies unter dem Begriff „Portfoliotheorie nach Markowitz“, der dafür auch zu Recht den Wirtschafts-Nobelpreis erhalten hat.

In erster Linie erfolgt Risikostreuung dabei auf der Ebene der verschiedenen Vermögensklassen – also die Verteilung auf

  • Versorgungswerkrente
  • Kapitalanlagen
  • Altersvorsorgeversicherungen
  • Immobilien
  • Wert der eigenen Praxis
  • Liquidität etc.

Eine weitere Risikostreuung ist ebenso innerhalb der einzelnen Vermögensklassen sinnvoll – also zum Beispiel nicht der Kauf weniger Einzelaktien, sondern Streuung durch den Erwerb breit aufgestellter Aktienfonds. Die Verteilung in verschiedene Anlageklassen wird nicht zu absoluten Spitzenrenditen führen.

 


Die Vermeidung von starken Verlusten deren verheerende Auswirkungen sich mathematisch einfach darstellen lassen, hat aber hier Vorrang:

Erleidet man einen Verlust von zehn Prozent, benötigt man nur eine Wertsteigerung von 11,11 Prozent, um auf den Ausgangswert zurückzukommen. Bei einem Verlust von 25 Prozent ist bereits eine nachfolgende Wertsteigerung von 33,33 Prozent nötig.Kommt es zu einem zwischenzeitlichen Verlust von 50 Prozent, ist danach bereits eine Wertsteigerung von 100 Prozent erforderlich.Um das Beispiel auf die Spitze zu treiben: 80 Prozent Wertverlust bedeutet danach eine notwendige Wertsteigerung von 400 Prozent, um zum Ausgangswert zurückzukommen. Ausgehend von dieser zentralen Grund­überlegung stellt sich die Frage, wie man die einzelnen Vermögensklassen gewichten soll.


Mögliche Vorgehensweise

Schritt 1 Bestandsaufnahme:

Schauen Sie sich Ihre vorhandenen Vermögens-Bau­steine an. (Ist-Analyse)
Die Verteilung lässt sich sehr schön als Kuchen­diagramm darstellen und analysieren.

Schritt 2 Zieldefinition:

Überlegen Sie nach Einschätzung Ihrer eigenen Finanzdisziplin anhand der nachfolgenden Kriterien, wie Ihr „Kuchen“ zum Rentenbeginn aussehen sollte. (Soll-Darstellung)

Schritt 3 Maßnahmen umsetzen:

Verändern Sie Ihr Sparverhalten so, dass Sie sich auf die gewünschte Zusammensetzung zubewegen. Bitte bedenken Sie bei der Bestandsaufnahme/Darstellung Ihres Vermögenskuchens bei Renteneintritt diese Aspekte:

a) Wert der eigenen Praxis:

Hier sollte man nur den Wert ansetzen, den man wirklich sicher bei Renteneintritt realisieren kann. Je nach Zeithorizont bis zum Renteneintritt und je nach ärztlicher Fachrichtung kann es auch sinnvoll sein, diesen Wert zunächst komplett unberücksichtigt zu lassen.

b) Eigenheim:

Das Eigenheim stellt nur dann einen Vermögenswert dar, wenn Sie bereit sind, dieses im Zweifel zu verkaufen. Ansonsten stellt es im Alter eine Ausgabenposition (Nebenkosten) dar und kein verwertbares Vermögen.

 

3. Aufteilung in Vermögen und Rentenansprüche

Grundsätzlich kann man Altersvorsorge auf zwei Wegen betreiben.

a) Vermögensaufbau, aus dem im Alter gezehrt (entnommen) werden kann.

Klassisches Beispiel: Das Wertpapierdepot

Im Wesentlichen wird im Alter der Finanzbedarf durch regelmäßige Entnahmen gedeckt. Diese Anlagen sind so flexibel, dass zusätzliche Entnahmen zur Deckung eines besonderen Finanzbedarfs möglich sind.

Der sich daraus ergebende Nachteil:

Ist das Vermögen verbraucht, ist es natürlich weg. Somit kann das sogenannte Langlebigkeitsrisiko (für jeden persönlich eher eine Langlebigkeitschance) damit nur eingeschränkt abgesichert werden.

Eine kleine Statistik verdeutlicht: Für die Gesamtbevölkerung liegt die aktuelle Durchschnitts-Lebenserwartung bei knapp 83 Jahren für Männer und bei knapp 86 Jahren für Frauen. Erfreulicherweise liegen diese Werte für Freiberufler um fünf bis sechs Jahre höher.

Die Schlussfolgerung daraus: Der männliche Freiberufler sollte damit kalkulieren, dass er schon auf Basis des statistischen Mittelwertes 23 Jahre (Frauen: 26 Jahre) aus dem Altersvorsorgevermögen zehren muss.

b) Lebenslange Rentenansprüche erwer­ben

Klassisches Beispiel: Die Versorgungswerk­rente

Die Langlebigkeitschance wird durch die Leibrentenansprüche optimal abgesichert, während in der Rentenphase aber keine Möglichkeit besteht, einen plötzlich erhöhten Finanzbedarf dadurch zu decken.

c) Mischformen

Nicht jede Kapitalanlage kann eindeutig einem der beiden Wege zugeordnet werden.

Beispiel: Die Vermietungsimmobilie

Einer lebenslangen Rente ähneln die Mieteinnahmen minus laufende Kosten (Instandhaltung etc.). Diese Erträge sind zeitlich nicht begrenzt. Die Immobilie kann veräußert werden, sobald der persönliche Finanzbedarf höher ist als die laufende Liquidität. Da sich bei den beiden Grundwegen Vor- und Nachteile diametral gegenüber stehen, ist es wichtig, sich über die Aufteilung zwischen Rentenansprüchen und zugreifbarem Vermögen klar zu werden. Es geht auch hier um ein persönlich ausgewogenes Verhältnis der Wege, über das man sich selbst bewusst werden sollte.

 

4. Kosten vermeiden

Anleger können aus einem großen Angebot verschiedener Möglichkeiten in jeder Anlageklasse wählen. Die Zahl der am Markt angebotenen Aktienfonds, Vermietungsimmobilien, Lebensversicherungen etc. ist unübersichtlich groß.

► Daraus ergibt sich die Frage: Wie gehe ich vor, um eine konkrete Geldanlage auszuwählen?

Zur Veranschaulichung dient das Beispiel der Aktienfonds:

Häufig werden Vergangenheitsrankings als probates Mittel der Analyse genutzt. Sie zeigen, welche Fonds in den letzten Jahren besonders gute Wertentwicklungen aufgewiesen haben. Die Aussagekraft dieser Rankings über die zukünftige Entwicklung ist jedoch sehr eingeschränkt.

Betrachten wir dazu folgendes Beispiel:

Man legt Ihnen ein Ranking über Würfelspieler vor. Dieses zeigt Ihnen, welcher Spieler aus seinen letzten 100 Würfen mit einem Würfel welche Gesamtaugenzahl gewürfelt hat. Wenn die Masse der Spieler groß genug ist, hat der Beste wahrscheinlich eine Gesamtaugenzahl deutlich über 500 (von max. 600). Was wissen Sie jetzt über das Ergebnis dieses „besten Würfelspielers“ für seine nächsten 100 Würfe? Vermutlich sehr wenig.

Viele wissenschaftlich fundierte Analysen (für die Nobelpreise vergeben wurden) zeigen, dass diese Überlegung in hohem Maße auch auf Rankings von Aktienfonds zutrifft. Wer in den letzten drei Jahren vorne lag, liegt deshalb noch lange nicht in den nächsten drei Jahren vorne.

Diese Studien haben aber trotzdem einen langfristigen Erfolgsfaktor für den Anleger erkennen lassen – die Kosten. Niedrige Kosten sorgen langfristig betrachtet für ein besseres Ergebnis als der jeweilige Vergleichsmarkt.

Dies veranschaulicht unser Beispiel:

Wenn jeder Spieler, der für uns würfelt, einen kleinen Obolus pro Wurf nimmt, ist es sinnvoll.

a) Spieler zu wählen, die einen möglichst kleinen Obolus nehmen

b) Seinen eigenen Einsatz auf viele Spieler zu verteilen


Dann ist unsere Wahrscheinlichkeit, dass unser Ergebnis minus Kosten dem „Markt“ entspricht, am höchsten. Natürlich kann man mit dieser Strategie keine Spitzenrenditen erwirtschaften, weil man auch die Ausreißer nach oben begrenzt. Aber man bekommt auch nicht weniger als die Marktrendite.

Deshalb sollte immer auf die Kosten geachtet werden, besonders auf versteckte Kosten. Welche Kosten sowie Vor- und Nachteile mit einer bestimmten Geldanlage verbunden sind, sollten Sie im Zweifel bei einem unabhängigen! Berater erfragen.


5. Sachwerte versus Geldwerte

Im Allgemeinen wird Sachwerten wie Aktien und Immobilien ein Inflationsschutz zugeschrieben, der bei Geldwerten nicht vorhanden sein soll. Dies ist jedoch nur auf lange Frist und bei breiter Streuung zutreffend. Bei einer Sichtweise über kürzere Zeiträume von bis zu zehn Jahren, orientieren sich auch Sachwerte wie zum Beispiel Immobilien eher an der konkreten Lage und dem örtlichen Marktumfeld. Damit Immobilien auch einen Inflationsschutz bieten, müssen hinreichende Instandhaltungen geleistet werden. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass eine Immobilie nach einem längeren Zeitraum noch vernünftig am Markt veräußert werden kann.

6. Fazit

Wenn man sich systematisch eine Grundsatz-Strategie nach den genannten Kriterien aufbaut und sie konsequent beibehält, kann man auch im derzeitigen Niedrigzins­umfeld eine Rendite oberhalb der Inflationsrate erzielen ohne unnötige Risiken eingehen zu müssen.

Langfristiger Erfolg basiert zu 90 Prozent auf der Verteilung Ihres Vermögensaufbaus auf die verschiedenen Anlagemöglichkeiten und nur zu zehn Prozent auf der Auswahl der konkreten Anlage in den einzelnen Anlageklassen.
Hilfestellung bei der persön­lichen Strategiefindung und als neutraler Sparringspartner liefern Ihnen auch Steuerberater, die sich mit diesen Themen intensiver beschäftigen. Und natürlich gilt im Hinblick auf den Aufbau von Altersvorsorge: Fangen Sie so früh wie möglich an – also jetzt.

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Diplom-Kaufmann Dirk Klinkenberg

Fachberater für Vermögensgestaltung (DVVS e.V.)
Steuerberater bei der CURATOR Treuhand- und Steuerberatungs­gesellschaft mbH mit Hauptsitz in der Schlossstraße 20, 51429 Bergisch Gladbach, Tel.: 02204-9508-200
und einer Niederlassung in der
Gohliser Str. 11, 04105 Leipzig
Tätigkeitsschwerpunkt der CURATOR ist die steuerliche und betriebswirtschaftliche Beratung von Ärzten, Zahn­ärzten und sonstigen Heilberuflern.

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