Pille kann zu Nährstoffmangel führen

Arzneimittel können die Resorption essenzieller Biofaktoren wie Vitamine, Mineralstoffe oder Spurenelemente hemmen oder deren Ausscheidung fördern, was zu einem Nährstoffmangel und gesundheitlichen Problemen führen kann. Auch bei der Einnahme oraler Kontrazeptiva kann sich das Risiko für einen Nährstoffmangel erhöhen. Unter der Pille gilt es, insbesondere auf die Versorgung mit Vitamin B12 und Folsäure zu achten.

Der Biofaktoren-Haushalt kann durch zahlreiche Arzneimittel negativ beeinflusst werden.1,2 Dafür gibt es im Wesentlichen folgende Angriffspunkte: den Darm und die Niere. Es kann zu einer verminderten intestinalen Resorption essenzieller Vitamine und Mineralstoffe und/oder einer verstärkten Ausscheidung der Biofaktoren über Darm oder Niere kommen. Orale Kontrazeptiva stören zudem Enzymprozesse, die von bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen abhängen, erhöhen damit deren Verstoffwechselung und steigern so zusätzlich den Bedarf der betroffenen Nährstoffe.3

Auch wenn eine Pharmakotherapie nicht automatisch zum Biofaktoren-Mangel führt, sondern vom individuellen Ernährungsstatus und der Einnahmedauer des Arzneimittels abhängt, sollte dieser Aspekt in der täglichen Praxis verstärkt beachtet werden. Die Gesellschaft für Biofaktoren (GfB) hat daher umfangreiches Studienmaterial über den Einfluss von Arzneimitteln auf den Biofaktoren-Status geprüft. Für die gynäkologische Praxis von Interesse ist, dass orale Kontrazeptiva, insbesondere bei Langzeiteinnahme, zu einem Mangel zahlreicher essenzieller Biofaktoren führen können.4

Die Pille kann zum Vitamin-B12­-Räuber werden

Unter der Einnahme oraler Kontrazeptiva lassen sich niedrigere Vitamin-B12-Level im Serum nachweisen.5 Es gibt Hinweise, dass die Langzeiteinnahme der Pille zu einer signifikanten Verringerung des Vitamin-B12-Serumspiegels führt, die Vitamin-B12-Konzentration in den Erythrozyten aber normal blieb. Orale Kontrazeptiva beeinflussen zirkulierende Proteine und reduzieren Transcobalamin, ein Vitamin-B12-bindendes Protein im Serum.2

Laut der Nationalen Verzehrsstudie II nehmen in der Gruppe der jungen Frauen zwischen 14 und 24 Jahren – der klassischen Altersspanne für die Einnahme der Pille – 33 % weniger Vitamin B12 auf als von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung8 empfohlen. Da die Vitamin-B12-Versorgung weitgehend nur durch Lebensmittel tierischen Ursprungs möglich ist, erhöht sich das Risiko für junge Frauen, die sich vegetarisch und vegan ernähren, noch weiter. Daher ist es ratsam, in der täglichen Praxis auf die Vitamin-B12-Versorgung unter Einnahme oraler Kontrazeptiva zu achten.9

Folsäure-Mangel – Risiko für Schwangerschaftskomplikationen

Auch wenn die aktuelle Studienlage nicht kongruent ist, liegen Hinweise auf geringere Folsäure-Level im ­Serum unter der Einnahme oraler Kontrazeptiva und auf eine signifikante Verbesserung des Folsäure-­Status unter Supplementierung vor.6 Eindeutig dokumentiert ist auch, dass nach Absetzen der Pille ein Folsäure-Defizit in der Schwangerschaft das Risiko für fetale Fehlbildungen erhöhen kann.11,12 Daher empfiehlt die DGE13 gemäß einer Leitlinie der Weltgesundheitsorganisation WHO14 Frauen mit Kinderwunsch zusätzlich zu folatreicher Ernährung die tägliche Einnahme von 400 µg synthetischer Folsäure – und zwar bereits spätestens vier Wochen vor Eintritt einer Schwangerschaft. Durch rechtzeitige Folsäure-Supplementierung kann beispielsweise das Risiko für Neuralrohrdefekte um bis zu 80 % reduziert werden.15,16

Unter der Pille Nährstoffmangel im Blick behalten

Bei Frauen, die orale Kontrazeptiva einnehmen, gilt es neben dem Status von Vitamin B12 und Folsäure auch auf die Versorgung mit Magnesium und Zink sowie Vitamin C zu achten. Informationen zu den letztgenannten Biofaktoren und zum Thema Biofaktoren-Räuber generell finden Sie auf der Webseite der Gesellschaft für Biofaktoren: www.gf-biofaktoren.de

► Die Gesellschaft für Biofaktoren e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der das Ziel verfolgt, die wissenschaftlichen Grundlagen der Therapie und Prophylaxe mit Biofaktoren zu fördern. Zu den Biofaktoren gehören insbesondere Vitamine und Mineralstoffe – Substanzen, die der Körper für seine physiologischen Funktionen benötigt und die gesundheitsfördernde oder krankheitsvorbeugende biologische Aktivitäten besitzen.

Literarur

1 Mohn et al.: Evidence of Drug-Nutrient interactions with chronic use of commonly prescribed medications: An update. Pharmaceutics 2018, 10: 36ff
2 Samaras D et al.: Effects of widely used drugs on micronutrients: A story rarely told. Nutrition 2013, 29: 605-610
3 Palmery M et al.: Oral contraceptives and changes in nutritional requirements. Eur Rev Med Pharmacol Sci  2013 Jul, 17(13): 1804-1813
4 Thorp VJ: Effect of oral contraceptive agents on vitamin and mineral requirements. J Am Diet Assoc. 1980 Jun, 76(6): 581-584
5 McArthur JO et al.: Biological variability and impact of oral contraceptives on vitamins B6, B12 and folate status in women of reproductive age. Nutrients  2013 Sep 16, 5(9): 3634-3645
6 Bielenberg J: Folic acid and vitamin deficiency caused by oral contraceptives. Med Monatsschr Pharm. 1991 Aug, 14(8): 244-2476 Max Rubner-Institut (MRI): Nationale Verzehrsstudie II. Ergebnisbericht, Teil 2. Karlsruhe, 2008. https://www.mri.bund.de/fileadmin/MRI/Institute/EV/NVSII_Abschlussbericht_Teil_2.pdf  S. 123-124
7 Max Rubner-Institut (MRI): Nationale Verzehrsstudie II. Ergebnisbericht, Teil 2. Karlsruhe, 2008. https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/vitamin-b12/ https://www.mri.bund.de/fileadmin/MRI/Institute/EV/NVSII_Abschlussbericht_Teil_2.pdf  S. 123-124
8www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/vitamin-b12/
9 Weitere Informationen zu Vitamin B12, insbesondere zu Diagnostik, Mangelsymptomen und Dosierungsempfehlungen finden Sie auf der Webseite der Gesellschaft für Biofaktoren: www.gf-biofaktoren.de
10 Wilson SM et al.: Oral contraceptive use: impact on folate, vitamin B₆, and vitamin B₁ ₂ status.  Nutr Rev 2011 Oct, 69(10): 572-583
11 van Gool JD et al.: Folic acid and primary prevention of neural tube defects: A review. Reprod Toxicol 2018, 80: 73-84
12 From the Centers for Disease Control (CDC): Use of folic acid for prevention of spina bifida and other neural tube defects – 1983-1991.  JAMA 1991 Sep 4, 266(9): 1190-1191
13 https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/folat/
14 WHO Guideline, Daily iron and folic acid supplementation in pregnant women, 2012
15 Imbard A et al.: Neural tube defects, folic acid and methylation. Int J Environ Res Public Health 2013 Sep 17, 10(9): 4352-4389
16 Llamas Centeno MJ et al.: Folic acid: Primary prevention of neural tube defects. Literature Review. Arch Esp Urol 2016 Mar, 69(2): 73-85

Dr. Daniela Birkelbach
Gesellschaft für Biofaktoren e. V. 
daniela.birkelbach@gf-biofaktoren.de
www.gf-biofaktoren.de