Sport ist eine effektive Zusatztherapie zur Strahlentherapie bei Krebs

Beobachtungsstudien zeigten für verschiedene Krebsformen, dass körperliche Aktivität sowie gezieltes Training mit einem Rückgang des Krebsrückfall-Risikos und sogar der Mortalität einhergehen. Gleichermaßen scheint Bewegung und gezieltes Training die Wirksamkeit aller gezielten Krebstherapien zu verstärken, d. h. der Chemo- und Immuntherapien sowie der Strahlentherapie. Eine aktuelle Übersichtsarbeit1 fasste die präklinische und klinische Evidenzlage zusammen und legt mögliche Erklärungen für die zugrundeliegenden Wirkmechanismen dar.

Eine häufige Begleiterkrankung von Krebserkrankungen ist das Tumor-Fatigue-Syndrom. Es zeichnet sich durch eine allumfassende Erschöpfung, Kraft- und Antriebslosigkeit sowie ständige Müdigkeit aus, die sich durch Schlaf nicht bessert. Konzentrationsschwäche, Angst, Depressivität und weitere Symptome können hinzukommen und das Leben der Betroffenen stark einschränken.

„Die Fatigue-Problematik gilt als eine Hauptursache einer reduzierten Lebensqualität und ist eine häufige Begleiterscheinung einer Tumortherapie und der Tumorbehandlung“, erklärt Prof. Dr. Stephanie Combs, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO). „Auch unter Strahlentherapie kann es zum Fatigue-Syndrom kommen.“
 


Chemische und zelluläre Mechanismen von Training

Vaskuläre Normalisierung

Körperliches Training erhöht die Spiegel des Wachstumsfaktors VEGF („vascular endothelial growth Factor“) und normalisiert die Blutgefäßstrukturen im Tumor, es kommt zu einer gleichmäßigeren Gefäßdichte, verbesserten Durchblutung und Sauerstoffversorgung. Damit einher geht eine bessere Verteilung von Chemotherapeutika im Tumor, aber auch die Wirksamkeit einer Bestrahlung nimmt deutlich zu, da Hypoxie bzw. oxidativer Stress bekanntermaßen die Strahlensensibilität von Krebszellen verschlechtert.

Oxidativer Stress

Es konnte gezeigt werden, dass gezieltes Training zu einer dreifachen Abnahme von 8-OHdG (8-Hydroxydesoxyguanosin, einem Biomarker für oxidativen Stress) im Tumor führt. Das Sportprogramm bewirkte einen Anstieg der „anti-oxidativen Kapazität“ im Blut um 41 % und eine Abnahme von Oxidationsprodukten um 36 %. Diese Änderungen korrelierten mit der Fatigue-Symptomatik.

Immunabwehr

Sport aktiviert nachweislich die Immunabwehr. Die Zahl der Leukozyten und Lymphozyten nimmt zu, so z. B. die Zahl der natürlichen Killerzellen um das Zehnfache. Auch die Produktion von Zytokinen, wie z. B. Interleukin-6 (IL-6), wird durch Sport angekurbelt. IL-6 fördert die Ausbildung verschiedener Oberflächenmerkmale auf den Tumorzellen, z. B. Immun-Rezeptoren, wodurch die Einwanderung von Immunzellen in das Tumorgewebe gefördert wird.

Entzündungsmarker

Der Tumorstoffwechsel (Energieversorgung, Insulinspiegel, Glukosemetabolismus) verändert sich und Entzündungsmarker im Blut sinken. Patienten, die während der Chemotherapie ein Sportprogramm absolvierten, wiesen neben sinkenden Entzündungswerten auch bessere neurokognitive Leistungen auf.

 


 

Sport statt Schonung! „Die Erkenntnisse zum positiven Einfluss von körperlicher Bewegung und Sport bei Krebspatienten sind ganz besonders wichtig bei der Patientenberatung; leider raten einige Onkologen und Hausärzte noch immer eher zu körperlicher Schonung“, betont Combs abschließend.

Körperliche Aktivität und die Regulierung des Mikromilieus im Tumor

Es gibt derzeit keine Medikamente, die gezielt und nachweislich ein Fatigue-Syndrom heilen können, aber wirksame Möglichkeiten, die Symptome zu bessern bzw. aufzuhalten, sind Bewegung bzw. körperliche Aktivität und gezielte, sportliche Betätigung. Sport trägt zu einer nicht-pharmakologischen Modulierung bzw. Regulierung des Mikromilieus im Tumor bei .

„Die Evidenz zu den positiven Effekten sportlicher Aktivität gilt heute als so stark – besonders bezüglich Fatigue und Lebensqualität, aber zunehmend auch hinsichtlich des Ansprechens von Chemo- und Strahlentherapien, einer Rückfallprophylaxe und dem Überleben, dass wir als Fachgesellschaft allen Bestrahlungspatienten/innen sportliche Aktivität empfehlen“, so Prof. Dr. Wilfried Budach, Präsident der DEGRO.

Die individuelle Sportart finden

Grundsätzlich wird eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining empfohlen. Es sollte eine individuell geeignete Sportart gefunden und das Niveau allmählich gesteigert werden. Am besten geeignet ist ein Training unter Anleitung auf dem aktuellen Leistungsstand. Das kann zunächst ein täglicher 10-minütiger Spaziergang sein, aber auch dreimal wöchentliches Joggen.

Natürlich können bestimmte Situationen Trainingspausen erfordern, wie frische Wundheilung oder Komplikationen wie Fieber oder Infektionen. Bei Knochenmetastasen besteht eine erhöhte Frakturgefahr durch ungeeignete Sportarten. Manchmal müssen bei/nach einer Bestrahlung spezielle Gegebenheiten berücksichtigt werden, denn starkes Schwitzen, reibende Kleidung oder Chlorwasser können die Haut zusätzlich reizen .

1  Ashcraft KA et al., Semin Radiat Oncol 2019; 29 (1):16–24.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e. V.