Nr. 4 GOÄ: (fast) obligat, aber nicht unumstritten

Bei der Behandlung von Kindern ist es sehr häufig, dass eine „Bezugsperson“ einbezogen werden muss. Trotzdem wird der Berechnung der Nr. 4 manchmal widersprochen.

Nr. 4 GOÄ

„Erhebung der Fremdanamnese über einen Kranken und/oder Unterweisung und Führung der Bezugsperson(en) – im Zusammenhang mit der Behandlung eines Kranken, 220 Punkte, 2,3fach 29,49 €.

… im Behandlungsfall nur einmal berechnungsfähig.

… neben Nrn. 30, 34, 801, 806, 807, 816, 817 und/oder 835 nicht berechnungsfähig.“

(NB: nicht berechnungsfähig neben Nrn. 25, 26. s. dortige Anmerkungen)

„und/oder“

Durch die „und/oder“-Verknüpfung ist Nr. 4 berechenbar, wenn eine Fremdanamnese erhoben werden muss, ebenso aber auch, wenn eine Bezugsperson unterwiesen werden muss. Erfolgt beides, bleibt Nr. 4 aber nur einmal berechenbar.

wichtigDer Leistungsinhalt der Nr. 4 („Fremdanamnese und/oder Unterweisung der Bezugsperson(en)“ ist in der kinderärztlichen Praxis Alltag

Bei „leichteren“ Erkrankungen sollte man im Streitfall aus der Dokumentation heraus argumentieren können, worauf sich die Beratung bezog und dass sie über das übliche Maß hinausging

Bei Kindern unterhalb des 6. Lebensjahres kann ein Kostenträger sich darauf berufen, die Beratung sei nur „mittelbar“ möglich und Nr. 4 deshalb nicht berechenbar, sondern nur die Nrn. 1 oder 3

In anderen Fällen, in denen sowohl der Patient beraten wird, als auch eine Unterweisung der Bezugsperson nötig ist, kann bei Kindern ab sechs Jahren Nr. 4 auch neben der Nr. 1 berechnet werden

Ist nur ein Ansatz der Nr. 1 oder 3 möglich, können diese wegen des Einbezugs der Bezugsperson mit höherem Faktor bemessen werden

Fremdanamnese und Unterweisung

Eine „Fremdanamnese“ ist dann nötig, wenn das Kind die notwendigen anamnestischen Angaben nicht ausreichend selbst geben kann. Eine „Unterweisung“ ist nötig, wenn es nicht ausreicht, nur das Kind über den Umgang mit seiner Erkrankung, zum Beispiel Notwendigkeit und Durchführung therapeutischer Maßnahmen, zu beraten, sondern weil es selbst das nicht zuverlässig umzusetzen kann, eine Bezugsperson, die sich um die gesundheitlichen Belange des Kindes kümmert. In der kinderärztlichen Praxis ist das meist die Mutter des Kindes, könnte aber auch jemand anderes sein.

Nr. 4 nicht nur in „besonderen“ Fällen

Ein Einwand von PKV und/oder Beihilfe ist, die Nr. 4 sei nur in besonderen Fällen berechenbar. Bei „normalen“ Kindern sei schließlich der Einbezug einer Bezugsperson der Regelfall. Sie stützen sich dabei auf die amtliche Begründung zur GOÄ. Dort steht: „Die Anamnese und Besprechung eines Krankheitsfalls in Zusammenarbeit mit Angehörigen oder anderen Bezugspersonen (z.B. bei behinderten Kindern, bewusstseinsgestörten Patienten, Unfallpatienten) kann schwierig und aufwendig sein. Dieser Aufwand wird durch die Gebühr nach Nr. 4 entsprechend berücksichtigt.“

Ermessenspielraum

In der GOÄ selbst steht das nicht, sodass ein Ermessenspielraum bleibt. Wenn es nicht um wie zuvor angeführt vergleichbar schwere Erkrankungen geht, sollte aus der Dokumentation hervorgehen, worüber gesprochen wurde und dass die Beratung über das übliche Maß hinausging.

Die „indirekte“ Beratung

Ein weiterer Einwand bezieht sich darauf, dass Beratungen bei kleineren Kindern zwangsläufig über die Bezugsperson erfolgen müssten. Dann sei das als „indirekte Beratung“ nur mit den Nrn. 1 oder 3 berechenbar, nicht mit Nr. 4. Mit dieser Argumentation bekamen Kostenträger auch z.B. beim LG Karlsruhe (Urteil vom 14.03.2001, Az.: 1 S 90/99) Recht.

Bei schon verständigen Kindern ist jedoch häufig über die Anamneseerhebung beim Kind selbst noch eine ergänzende Anamnese über die Bezugsperson notwendig und/oder muss sie zusätzlich über das hinaus, was man dem Kind vermitteln kann, über den Umgang mit der Erkrankung (z.B. zu beachtende Symptome, Einhaltung der therapeutischen Maßnahmen) unterwiesen werden. Dann erbringt man beide Leistungen und die Nrn. 4 und 1 sind auch nebeneinander (in der gleichen Sitzung erbracht) berechenbar. Nach Empfehlung der Bundesärztekammer liegt die Altersgrenze dafür bei sechs Jahren.

Wenn nicht Nr. 4 berechnet werden kann

Wenn aber aus den oben angeführten Gründen die Nr. 4 nicht ansetzbar ist oder für den Einbezug der Bezugsperson deshalb, weil Nr. 4 nur einmal im Behandlungsfall berechenbar ist, nur die (meist) Nr. 1 oder (seltener) die Nr. 3 berechnet werden kann, kann dazu ggf. der Faktor erhöht werden. Außer in ausgesprochen „banalen“ Fällen stellt der Einbezug einer Bezugsperson eine Besonderheit dar, die zu mehr Zeitaufwand führt als das, was zu Nr. 1 oder 3 der „Standard“ ist. Diese Leistungen stellen schließlich nicht speziell auf die kinderärztliche Tätigkeit ab, sondern sind allgemeingültig.

Schließlich sollt man nicht übersehen, dass der Gesprächsinhalt auch die Voraussetzungen der Abrechnung zu Nr. 34 erfüllen kann.

► Stand: Juni 2021

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