Schutz vor gefährlichen Thrombosen nach Herzinfarkt

Die Leitlinien der kardiologischen Fachgesellschaften empfehlen für Patienten nach ­einem Akuten Koronarsyndrom (ACS: ST-Hebungsinfarkt/STEMI, Nicht-ST-Hebungsinfarkt/NSTEMI, instabile Angina Pectoris) und der Behandlung mit einem Koronarstent eine zwölfmonatige Therapie mit einem stark wirksamen Thrombozytenaggregationshemmer, der die Verklumpung von Blutplättchen und damit die Bildung kleiner Gerinnsel an Eng­stellen der Herzkranzgefäße oder am Stent im Herzkranzgefäß verhindert.

Ziel der stark wirkenden Therapie ist der Schutz vor Thrombosen, die besonders in der frühen Phase nach einem Herzinfarkt zu Reinfarkten und Stent-Verschlüssen führen. Gängige Medikamente für die Akutphase sind z. B. das stark wirkende Prasugrel oder Ticagrelor. Ungünstiger Nebeneffekt dieser vor einer Thrombose schützenden Therapie ist die höhere Blutungsgefahr insbesondere in der Langzeittherapie. Auch kommt nicht für jeden Infarktpatienten eine stark wirkende Plättchenhemmung für zwölf Monate in Frage.

Blutungsgefahr dank neuer ­Stufentherapie besser im Griff

Diese Blutungsgefahr mit Hilfe einer individualisierten Stufentherapie zu verringern, indem man von einem stark wirkenden Plättchenhemmer wie Prasugrel/Ticagrelor in der frühen Phase der Therapie auf ein schwächer wirkendes Präparat wie Clopidogrel in der Langzeitphase umstellt, ist das Ziel einer europaweiten Studie unter der Leitung des Kardiologen Prof. Dr. med. Dirk Sibbing, Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. 


Die Winterstein-PreisStudie TROPICAL-ACS wurde in Frankfurt am Main mit dem renommierten Wilhelm P. Winterstein-Preis der Deutschen Herzstiftung (www.herzstiftung.de) ausgezeichnet (Dotation: 10.000 Euro).

TROPICAL-ACS

Die Studie „Kontrollierte De-Eskalation der dualen Plättchenhemmung nach akutem Koronarsyndrom – TROPICAL-ACS – eine randomisierte, multizentrische und Investigator-initiierte Studie“ wurde an 33 Zentren in Europa durchgeführt*. Studienteilnehmer waren 2.610 ACS-Patienten nach Stent-Behandlung und einer geplanten dualen Plättchenhemmung (Aspirin und Thrombozytenaggregations­hemmer). Die Standardtherapie mit einem stark wirksamen Plättchenhemmer (hier Prasugrel) wurde mit dem Konzept einer kontrollierten De-Eskalation der Therapie durch Umstellung auf das moderater wirkende Clopidogrel nach einer Woche verglichen. Der Vergleich beider Gruppen erfolgte, wie es bei solchen Studien notwendig ist, randomisiert. Sibbing sieht in seinem neuen Ansatz aufgrund der Studienergebnisse ein vielversprechendes Therapiekonzept: „Mit dieser individualisierten Stufentherapie mit stark wirkender Plättchenhemmung in der Akutphase und einer De-Eskalation durch eine frühe Umstellung auf Clopidogrel, haben wir eine ebenbürtige Alternative zur Standardtherapie entwickelt.“


Weniger Blutungskomplikationen als bei Standardtherapie

Die Studie konnte als wesentliches Ergebnis zeigen, dass eine kontrollierte De-Eskalation der Plättchenhemmung nach Herzinfarkt ebenso sicher war wie die zwölfmonatige Standardtherapie mit einem stark wirkenden Plättchenhemmer. „Unter der frühen Umstellung auf Clopidogrel gab es aber zahlenmäßig weniger Blutungskomplikationen.“ Allerdings sprechen Patienten unterschiedlich auf Clopidogrel an. „Ein Teil der Patienten zeigt ein unzureichendes Ansprechen auf das Medikament“, räumt der ­Münchener Mediziner ein. Die Wirkung von Plättchenhemmern könne aber im Labor mittels spezieller Testverfahren (=Plättchenfunktionstestung) gemessen werden und in dem Moment, wo man eine Umstellung von einem starken Plättchenhemmer auf Clopidogrel in Betracht zieht, kann eine derartige Testung im Labor sehr sinnvoll und notwendig sein. Erklärtes Ziel von TROPICAL-ACS war es daher, die Sicherheit und die Wirksamkeit einer frühen, mittels Plättchenfunktionstestung kontrollierten Umstellung der Therapie von Prasugrel auf Clopidogrel bei ACS-Patienten zu untersuchen. ­Insbesondere jüngere Patienten (<70 Jahre) mit ST-Hebungsinfarkt scheinen von dem neuartigen Behandlungskonzept besonders zu profitieren. „Mit den Studienergebnissen ist es nun möglich, die individuellen Begebenheiten der Betroffenen bei der Behandlung zu berücksichtigen, um eine bestmögliche Risikoreduktion für Blutungen und thrombotische Komplikationen gleichermaßen zu erreichen“, so Sibbing.

*Sibbing D et al., The Lancet, Guided de-escalation of antiplatelet treatment in patients with acute coronary syndrome undergoing percutaneous coronary intervention (TROPICAL-ACS): a randomised, open-label, multicentre trial, Vol. 390 October 14, 2017

Quelle: Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche ­Stiftung für Herzforschung