Metformin – ein Vitamin-B12-Räuber?

Das orale Antidiabetikum Metformin beeinflusst nicht nur den Glukose-Stoffwechsel, sondern erhöht bei Langzeiteinnahme das Risiko eines Vitamin-B12-Mangels. Dieser Mangel kann neurologische und ­psychiatrische Erkrankungen verursachen. Daher sollte unter Metformin der Vitamin-B12-Status kontrolliert werden.

Die Gefahr für einen Vitamin-B12-Mangel bei Diabetikern unter Metformin ist dreifach erhöht im Vergleich zu Nicht-Diabetikern1,2 und doppelt so hoch im Vergleich zu Diabetikern ohne Metformin.3 Patienten, die mehr als zehn Jahre Metformin einnahmen, hatten häufiger ein Vitamin-B12-Defizit als Patienten mit kürzerer Einnahme.4 Bleibt ein Vitamin-B12-Mangel unbehandelt, können langfristig hämatologische Erkrankungen (megaloblastäre Anämie) und teils irreversible neurologische Schädigungen wie Polyneuropathie oder Hirnleistungsstörungen die Folge sein. Bei Typ-2-Diabetikern erhöht sich zudem die Inzidenz der kardiovaskulären autonomen Neuropathie, einem unabhängigen Risikofaktor der kardiovaskulären Morbidität und Mortalität.5 Als psychiatrische Symptome sind Vergesslichkeit, Konzentrationsmangel und Depressionen möglich.6,7 

Vitamin-B12-Mangel: Wie wird diagnostiziert? 

Die Diagnose des Vitamin-B12-Status allein über Messung des Gesamt-Vitamin-B12 im Blutserum ist nicht immer zuverlässig.8,9 Bei Blutspiegeln unter 200 ng/l muss von einem schweren Mangel ausgegangen werden, ein Gesamt-Cobalamin-Spiegel über 400 ng/l spricht für eine ausreichende Vitamin-B12-Versorgung. Bei Werten zwischen 200 und 400 ng/l ist eine Differenzierung mithilfe weiterer Laborparameter ratsam. Zuverlässiger und vor allem im Frühstadium eines Mangels sensitiver ist die Messung von Holotranscobalamin (Holo-TC), das den Status des tatsächlich aktiven Vitamin B12 wiedergibt. Holo-TC-Werte unter 35 pmol/l sprechen für einen Vitamin-B12-Mangel; der „Graubereich“ liegt zwischen 36 und 55 pmol/l. In diesem Stadium werden klinische oder hämato­logische Symptome in der Regel noch nicht beobachtet. In Zweifelsfällen empfiehlt sich die zusätzliche Messung von Methylmalonsäure (MMA) und Homocystein – funktionelle Indikatoren eines Vitamin-B12-Mangels. Sind zusätzlich zu einem niedrigen Holo-TC-Spiegel die MMA- (> 300 nmol/l bzw. > 0,4 µmol/l) und Homocysteinspiegel erhöht (> 10 µmol/l), liegt intrazellulär ein manifester Vitamin-B12-Mangel vor. Auch in diesem Stadium können klinische Symp­tome fehlen. 
 

Symptome eines Vitamin-B12-Mangels

unspezifische
Beschwerden

Leistungsabfall, Stimmungsschwankungen

Schlaf- und Konzentrationsstörungen

neurologische Beschwerden

funikuläre Myelose

Polyneuropathie

Missempfindungen in den unteren Extremitäten­

psychiatrische Beschwerden

kognitive Beeinträchtigungen bis hin zum erhöhten Risiko für Demenz

Depressionen

megaloblastäre Anämie

blasse Haut und Schleimhäute

Schwäche

Schwindel

 

Vitamin-B12-Substitution: oral oder parenteral?

Bei nachgewiesenem Vitamin-B12-Mangel sollte der Entwicklung von Mangelsymptomen durch eine Substitution vorgebeugt werden. Diese kann selbst bei Patienten mit Resorptionsstörungen in Form einer hochdosierten oralen Supplementierung erfolgen.10 Bei hoher oraler Dosierung kann das Vitamin unabhängig vom für die Vitamin-B12-Resorption notwendigen Intrinsic-Faktor (IF) durch passive Diffusion über die Darmschleimhaut resorbiert werden. Nach oraler Verabreichung von 1.000 µg Vitamin B12 werden 14 % über den IF und 86 % passiv über Diffusion aufgenommen.11 Zudem konnte gezeigt werden, dass eine orale Therapie von 1.000 – 2.000 µg Vitamin B12 bei Patienten mit Resorptionsstörungen besser verträglich ist als eine intramuskuläre Injektion.12

Bei Patienten mit einer Vitamin-­B12-Mangel-bedingten perniziösen Anämie oder schweren neurologischen Symptomen empfiehlt sich anfangs eine parenterale Behandlung, die oral weitergeführt werden sollte. 

Die Gesellschaft für Biofaktoren e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der das Ziel verfolgt, die wissenschaftlichen Grundlagen der Therapie und Prophy­laxe mit Biofaktoren zu fördern. Zu den Biofaktoren gehören insbesondere Vitamine und Mineralstoffe – Substanzen, die der Körper für seine physiologischen Funktionen benötigt und die gesundheitsfördernde oder krankheitsvorbeugende biologische Aktivitäten besitzen. 

Dr. Daniela Birkelbach

1 De Groot-Kamphuis DM et al. Neth J Med 2013 Sep, 71(7): 386-390.
2 Damião CP et al. Sao Paulo Med J 2016 June 03, ISSN 1516-318.
3 Yang W et al. J Diabetes 2019 Sep, 11(9): 729-743.
4 Chapman et al. Diabetes metab 2016 Apr 26. 
5 Hansen C et al. J Diabetes Complications 2017; 31: 202-208.
6 Köbe T et al. Am J Clin Nutr 2016 Apr, 103(4): 1045-1054.
7 Tiemeier H et al. Am J Psychiatry 2002, 159: 2009-2101.
8 Herrmann W et al. Dtsch Arztebl 2008, 105(40): 680-685. 
9 Reiners K: Vitaminkrankheiten. In: Hoffmann GF, Grau AJ (Hrsg): Stoffwechselerkrankungen in der Neurologie. Stuttgart: Thieme, 2004: 163-176.
10 Andrès et al. J Clin Med 2018, 7 (304).
11 Biesalski HK et al. Ernährungsmedizin. Nach dem Curriculum Ernährungsmedizin der Bundesärztekammer, 5. Auflage, Stuttgart: Thieme, 2018.
12 Bolaman Z et al. Clinical Therapeutics 2003, 25(12).

Quelle: Gesellschaft für Biofaktoren e. V. (GfB)