Thrombophiliediagnostik vor oder in der Schwangerschaft – mögliche Fallstricke

F. Bergmann

Thromboembolische Komplikationen in der Schwangerschaft bzw. im Wochenbett (5–20 pro 10.000) sind selten, können aber schwerwiegende Folgen für die Mutter (u. U. auch für das ungeborene Kind) haben. Daher sollte es Aufgabe des betreuenden Gynäkologen oder des Hausarztes sein, Risikopatientinnen rechtzeitig zu identifizieren und Prophylaxemaßnahmen einzuleiten.

Zitierweise: vasomed 2022; 34(5): 173

In der Schwangerschaft verändert sich das Gerinnungssystem. Dies führt zu einer Hyperkoagulabilität, ein Mechanismus, der den Blutfluss/-verlust peripartal reduziert. Diese physiologischen Veränderungen des Gerinnungssystems (Tab. 1) sollten den betreuenden Ärzten bekannt sein und müssen bei der Beurteilung einer Thrombophiliediagnostik in der Schwangerschaft oder im Wochenbett unbedingt berücksichtigt werden, um Fehlinterpretationen und eine Überbehandlung einer gesunden Schwangeren zu vermeiden.

Eine Labordiagnostik sollte (nur) veranlasst werden, wenn sich das Management der Schwangeren durch die Ergebnisse verändern würde. Die meisten „Behandlungsfehler“ bzw. Missverständisse basieren auf der Fehlinterpretation von Protein S, wenn der hormonelle Status nicht bekannt ist, oder der D-Dimere in der Schwangerschaft, wenn gestationsalterbezogene Referenzbereiche nicht vorhanden sind.
Mit Ausnahme des Antiphospholipid-Syndroms (APS) ist die initiale Behandlung einer Schwangeren mit Thrombose zunächst unabhängig von den Ergebnissen der Laboranalytik. Daher sollte die Diagnostik frühestens zwei Monaten postpartal, nach vaskulären Schwangerschaftskomplikationen bzw. nach Abschluss der Behandlung erfolgen, um  die oben genannten Fehlinterpretationen zu vermeiden. Die Resultate können auch für Schwestern und Töchter von Frauen, die Thrombosen in hormonabhängiger Situation erlitten haben, von klinischer Relevanz sein.

Parameter

erhöht oder erniedrigt oder bleibt gleich

gleihThrombozyten

(erniedrigt)

MPV, ß-Thromboglobulin, Thromboxan A2

erhöht

Fibrinogen

erhöht

vWF/FVIII, FVII, IX, X, XII

erhöht

FXI

erniedrigt / bleibt gleich

FV, FXIII

erhöht / erniedrigt / bleibt gleich

Protein S; (erw. aPC-Resistenz)

erniedrigt

Protein C, Antithrombin

bleibt gleich

t-PA

erniedrigt

PAI-1, PAI-2, TAFI

erhöht 

D-Dimere, F1+2, TAT

erhöht

MPV: durchschnittliches Thrombozytenvolumen; vWF: von-Willebrand-Faktor; F: Faktor des Blutgerinnungssys­tems; aPC: aktiviertes Protein C; t-PA: Tissue-type plasminogen activator; PAI-1 bzw. -2: Plasminogen Aktivator-Inhibitor Type 1 bzw. 2; TAFI: Thrombin activatable fibrinolysis inhibitor; F1+2: Prothrombinfragment F1+2; TAT: Thrombin-Antithrombin-Komplex

Tab. 1: Physiologische Veränderungen des Gerinnungssystems in der Schwangerschaft.

 

Die Diagnostik betroffener Frauen, die Thrombosen bzw. vaskuläre Schwangerschaftskomplikationen (z. B. einen intra­uterinen Fruchttod, Präeklamspie <34. Schwangerschaftswoche) erlitten haben, sollten neben den fünf häufigsten hereditären Thromboserisikofaktoren (Antithrombin, Protein C und S, Faktor-V-Leiden, Prothrombin-Genmutation) auch die Analytik des Lupusantikoagulanz und der Antiphospholipid-Antikörper umfassen. 

Bei der Abklärung habitueller Früh­aborte gilt es, entsprechend der aktuellen Leitlinie die drei „Gs“ abzuklären: Gerinnung (= APS), genetische und gynäkologische Ursachen. Gerade bei der Diagnostik des APS sind die Definitionskriterien streng zu berücksichtigen, um Fehlinterpretationen zu vermeiden. Pathologische Laborbefunde müssen nach zwölf Wochen bestätigt werden, Antikörper vom Typ IgM können leicht in der Schwangerschaft ansteigen – ohne dass die Kriterien des APS erfüllt sind (Titerhöhe).

Ziel muss es sein, das Behandlungsregime für die betroffene Frau vor der nächsten Schwangerschaft interdisziplinär festzulegen. 

Der Beitrag beruht auf einem Vortrag bei der 64. Jahrestagung der DGP vom 28.9.–1.10.2022 in Hannover.

Korrespondenzadresse
Dr. med. Frauke Bergmann
amedes MVZ wagner­stibbe für Laboratoriumsmedizin, Hämostaseologie, Humangenetik und Mikrobiologie 
Georgstraße 50, 30159 Hannover
frauke.bergmann@amedes-group.com
www.wagnerstibbe-hannover.de

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