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Interview

Der elektronische Medikationsplan: Was sich für Praxen ändert

Noch in diesem Jahr soll der elektronische Medikationsplan (eMP) eingeführt werden. Im Interview erläutert Dr. Philipp Stachwitz, was sich für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte ändert, welche Vorteile der eMP gegenüber dem bisherigen BMP bietet und wie sich Praxen jetzt schon auf die Umstellung vorbereiten können.


01.07.2026
A. Rosué
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Interviewpartner

Dr. med. Philipp Stachwitz 
ist praktizierender Facharzt für Anästhesie und Schmerztherapeut. Seit 2024 leitet er den Stabsbereich für Digitalisierung der KBV.

Sehr geehrter Dr. Stachwitz,
Sie erleben die Digitalisierung des Gesundheitswesens von zwei Seiten. Einmal als aktiver Gestalter und einmal die konkrete Implementierung in der eigenen Praxis. Noch dieses Jahr soll die Einführung des neuen elektronischen Medikationsplans (eMP) realisiert werden. Was bedeutet das für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte?

Philipp Stachwitz: Grundsätzlich ändert sich durch die Einführung des eMP aus ärztlicher Sicht nichts. Wichtig bleiben die Regelungen im SGB V. Diejenigen Patientinnen und Patienten, die dauerhaft drei oder mehr Arzneimittel nach ärztlicher Verordnung einnehmen, haben weiterhin einen Anspruch auf die Erstellung und die Pflege eines Medikationsplans.

Einen solchen kennen wir seit knapp 10 Jahren als den BMP, den Bundeseinheitlichen Medikationsplan. Auf diesem ist ein Barcode abgedruckt, der die Informationen noch einmal in digitaler Form in sich trägt. Durch einen Scan kann man diese momentan dann z.B. in ein PVS, ein Praxisverwaltungssystem, übertragen.

Wieso diese Änderung des BMP hin zum eMP?

Stachwitz: Der eMP soll es erleichtern, einen sektorübergreifenden Medikationsplan wirklich zu pflegen und zu aktualisieren. Bisher ist das eine große Herausforderung. Der Barcode muss nur schlecht ausgedruckt, das Papier eventuell gelocht oder eine Ecke abgerissen sein. Schon funktioniert der Scan nicht. Und in den Fällen, in denen der Scan gelingt, stoßen wir auf weitere Schwierigkeiten: Ein Patient nimmt beispielsweise acht Medikamente und war kürzlich im Krankenhaus. Dort wurden zwei Dinge geändert: Ein Medikament kam neu dazu, ein anderes wurde durch ein alternatives Präparat ersetzt. Zurück in der Praxis erhalten Sie den Medikationsplan aus dem Krankenhaus. Beim Einlesen erscheinen plötzlich acht oder neun „neue“ Medikamente – und das oft nur wegen anderer Packungsgrößen. Dann müssen Sie beide Pläne mühsam vergleichen, um herauszufinden, was tatsächlich geändert wurde. Das kostet Zeit und ist fehleranfällig.

Hinzu kommt, dass, auch aufgrund der genannten Schwierigkeiten, Änderungen an der Medikation nicht konsistent digital im BMP geführt werden. Etwas ist dann handschriftlich ergänzt, geändert oder durchgestrichen.

Der BMP ist sicher besser als der Zustand, den wir vorher hatten, aber optimal ist die Lage nicht. Das soll sich jetzt mit dem eMP verbessern.

Mit dem eMP kann man also z. B. Übertragungsfehler vermeiden. Welche typischen Anwendungsfälle soll der eMP in der ambulanten Versorgung noch erleichtern?

Stachwitz: Mit dem eMP hat man einen sektorübergreifenden Plan. Man könnte vielleicht sagen, eine „Single Source of Truth“. Diesen einen Plan pflegen alle. Das vereinfacht die Übergänge zwischen den Sektoren, also z.B. zwischen Krankenhaus und Praxis. Kommt ein Patient bspw. nach einem Krankenhausaufenthalt zurück in Ihre Praxis, soll es zukünftig möglich sein, dass Sie die Verordnungen direkt aus dem eMP erstellen etc. Auch der Übergang zwischen Haus- und verschiedenen Facharztpraxen wird so einfacher, da eben alle in einem Plan arbeiten sollen.

Ein einheitlicher eMP ist eine hilfreiche Informationsquelle und soll so auch die Arzneimitteltherapiesicherheit verbessern. Ärztinnen, Ärzte, Apothekerinnen, Apotheker, Pflegende etc., sollen alle mit dem eMP Klarheit darüber haben, was die anderen im System machen. Was wird verordnet? Was nimmt die Patientin oder der Patient zusätzlich? Wenn sich jemand mit akuten Oberbauchbeschwerden vorstellt, kann die Information aus dem Medikationsplan, dass er oder sie seit einigen Wochen zwar nichtsteroidale Antirheumatika, aber eben keine PPI (Protonenpumpeninhibitoren) nimmt, natürlich hinweisgebend sein.

Auch Patientinnen und Patienten soll der eMP die Handhabung erleichtern. Schon der BMP wurde vor dem Hintergrund eingeführt, ihnen einen Plan inklusive aller relevanten Hinweise zur Verfügung zu stellen, der sie dazu befähigt, ihre Medikamente „richtig“, d.h. nach den Anweisungen ihrer Ärztin oder ihres Arztes einzunehmen. Gerade bei neuen Verordnungen merke ich z.B. oft, dass Patientinnen und Patienten sich fragen, ob sie sich dann alle Informationen zur Einnahme merken können. Da kann ein solcher Plan helfen, an dem man sich zuhause orientieren kann.

Wie wird sichergestellt, dass diese sektorübergreifenden Daten aktuell bleiben und konsistent sind?

Stachwitz: In den eMP können natürlich verschiedene Akteure parallel involviert sein. In der Realität werden aber Apotheken, Fachpraxen, die Hausarztpraxis und das Krankenhaus nicht gleichzeitig den eMP anpassen. Das geschieht in der Regel, wenn Sie eine Patientin oder einen Patienten unmittelbar vor sich haben. Aber es ist natürlich möglich, dass in enger zeitlicher Abfolge der eMP angepasst wird. Als „Single Source of Truth“ muss er dementsprechend so gestaltet sein, dass diese Änderungen möglichst sofort sichtbar werden. Das sind technische Anforderungen, die bei der fachlich-inhaltlichen Gestaltung eines solchen Systems mitgedacht werden müssen.

Von digitalen Neuerungen erhoffen sich viele Praxen Erleichterungen in ihrem Arbeitsalltag. Oft stehen sie aber stattdessen vor weiteren Herausforderungen und Stolpersteinen. Wie kann eine reibungslose Einführung des eMP in den Praxisalltag gelingen?

Stachwitz: Im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen erfahre ich immer wieder den Wunsch und die Vorstellung, dass Digitalisierung unsere Arbeit und ihre Qualität wirklich verbessert. Und zwar das, was wir im Kern tun, nämlich Medizin. Die Praxen sind offen für digitale Konzepte, aber erwarten natürlich auch technische Lösungen, mit denen sie das Ganze umsetzen können.

Dabei ist mir selbst und natürlich uns allen völlig klar, dass Praxen sowieso schon unter erheblichem Druck arbeiten und viele Aufgaben haben. Es darf niemandem langfristig zusätzliche Arbeit aufgebürdet werden, sondern der Alltag muss letztlich durch einen gut funktionierenden eMP erleichtert werden.

Die Übergangsprozesse sind herausfordernd. So wie auch die Einführung der elektronischen Patientenakte eine Herausforderung war – und durchaus weiterhin ist. Die Besonderheit hier ist jedoch zusätzlich, dass wir mit dem BMP bereits eine – wenn auch noch nicht optimal funktionierende – Lösung haben. Deswegen brauchen wir ein gutes Übergangskonzept und die neue Lösung in den PVS muss für die Nutzer passen. Das erprobt die gematik deshalb in Testregionen. Wir als KBV unterstützen zusammen mit sieben KVen dabei, diese Testphase umzusetzen, damit möglichst viele Informationen zu einem realistischen Übergang und auch einem realistischen Einsatz des eMP in der Praxis gesammelt und ausgewertet werden können.

Wie wichtig sind die Ergebnisse des Testlaufs für den bundesweiten Rollout des eMP?

Stachwitz: Nach der derzeitigen Planung soll in der zweiten Jahreshälfte schrittweise die Einführung in den Testregionen erfolgen. Sollte alles wie geplant funktionieren, folgt der flächendeckende Rollout. Wichtiger als die Einhaltung von Zeitplänen ist allerdings die Qualität der Ergebnisse. Wir setzen uns klar dafür ein, die Testergebnisse ernst zu nehmen. Wenn in den Testregionen festgestellt wird, dass es Schwierigkeiten gibt, dann dürfen diese nicht ignoriert werden. Wir müssen kontinuierlich einen ehrlichen Austausch darüber führen, ob sich der neue eMP umsetzen lässt.

Ich bin der Meinung, dass man den Mut haben sollte, Dinge, die vielleicht nicht jahrelang bis in jedes Detail durchdacht wurden, einzuführen. Aber man muss dann auch aus Problemen und Schwierigkeiten lernen. Denn wir befinden uns hier in einem Hochrisikobereich. Bei Arzneimitteltherapie und Arzneiversorgung können wir keine Fehler tolerieren, die Patientinnen und Patienten gefährden. Deswegen ist ein Test wichtig, in dem sowohl auf technische als auch auf fachlich-inhaltliche Mängel geachtet wird.

Können sich die Praxen jetzt schon vorbereiten?

Stachwitz: Zwei Dinge können Praxen heute schon tun. Sie können aufmerksam verfolgen, was wir als KBV an Informationen zur Verfügung stellen. Auch bei der gematik kann man sich über die geplanten Änderungen informieren. Ein zweiter, aus meiner Sicht wichtiger Punkt ist der enge Austausch mit dem eigenen PVS-Anbieter. Darüber informiert zu sein, was das eigene PVS macht, wann der eMP dort eingeführt wird und was es kann, ist wichtig, denn dabei gibt es durchaus Unterschiede.

Vielen Dank für das Gespräch!

Fazit

Kernveränderung durch eMP

  • ändert keine grundsätzlichen ärztlichen Pflichten, vereinfacht aber die sektorübergreifende Verwaltung von Medikationsplänen deutlich gegenüber dem papiergebundenen BMP

Typische Anwendungsfälle

  • Übergänge zwischen Krankenhaus und Praxis in beide Richtungen, Koordination zwischen Haus- und Facharztpraxen, Versorgung in Pflegeheimen — erhöht Medikationssicherheit durch zentrale, konsistente Datenverwaltung

Implementierungs-Roadmap

  • Testphase in ausgewählten Regionen ab Sommer 2026, flächendeckender Rollout danach mit Fokus auf gutes Migrationsszenario für Praxen vom BMP zum eMP)

ros