Wege in und aus Burnout und Depression

Ärzte gehören zu den Risikogruppen für die Entwicklung seelischer Erkrankungen. Mit ausschlaggebend hierfür sind zum einen die Rahmenbedingungen ärztlicher Arbeit, die vielerorts von hierarchischem wie ökonomischem Druck, ausufernder Bürokratie, langen Arbeitszeiten und zunehmender Arbeitsverdichtung bestimmt sind. Inmitten dieser Arbeitsbedingungen den eigenen Sinnkriterien verbunden zu bleiben, Gesundheit und Freude erhaltende Grenzen zu ziehen ist eine konstante Herausforderung.

„Burnout wird am wahrscheinlichsten, wenn unsere Reaktionen gewohnheitsmäßig werden – wenn wir handeln oder stillhalten, ohne nachzudenken.“
Lauderdale, 1982

In unserem Projekt „Resilienz im Arztberuf“ erkundeten wir in 200 Gesprächen die Strategien und Haltungen, die im Umgang mit dieser Herausforderung aus Sicht seelisch gesunder und zufriedener Ärztinnen und Ärzte wirksam sind.* Eine zweite Teilstudie befasste sich mit der Frage, wie von Burnout, Depression und Substanzmissbrauch betroffene Ärzte ihren Weg in die seelische Erkrankung und aus ihr heraus retrospektiv beschreiben. In katamnestischen Gesprächen mit 32 ehemaligen ärztlichen Patienten der Oberbergkliniken versuchten wir, auch diese Erfahrungen für nachfolgende Ärzte­generationen nutzbar zu machen. Dieser Beitrag fasst einige Erkenntnisse hieraus zusammen.

„Die Belastungen bauten sich immer weiter auf, so als ob man Schnee vor sich herschiebt. Die erste Strecke geht leichter und dann wird es immer mehr. Die Schneedecke ist immer nur 5 cm stark, aber was unerledigt ist, bleibt und häuft sich auf.“  Oberarzt in der Inneren Medizin, 52 Jahre

Wege hinein – das Zusammenspiel von biografischen Mitgiften und unmöglichen Aufträgen

Zum Weg in die seelische Erkrankung hinein gehört wesentlich der Versuch, Unmögliches möglich zu machen. Dabei kann es sich um den Versuch handeln, innerhalb kürzester Zeit Haus und Praxis abzubezahlen, allseits erreichbar zu sein, in einem nachhaltig unkollegialen Umfeld auszuharren, um Kämpfe mit der Kassenbürokratie, darum fachliche Überforderung im Alleingang zu kompensieren, ständige Fluktuation aufzufangen oder den Anforderungen von Patienten und Angehörigen jederzeit zu entsprechen. Diese Aufträge werden oft von außen an den betroffenen Arzt herangetragen, der bemüht ist, ihnen gerecht zu werden – begleitet von wachsenden Gefühlen von Vergeblichkeit. Mit immer größerem energetischem Aufwand wird auf immer demselben Weg versucht, das Ziel zu erreichen. Das sich einstellende Muster gleicht einem „rasenden Stillstand“ (Rosa 2005). Handlungsleitend sind dabei aus Sicht Betroffener vor allem Grundüberzeugungen, nach denen durch Anstrengungen und Leistungen Zugehörigkeit und Anerkennung erworben wird. Häufig spielt der mehr oder weniger bewusste Wunsch hinein, es „sich selbst und anderen zu beweisen“ und dadurch Gefühle der Unzulänglichkeit zu überwinden.

„Mein Hauptproblem ist sicherlich immer mein Ehrgeiz gewesen. Das hat zwar dazu geführt, dass ich sehr erfolgreich bin, ging aber auch auf Kosten meiner Frau und Kinder, die jetzt 30 sind. Der Ehrgeiz hat auch damit zu tun, dass ich versucht habe, meinem Vater zu zeigen, dass ich es kann. Und ich kann schwer Nieder­lagen anerkennen. Im Grunde genommen habe ich mein ganzes Leben das Gefühl, nicht genug zu machen. Mein Vater hat immer gesagt, wenn du Hilfe brauchst, dann schaue an das Ende deiner Arme, dort sind die helfenden Hände, die du brauchst. Mein Vater hat mich anerkannt, respektiert und war stolz auf mich, aber trotzdem ist immer das Gefühl geblieben ich muss ihm etwas beweisen, so dass er stolz auf mich ist. Ich kam nicht aus einer Akademikerfamilie und ich wollte es allen zeigen, dass ich es durch Fleiß erreichen kann. Ich musste doppelt so viel arbeiten und leisten wie andere.“Chefarzt in der Chirurgie, 56 Jahre

Die oft bitteren Erfahrungen betroffener Ärzte zeigen: Wer seine(n) mentalen „Auto­piloten“ nicht kennt, merkt nicht oder erst (zu) spät, wenn er anspringt und kann folglich auch nicht entscheiden, wann er ihn besser ausschaltet.
Ein nützlicher Ansatzpunkt, um die im Hintergrund wirkenden Schemata möglichst frühzeitig greifbar zu machen ist beispielsweise die Auseinandersetzung mit eigener Inkonsequenz:
Welche implizite innere Regel ist am Werk, wenn ich Vorsätzen zur Selbstfürsorge wiederkehrend nicht gerecht werde – also das eine will und das andere tue?

Häufige Spielarten selbstfürsorglicher Inkonsequenz sind der Vorsatz:

  • „rechtzeitig nach Hause zu gehen“
  • „mehr Nein zu sagen“ oder
  • „Kritik nicht so persönlich zu nehmen“

Beispiele für die inneren Regeln, die diesen Vorsätzen entgegenwirken sind:

  • „Andere gehen vor“
  • „Ich bekomme für alles nur eine Chance“
  • „Aufgeben führt in den Ruin“

Interessant sind hier die Fragen: Wo und wann im Leben ist diese innere Regel entstanden, was verdanke ich ihr und wofür hat sie mir gedient? Wo und wann soll sie auch weiterhin gelten? Und: Wie müsste die innere Regel gegebenenfalls modifiziert und umformuliert werden, um in das Hier und Heute zu passen?

Wege hinaus – Selbstkenntnis, Achtsamkeit und erneuerte Anreizlandschaften

„Ich sage mehr nein und grenze mich ab. … Verabschieden musste ich mich von der Illusion jedem gerecht werden zu können und immer Leben retten zu können. Mein Ich hängt nicht davon ab, dass alle anderen glücklich werden. Und ich habe gelernt, auch schlechten Gefühlen, Trauer oder Wut, ein Ventil zugeben. Das ist ein sehr reinigendes, befreiendes Gefühl. Ich habe viel mit onkologischen Patienten zu tun und konnte nicht mit trauern. Das ist jetzt anders.“ niedergelassene Allgemeinärztin, 43 Jahre

Auf der Grundlage einer verbesserten Selbstkenntnis entstehen neue Wahlfreiheiten. Wie und ob diese genutzt werden hängt auch vom Ausmaß achtsamer Selbstwahrnehmung ab: Nur wer sich beobachtet, verändert sich. Von Burnout, Depression oder Substanzabhängigkeit betroffene Ärzte beschreiben die seelische Krise diesbezüglich als einen Wendepunkt: An die Stelle des „Ichs“ oder „es muss so sein“ tritt ein höheres Maß an Selbstaufmerksamkeit und die bewusstere Entscheidung über den Umgang mit eigenen Ressourcen. Bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen steigt die Akzeptanz des eigenen emotionalen Erlebens, innere Prioritäten wandeln sich und das Risiko von Grenzziehungen wird eingegangen.

„Es gibt natürlich die Verwaltung, die gewohnt ist, dass ich ihr die Schwierigkeiten aus dem Weg räume. Jetzt sage ich immer mal wieder nein. Aber ich habe gemerkt, das Leben geht trotzdem weiter. Ich staune immer wieder, ich hätte oft heftigere Reaktionen erwartet auf mein nein, aber das kommt gar nicht.“
Oberarzt in der Inneren Medizin, 51 Jahre

In lange vernachlässigte Beziehungen und Interessen wird wieder neu investiert, die bis dato oft einseitig ausgerichtete Anreiz- und Gratifikationslandschaft erweitert sich. In der Folge vergrößert sich die subjektive Unabhängigkeit von beruflichen Stressoren: Wer eine lebendige Beziehung hat, nimmt sich die Freiheit, zumindest ab und an früher nach Hause zu gehen, wer ein stärkendes Hobby hat, nimmt sich die Zeit ihm nachzugehen. Kurz: Wer ein oder mehrere außerberufliche Standbeine hat, fällt mit größerer Wahrscheinlichkeit kongruentere Entscheidungen über Abgrenzung und Investition im Beruf.

Fazit

„Wenn der Arzt seine biografische Verankerung verstanden hat, entwickelt er die innere Freiheit, andere Handlungsoptionen in Erwägung zu ziehen. Der Horizont weitet sich ein bisschen. Sie lernen für sich zu reden und nicht gegen das System. Es wird einfacher zu wissen, wofür ich stehe, was ich will und wer ich bin, statt nur zu sagen: das will ich nicht.“ Oberarzt der Oberbergkliniken

Was lässt sich aus den Erfahrungswerten der befragten Ärzte für die Prävention lernen? Die Vielfalt der Anforderungen im Arzt­beruf schafft häufig unmögliche Auftragslagen. Der Versuch, diesen gerecht zu werden kann zu reaktiven und einseitigen Entscheidungen verleiten. Resilienz, im Sinne einer Widerstandsfähigkeit gegenüber diesen Stressoren scheint wesentlich an zwei Aspekte gebunden:

  • die Aufrechterhaltung der Fähigkeit zur bewussten Entscheidung über den Umgang mit eigenen Ressourcen und
  • die Summe guter, das heißt stabilisierender und regenerierender Gewohnheiten.

► Aufbauend auf dem Erfahrungs­wissen gesunder wie erkrankter Ärzte entstand der Ratgeber „Wie Ärzte gesund bleiben. Resilienz im Arztberuf“ (Zwack, 2014). In dessen Mittelpunkt stehen alltagsnahe Strategien, die eigene Präsenz zu stärken, persönliche Sinnquellen zu erhalten und die individuellen Handlungsspielräume zu vergrößern.

 

*zu den Ergebnissen vgl. Zwack, Abel et al., 2011; Zwack, Bodenstein et al., 2012

Lauderdale, M. L. (1981). Burnout: Strategies for Personal and Organizational Life. San Diego, CA: Learning Concepts.
Rosa, H. (2005). Beschleunigung. Die Veränderungen der Zeitstruktur in der Moderne. Frankfurt, Suhrkamp.
Zwack, J. (2012). „Resilienz im Arztberuf – Alternativen zu Zynismus und Zirrhose.“ Leidfaden 2.
Zwack, J., Abel, C. et al. (2011). Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie 12: 495–502.
Zwack, J., Bodenstein, U., et al. (2012). Psychiatrische Praxis 39: 1–8.
Zwack, J. (2014). Wie Ärzte gesund bleiben. Resilienz statt Burnout. (2. Auflage). Stuttgart: Thieme.

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Dr. Julika Zwack
Dipl.-Psych.
Landhausstr. 15
69115 Heidelberg
E-Mail: mail@julikazwack.de
Internet: www.julikazwack.de

Mehr zum Thema vertragsärztliche Tätigkeit und Burnout finden Sie auch bei der Brendan-Schmittmann-­Stiftung des NAV-Virchow-Bundes unter
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