CME: Biofaktoren-Mangel im Alter

K. Kisters

Bei Senioren wird die für die Altersgruppe empfohlene Zufuhr an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen oft nicht erreicht. Ein Mangel an diesen essentiellen Biofaktoren kann neurologische und psychiatrische Beschwerden sowie Erkrankungen innerer ­Organe hervorrufen oder verschlimmern und die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Am Beispiel der ­Vitamine B12 und D sowie Magnesium und Zink zeigt dieser Beitrag die gesundheitlichen Folgen eines Mangels bei älteren Menschen.

Nehmen Sie hier an unserer CME-Fortbildung teil. Die Teilnahme ist bis zum 24.01.2022 möglich.

Jeder zehnte Pflegeheimbewohner in Deutschland ab 65 Jahren gilt als mangelernährt, so die Ergebnisse der ErnSTES-Studie, einer Multicenterstudie zur Ernährung älterer Menschen in stationären Einrichtungen.1 Demnach befindet sich nur ein Drittel der Bewohner in einem unauffälligen Ernährungszustand, über die Hälfte der untersuchten Senioren wurde als mangelernährt, 11 % als manifest mangelernährt eingestuft. 

Aufgrund der schlechten Ernährungssituation ist es nicht verwunderlich, dass die Zufuhr der meisten Biofaktoren bei Senioren unterhalb der D-A-CH-Referenzwerte liegt.2 Im Zuge des Alterungsprozesses nimmt die Leistungsfähigkeit des Gastrointestinaltrakts und dadurch bedingt die Resorptionsquote von Biofaktoren aus der Nahrung ab. Zudem können Kau- und Schluckprobleme, mentale Störungen, eine verminderte Durst- und Geschmackswahrnehmung sowie chronische Erkrankungen und Arzneimittelinteraktionen einen Vitamin- und Mineralstoff-Mangel begünstigen, der wiederum das Risiko für die Entwicklung gesundheitlicher Beschwerden und Krankheiten erhöht.3 

Insbesondere kardiologische Krankheiten wie Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen oder Hypertonie, neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz, Polyneuropathie und Parkinson sowie Osteoporose oder Depressionen können neben anderen Ursachen auch mit einer Unterversorgung an Vitaminen und Mineralstoffen in Zusammenhang stehen. Bei Verdacht auf einen Biofaktoren-Mangel sollte dieser diagnostisch überprüft und bei nachgewiesenem Mangel durch eine gezielte Supplementierung ausgeglichen werden, da nach länger bestehendem Mangel verursachte Schäden irreversibel werden können. 
 

Vitamin-B12-Mangel bei Senioren 

Rund ein Drittel der Menschen über 65 Jahre sind von einem Vitamin-B12-Mangel betroffen, bei den über 85-Jährigen sind es 37,6 %,4 bei Senioren in stationären Pflegeheimen in einer Studie sogar 40 %.

Nicht nur durch ungenügende alimentäre Zufuhr, auch durch Malabsorption bei Darmkrankheiten wie Morbus Crohn und Zöliakie sowie nach Darmoperationen oder -resektionen kann es zu einem Vitamin-B12-Mangel kommen. Ein Mangel des Transportproteins Intrinsic-Faktor, verursacht durch eine chronische Gastritis, Magenteilresektionen oder eine Typ-A-Gastritis, führt ebenfalls zur verminderten Vitamin-B12-Aufnahme. Zudem kann es durch chronischen Alkoholkonsum oder Pankreaserkrankungen zu Vitamin-B12-Resorptionsstörungen kommen, genauso durch Lebererkrankungen aufgrund mangelnder Speicherung des Vitamins.

Arzneimittelgruppe

Arzneimittel (Wirkstoff)

Analgetika (Gruppe der NSAR)

Acetylsalicylsäure, ASS

Antiepileptika

Carbamazepin

Valproinsäure

Primidon

Phenytoin

Phenobarbital

Antibiotika

Neomycin

Chloramphenicol

Antidiabetika

Metformin

Antihypertonika

Methyldopa

Antiparkinson-Mittel

L-Dopa

Antirheumatika

Methotrexat

Diuretika

Thiazide, z.B. Hydrochlorothiazid

Schleifendiuretika, z.B. Furosemid

Kaliumsparende Diuretika, z.B. Triamteren

Orale Kontrazeptiva

„Pille“: Estrogene, Progesteron

Lipidsenker

Colestyramin

Magen-Darm-Therapeutika

Antazida mit Al-/Mg-hydroxid

Natriumbicarbonat

Protonenpumpenhemmer

H2-Antagonisten

Sulfasalazin

Tab. 1: Verschiedene Arzneimittel können einen Vitamin-B12-Mangel bedingen.

 

Vitamin-B12 und Arzneimittel

Bei Senioren kann es durch zahlreiche Arzneimittel zum Vitamin-B12-Mangel kommen.6 Eine langfristige Einnahme von Protonenpumpenhemmern erhöht das Risiko eines Vitamin-B12-Mangels um 65 % und von H2-Blockern um 25 %.7 Auch Diabetiker unter Metformintherapie können in einen Vitamin-B12-Mangel geraten. Die Gefahr ist bei Diabetikern unter Metformin dreifach erhöht im Vergleich zu Nicht-Diabetikern8 und doppelt so hoch im Vergleich zu Diabetikern ohne Metformin.

Bei intestinaler Zufuhr einer L-Dopa/Carbidopa-Kombination tritt bei den meisten Patienten ebenfalls ein Vitamin-B12-Mangel auf – oft begleitet von einem Vitamin B6- und Folsäuremangel.10 Patienten mit dieser Medikation müssen daher gezielt substituiert werden. Kontrollbedürftig sind die genannten Vitaminspiegel auch bei oraler L-Dopa-Medikation.11 Andere Arzneimittel können ebenfalls einen Vitamin-B12-Mangel auslösen (siehe Tab. 1).12


Fakten zur Physiologie 

  • Vitamin B12 ist ein Überbegriff für verschiedene im Organismus wirksame Verbindungen mit demselben chemischen Grundgerüst, den Cobalaminen. Therapeutisch werden Cyano- und Hydroxocobalamin eingesetzt, die im Organismus zu den wirksamen Formen Methyl- und 5‘-Adenosylcobalamin umgewandelt werden können.13 
  • Vitamin B12 – zum Teil in Kombination mit Folsäure – ist an der DNA-Synthese und damit an allen Wachstumsprozessen beteiligt und essentiell für die Erneuerung und Vermehrung der Körperzellen. Wichtig ist Vitamin B12 für die Erythro­poese und Funktionen im ZNS, da es an Bildung und Regeneration der Myelinscheiden beteiligt ist sowie für intakte Schleimhäute des Gastrointestinaltrakts und die Regulierung zahlreicher weiterer B12-abhängiger Stoffwechselprozesse.
  • Vitamin B12 wird aktiv und passiv resorbiert. Nach der alimentären Aufnahme gelangt Cobalamin in mehreren Schritten ins Blut. Im ersten Schritt wird es an das Protein Haptocorrin (HC) gebunden, dass das säureempfindliche Cobalamin vor dem niedrigen pH-Wert des Magens schützt. Im Duodenum spaltet sich HC ab, und Cobalamin wird an den aus Magenzellen abgegebenen Intrinsic-Factor (IF) gebunden. Im Dünndarm wird Vitamin B12 aktiv in der an den IF gebundenen Form resorbiert. Die Resorptionskapazität ist dabei auf ca. 1 µg pro Mahlzeit begrenzt. Zudem wird Vitamin B12 passiv, über Diffusion, aufgenommen und gelangt ins Blut. Für diesen Mechanismus spielt der IF keine Rolle, und es gibt keine relevante Begrenzung der Resorptionskapazität. Therapeutisch kann man diesen passiven Resorptionsmechanismus u.a. bei Patienten mit fehlendem IF (z. B. nach Magenresektion) nutzen, um eine ausreichende Vitamin-B12-Resorption zu gewährleisten. Studien konnten zeigen, dass nach oraler Verabreichung von 1.000 µg Vitamin B12 10,5 µg über den Darm aufgenommen werden, davon nur 14 % über den IF und 86 % passiv über den Diffusionsmechanismus.14 Weiter konnte belegt werden, dass eine orale Hochdosistherapie von 1.000-2.000 µg Vitamin B12 bei Resorptionsstörungen genauso wirksam ist wie die intramuskuläre Injektion.15

 

Symptome eines Vitamin-B12-Mangels

Ein Mangel an dem Biofaktor zeigt sich anfangs mit unspezifischen Symptomen, Patienten sind müde, erschöpft und neigen zu einer geschwächten Immunabwehr, können sich unsicher auf den Beinen fühlen und unter Missempfindungen in den unteren Extremitäten wie Brennen, Kribbeln und Taubheitsgefühlen leiden.13 

Die bei Vitamin-B12-Mangel auftretenden Störungen der Erythropoese mit der Entwicklung einer megaloblastären An­ämie und die neurologischen Folgen können auch mit schwerwiegenden Erkrankungen einhergehen. Während die Blutbildveränderungen charakteristisch sind und daher die Diagnose eines Vitamin-B12-Mangels bestätigen, sind die neurologischen Beschwerden vielfältiger und werden nicht immer als Folgen einer Vitamin-B12-Unterversorgung erkannt. Allerdings sind die neurologischen und neuropsychiatrischen Symptome häufig die frühesten und zum Teil einzigen klinischen Symptome eines funktionellen Vitamin-B12-Mangels und können hämatologischen Anomalien Monate bis Jahre vorausgehen oder ganz ohne Blutbildveränderungen auftreten. 

Neurologisch macht sich der Vitamin-B12-Mangel als funikuläre Myelose bemerkbar, die durch Leitungsstörungen der Nervenbahnen im Hinterstrangsystem und der Pyramidenseitenbahnen des Rückenmarkes, aber auch in den peripheren sensiblen Nervenfasern mit der Folge einer Neuropathie-Entwicklung gekennzeichnet ist. 

Zu den Symptomen zählen:16

  • Parästhesien: Kribbeln und Ameisenlaufen in Armen oder Beinen
  • Sensibilitätsstörungen: Einschnür- oder Manschettengefühl an Unterschenkeln und Fußgelenken
  • Störungen der Tiefensensibilität: Erkennen und Lage der Stellung, z. B. der Beine sind gestört
  • Gang- und Standunsicherheit mit Muskelschwäche 
  • erhöhte Sturzneigung
  • Ausfall der Reflexe
  • Lähmungen

Zudem kann es durch Schädigung zentraler Nervenbahnen zu zerebralen Störungen kommen, die sich symptomatisch als Verwirrtheit, Stupor, Gedächtniseinbußen und Psychosen zeigen können.17 

Ein latenter Vitamin-B12-Mangel bei älteren Menschen ist mit einer Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit und signifikant geringeren Gedächtnisleistungen verknüpft und zählt zu den häufigsten behandelbaren Ursachen einer Demenz.18 

Auch konnte bei etwa 30 % der Menschen, die unter Depressionen leiden, ein erniedrigter Vitamin-B12-Blutspiegel nachgewiesen werden, wobei vor allem bei Senioren mit Vitamin-B12-Mangel ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Depression beobachtet wird.19 

Nicht zuletzt gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen erniedrigten Vitamin-B12-Blutspiegeln – in Kombination mit einer Hyperhomocysteinämie – und einem erhöhten Risiko für Alzheimer-Demenz.20

 

Diagnostik eines Vitamin-B12-Mangels

Als Normwerte gelten Gesamt-Vitamin-B12-Serumspiegel zwischen 200 und 1.000 ng/l, wobei das Gesamt-Vitamin-B12 als später, unsensitiver und ungenauer Biomarker eines Vitamin-B12-Defizits gilt.21 Werte unter 200 ng/l belegen einen sicheren Mangel, bei Werten zwischen 200 und 400 ng/l empfiehlt sich die Untersuchung weiterer Laborparameter. Sensitiver ist die Messung von Holo­transcobalamin (Holo-TC), das den Status des tatsächlich aktiven Vitamin B12 wiedergibt. Erniedrigte Holo-TC-Werte unter 35 pmol/l deuten auf einen Vitamin-B12-Mangel hin, der „Graubereich“ liegt zwischen 36 und 55 pmol/l. 

In diesem Stadium fehlen oft klinische oder hämatologische Symptome. Ergänzend empfiehlt sich die Messung von Methylmalonsäure (MMA) und/oder Homocystein. Sind zusätzlich zu niedrigen Holo-TC-Spiegeln die MMA- (> 300 nmol/l bzw. > 0,4 µmol/l) und Homocysteinspiegel erhöht (> 10 µmol/l), liegt intrazellulär ein manifester Vitamin-B12-Mangel vor. Zu beachten ist, dass alle genannten Laborparameter bei Niereninsuffizienz unzuverlässig sein können, so dass ein Therapieversuch mit Vitamin B12 indiziert ist.

Biofaktor Magnesium und Herz-Kreislauferkrankungen

Nach Ergebnissen der ErnSTES-Studie gilt die Magnesiumversorgung älterer Menschen oft als unzureichend, was sich negativ auf Funktionen des Herz-Kreislaufsystems auswirken kann. 

Im kardiovaskulären System reguliert der Biofaktor Magnesium die Aktivität der Ionenkanäle in den Herzmuskelzellen. Zudem beeinflusst Magnesium die intrazelluläre Calciumhomöostase und reguliert die myokardiale Kontraktilität.22 Magnesium spielt eine wichtige Funktion für die Herzmuskelleistung, es ökonomisiert die kardiale Bioenergetik, wirkt antiarrhythmisch und kardioprotektiv. 

Bei Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems wie Hypertonie, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen wird häufig ein Magnesiummangel festgestellt. Umgekehrt übt eine orale Magnesium-Supplementation einen positiven Einfluss bei Hypertonie aus – sowohl auf den systolischen als auch diastolischen Blutdruck.23 

Patienten mit Grenzwerthypertonie oder beginnender Hypertonie können von einer alleinigen Magnesiumtherapie profitieren, und Blutdruckwerte lassen sich in vielen Fällen wieder normalisieren. Bei bereits etablierter Hypertonie kann Magnesium zu einer weiteren Blutdrucksenkung und eventuell zur Einsparung von Antihypertonika beitragen.24 Zudem zeigt sich ein dosisabhängiger Magnesiumeffekt: Mit jeder Zunahme der täglichen Magnesiumdosis um 10 mmol sank der systolische Blutdruck um 4,3 und der diastolische Blutdruck um 2,3 mmHg.25

Magnesium und Herzrhythmus­störungen

Insbesondere Herzrhythmusstörungen vom Torsades de Pointes-Typ sprechen auf eine Magnesiumtherapie an. Auch ist ein positiver Einfluss von Magnesium auf supraventrikulare Tachykardien und auf eine gehäufte Extrasystolie beschrieben worden.26

Bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen (ICD: 147. – 149.9) sollte der Magnesium­status neben anderen Elektro­lyten erfasst und auf eine magnesiumreiche Kost geachtet werden. Bei Vorliegen eines Magnesiummangels aufgrund erhöhter ­Verluste, beispielsweise durch Resorptionsstörungen oder Diuretika, ist eine zusätzliche Magnesium-Supplementation (240 bis 480 mg) notwendig.27
 

 

Magnesium-Therapie wirkt sich positiv bei Herzkrankheiten aus 

Erniedrigte Magnesium-Serumspiegel unter dem als optimal angesehenen Wert von 0,80 mmol/L können mit einer erhöhten KHK-Sterblichkeit und einem erhöhten Risiko für plötzlichen Herztod assoziiert sein.28 Ein ausgeglichener Magnesiumhaushalt, gegebenenfalls durch eine erfolgte Magnesiumtherapie, kann sich auch günstig auf eine Herzinsuffizienz auswirken. Grundsätzlich ist bei einer Magnesium-­Supplementierung zu berücksichtigen, dass organische Verbindungen im Vergleich zu anorganischen Verbindungen in der Regel besser verträglich und bioverfügbar sind.29-31

Vitamin D und Magnesium wirken synergistisch 

Vitamin D benötigt Magnesium für die Umwandlung in das aktive Calcitriol und unterstützt die Magnesium-Resorption im Dünndarm. Eine hohe Magnesiumzufuhr ist mit einem signifikant niedrigeren Risiko für einen Vitamin-D-Mangel verknüpft.32  Insbesondere in puncto kardiovaskulärer Gesundheit, die gerade bei Senioren eine wichtige Rolle spielt, macht sich der Synergismus der beiden Biofaktoren bemerkbar. So kann bei Patienten mit Hypertonie und Herzinsuffizienz häufig ein kombinierter Magnesium- und Vitamin-D-Mangel festgestellt werden. 

Zudem ist im Hinblick auf ein erhöhtes Osteoporose-Risiko, unter dem bekanntermaßen ältere Menschen besonders leiden, neben dem Vitamin-D- auch der Magnesium-Status zu berücksichtigen. Dies erklärt sich durch folgenden Mechanismus: Nur ca. 1 % des Körperbestandes an Magnesium befindet sich im Blut, rund 60 % sind in den Knochen eingelagert und ca. 39 % befinden sich in Muskeln und Organen. Bei reduzierter Magnesiumzufuhr wird der Biofaktor aus den Knochen freigesetzt, um den Magnesiumgehalt im Blut konstant zu halten. 

Nicht nur im Hinblick auf ein erhöhtes Osteoporose-Risiko, sondern generell schließen daher normale Serumwerte einen Magnesiummangel nicht aus. Aus diesem Grund sollten diagnostisch Magnesiummangel-Symptome im Vordergrund stehen (siehe Tab. 2).

 

Magnesiummangel-
Symptome

unspezifische Symptome: Erschöpfung, Schlafstörungen, Nervosität

Krämpfe und Verspannungen: Muskelzittern, -zuckungen, Wadenkrämpfe, Verspannungen, Verkrampfungen, Tetanie, Kopfschmerzen

erhöhtes Osteoporose-Risiko

erhöhtes Diabetes-Risiko

kardiovaskuläre Störungen: Engegefühl der Brust, Hypertonie, Herzrhythmusstörungen

gastrointestinale Störungen: Vomitus, Erbrechen, Krämpfe, Obstipation

Tab. 2: Magnesiummangel kann verschiedene Symptome verursachen.

 

    Weitere Informationen 
    zu Vitamin D:


    - Adipositas erhöht das Risiko eines Vitamin-D-Mangels.35 Bereits eine 10 %ige Gewichtszunahme führt zu einem Rückgang der Vitamin-D-Spiegel um mehr als 4 %. 
    - Es gibt Hinweise, dass sich eine Vitamin-D-Supplementierung bei Autoimmunerkrankungen vorteilhaft zeigt. Allerdings fehlen größere klinische Studien.36
    - Positive Effekte von Vitamin D auf das Herz-Kreislaufsystem, bei einigen Krebserkrankungen und Diabetes mellitus sind bekannt.37
    -  Eine Vitamin-D-Supplementation kann die pharmakologische Wirkung von Bisphosphonaten verbessern.38

    Vitamin D für Knochenstoffwechsel, Muskulatur und Immunsystem

    Die Vitamin-D-Versorgung in Deutschland gilt als unzureichend: Fast 62 % der Bevölkerung weisen zu geringe Serum­konzentrationen an Vitamin D auf.33 Ältere Menschen sind besonders von einem Vitamin-D-Mangel betroffen, da neben ungenügender alimentärer Zufuhr ab dem 60. Lebensjahr die körpereigene Vitamin-D-Synthese abnimmt. Zum einen ist der Gehalt der Vitamin-D-Vorstufe 7-Dehydrocholesterol in der Haut vermindert, zum anderen sinken Leber- und Nierenleistung, um aktives Vitamin D, das Calcitriol (1,25(OH)2D3), zu bilden. Zudem sind ältere Menschen häufig pflege­bedürftig und immobil und halten sich seltener im Freien auf.34

    Auch kann die Vitamin-D-Resorption durch chronische Malabsorptionssyndrome vermindert sein, z. B. bei Mukoviszidose, Morbus Crohn, Zöliakie und Lebererkrankungen. Bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz wird renal mehr Vitamin D ausgeschieden und weniger aktives Vitamin D gebildet. Auch die langfristige Einnahme von Arzneimitteln wie Antiepileptika, Sedativa, Glukokortikoiden, Protonenpumpeninhibitoren, Aromatasehemmern oder Zytostatika kann zu einer Vitamin-D-Unterversorgung führen. 

    Zink – Biofaktor für Immunsystem, Haut und Hormonsynthese

    Der nationalen Verzehrsstudie II zufolge nehmen in Deutschland 17 bis 44 % der Menschen in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht weniger Zink über die Nahrung auf, als von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlen.39 Bei älteren Menschen wird eine Zinkunterversorgung insbesondere durch ungenügende alimentäre Zufuhr und Resorptionsstörungen verursacht. Zusätzlich steigt das Risiko für einen Zinkmangel, wenn Krankheiten und Arzneimittel wie Diuretika, Tetrazykline, ACE-Hemmer, Amphotericin B, Metho­trexat, orale Kontrazeptiva, Glukokortikoide oder Magen-Darm-Therapeutika den Zinkbedarf erhöhen. 
     

    Zink und Immunsystem

    Für eine intakte Immunabwehr, die auch im Alter unerlässlich ist, spielt Zink eine wichtige Rolle40,41 da es Teile der angeborenen und erworbenen Immunabwehr unterstützt und zu einer direkten Aktivierung von Makrophagen führt.42 Zink ist für die humorale und zelluläre Immunantwort unerlässlich, insbesondere für die T-Lymphozyten-Produktion. Die T-Zell-Proliferation kann sich durch eine Zink-Supplementation signifikant erhöhen43; durch hohe Zinkdosen lässt sich die Dauer von Erkältungssymptomen signifikant verkürzen.44  Umgekehrt kann ein Zinkmangel mit einer erhöhten Infektionsrate und Infektionsdauer verbunden sein. Beispielsweise konnte an 600 Bewohnern eines Seniorenheims gezeigt werden, dass niedrige Zinkspiegel mit einer höheren Rate an Pneumonien verknüpft sind.45 Durch Supplementierung hoher Zinkgaben von 75 mg pro Tag und höher innerhalb von 24 Stunden nach Auftreten erster Symptome eines grippalen Infektes kann die Erkrankungsdauer signifikant reduziert werden, nicht jedoch die Ausprägung der Symptome.

    In seiner antiviralen Wirkung unterdrückt Zink die Replikation von Rhinoviren und verhindert, dass sich die Viren an Wirtszellen in der Nasenschleimhaut anheften, indem es dort selbst andockt. Zudem gibt es Hinweise, dass Zink die Anheftung der Viren an ICAM-1-Rezeptoren im Nasenephitel verhindern und die Ausschüttung von Histamin und den Prostaglandin-Stoffwechsel unterbinden kann. So schwellen die Nasenschleimhäute weniger stark an, was die Atmung der Patienten erleichtert.46

    Zur Zink-Diagnostik

    Die Messung der Zinkkonzentration im Serum (Referenzbereiche für Erwachsene bei 9 bis 18 µmol/l bzw. 0,6 bis 1,2 mg/dl) oder der Aktivität zinkhaltiger Enzyme zeigten wenig überzeugende Ergebnisse.48 Möglich, aber zeitaufwendig ist die Zinkanalyse im Vollblut, bei der neben dem Serum die Erythrozyten Berücksichtigung finden. Da der überwiegende Teil von Zink erythrozytär gebunden ist, unterliegt die Vollblutdiagnostik weniger Störeinflüssen.40 

    Die Zinkbestimmung im Plasma (Referenzbereiche für Frauen bei 9 bis 22 µmol/l bzw. 0,6 bis 1,45 mg/dl und bei Männern 12 bis 26 µmol/l bzw. 0,8 bis 1,7 mg/dl) ist die am häufigsten angewandte Labormethode. Es sollte aber berücksichtigt werden, dass die Zink-Plasmakonzentration durch Anpassung von Aufnahme und Ausscheidung über einen weiten Zufuhrbereich konstant gehalten wird. Normale Plasmawerte schließen einen Zinkmangel nicht aus. Umgekehrt müssen niedrige Zinkwerte im Plasma nicht unbedingt auf einen Mangel hinweisen, da auch Stress, Infektionen und Entzündungen die Werte absenken können.

    Der auch laut Empfehlung der DGE einfachste und zuverlässigste Weg stützt sich daher in der Zink-Diagnostik auf die Anamnese möglicher Ursachen und die Verminderung der Symptome nach Zink-Gabe. 
     

    Weitere Indikationen bei
    Senioren für eine Zink-Supplementierung:


    - verminderte Nachtsicht
    - Wachstumsverzögerungen, 
    auch von Haut, Haar und
    Nägeln
    - raue, trockene Haut, Wundheilungsstörungen,
    Alopezie
    - Störungen der Immunabwehr
    - Lethargie
    - neurosensorische Störungen
    - Inappetenz,  Durchfall, Gewichtsverlust
    - emotionale Störungen, Depressionen 

    Das sollte bei einer Zink-Supplementierung beachtet werden

    Eine hohe und sichere Dosis bei langfristiger Einnahme sind 25 mg Zink pro Tag bei Erwachsenen. Der Tolerable Upper Intake Level (UL) wurde von der European­ Food Safety Agency (EFSA) festgelegt. Er definiert – mit Sicherheitsfaktor – die höchste sichere Tageszufuhr, mit der auch bei lebenslanger Aufnahme keine negativen gesundheitlichen Beeinflussungen zu erwarten sind.49 Wenn längerfristig 50 mg Zink täglich zugeführt werden, sind Anämien, Störungen im Eisen- oder Kupferhaushalt, des Immunsystems oder des Fettstoffwechsels möglich.50 Allerdings gibt es auch gegenteilige Untersuchungen, bei denen selbst mehrwöchige Supplementierungen mit 50 mg Zink pro Tag keine negativen Auswirkungen auf den Kupferstatus hatten.51
    Zink-Supplemente sollten gut verträglich sein und sich durch eine hohe Bioverfügbarkeit auszeichnen. Zinkoxid ist schlechter bioverfügbar als Zinksulfat und organische Zinkverbindungen wie Zink­orotat oder Zinkgluconat werden besser aufgenommen als anorganische.40 

    Fazit

    Gerade bei Senioren, die durch Fehlernährung, Krankheiten und Arzneimittelinteraktionen einem erhöhten Risiko eines Vitamin- und Mineralstoffmangels ausgesetzt sind, sollte auf die Biofaktoren-Versorgung geachtet werden. Am Beispiel der Vitamine B12 und D sowie Zink und Magnesium wird empfohlen, Mangelzustände gezielt auszugleichen, um Krankheiten älterer Menschen vorzubeugen bzw. deren Entwicklung positiv zu beeinflussen.

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    Finanzielle Interessen: Prof. Klaus Kisters gibt keine Interessenkonflikte an. 
    Nichtfinanzielle Interessen: Vizepräsident der Gesellschaft für Mg++Forschung, Vizepräsident der Gesellschaft für Biofaktoren, Tagungspräsident der Hochdruckliga 2019.

    Korrespondenzadresse
    Prof. Dr. med. Klaus Kisters
    Chefarzt der Klinik für Innere Medizin
    Medizinische Klinik I
    St. Anna Hospital
    Hospitalstraße 19, 44649 Herne
    E-Mail: medklinik1(at)annahospital(dot)de